Hol dir unseren Newsletter:
Jede Woche aktuelle Infos und Zwischentöne direkt in deine Mailbox.
Pritscheln, lesen, ausruhen
Eine neue Erzählung für den Praterstern

„KENH Architekten“ planten den bislang letzten Umbau des Pratersterns. Vier Jahre nach der Eröffnung zieht Geschäftsführer Eric-Emanuel Tschaikner Bilanz.

Architekt Eric Tschaikner am Praterstern
Bei den Sitzgelegenheiten „haben wir ein Überangebot statt Verknappung erzeugt“, beschreibt Eric-Emanuel Tschaikner die „kleinen Tricks“ beim Umbau des Pratersterns.

„Was habt ihr eigentlich verändert?“ Diese Frage bekomme er öfters gestellt, sagt Eric-Emanuel Tschaikner: „Viele Leute sagen: Der Platz sehe nicht viel anders aus, aber er fühle sich besser an. Und das sehe ich als Kompliment.“ Wir sitzen auf einer Bank unter einem schattigen Baum mitten auf dem Praterstern. Vor uns rutschen Kinder über glatt polierte Steine, hinter uns sitzen Foodora-Fahrer neben ihren E-Mopeds im Gras.

Jeder Stein hat eine Funktion

Die Steine, die Bäume, die Bänke – alles wirkt hier zufällig platziert, wie spontan hingeworfen. In Wirklichkeit sei hier überhaupt nichts dem Zufall überlassen worden, erklärt der Architekt Tschaikner: Jede Pflanze, jeder Stein habe seine Funktion in einem großen Plan: Diesen Verkehrsknotenpunkt zu kühlen und ihm gleichzeitig ein neues Image zu geben.

Gemeinsam mit seinen Partnerinnen im Architektenbüro „KENH“ sowie den Landschaftsplanerinnen von „D/D“ ist Tschaikner für die Attraktivierung und Begrünung des Pratersterns verantwortlich. Vor fünf Jahren gewann das gemeinsame Projekt der beiden Teams die Ausschreibung, im Sommer 2022 wurde es fertiggestellt.

Erwartungen wurden übertroffen

Hat sich der Umbau bewährt - auch im Hitzesommer 2026? In manchen Punkten seien die Erwartungen sogar übertroffen worden, antwortet Tschaikner: „Es gibt Menschen, die hierher kommen, um unter einen Baum ein Buch lesen. Oder Familien, die mit Kindern, Badehosen und Badetuch kommen und sich an den Rand des Wasserspiels setzen.“

Das Wasserspiel am Praterstern
„Familien kommen mit Badehosen und Badetuch hierher“, sagt Eric-Emanuel Tschaikner über das Wasserspiel. Foto: Bernhard Odehnal

Mit dem Praterstern befasst sich der Architekt seit mehr als einem Jahrzehnt. Nicht nur, weil das Büro der „KENH-Architekten“ in einer nahen Seitengasse liegt. Mit den Besonderheiten und dem besonders negativen Image des Platzes wurden Tschaikner und seine Partner:innen zum ersten Mal in den 2010er Jahren konfrontiert. Damals pachtete der Immobilieninvestor Markus Teufel die alte Polizeistation mitten auf dem Platz und wollte daraus eine Filiale seiner Gastrokette „Yamm“ machen.

Verbauter Blick auf den Bahnhof

Der in seiner Geschichte schon häufig umgebaute Praterstern hatte damals gerade erst eine Neugestaltung hinter sich. Die wurde aber schnell und einhellig als misslungen beurteilt. Das Stahlgestänge entlang des vierspurigen Kreisverkehrs blieb funktionslos, zwei Käfige für Kletterpflanzen erzeugten eine eher bedrohliche Stimmung. Die Wiener Linien verbauten noch dazu den Blick auf den ÖBB-Bahnhof mit einem von dicken Röhren gehaltenen Vordach.

Für Obdachlose, Alkohol- und Drogenabhängige blieb der Praterstern nach diesem Umbau ein Ort mit magischer Anziehungskraft. Entsprechend katastrophal war das Image des Platzes. Wer hier nicht zur S- oder U-Bahn musste, mied diesen Ort. Vor allem am Abend und in der Nacht.

Quadratur des Dreiecks

Der Umbau der Polizeistation zum vegetarischen Restaurant verzögerte sich immer wieder. Tschaikner und sein Team nützten diese Zeit, um sich intensiv mit den Strukturen und Problemen des Platzes zu befassen. Sie sprachen mit Sozialarbeiten, beobachteten die Gewohnheiten der Obdachlosen. Und sie lösten Aufgaben für die Umgestaltung des Platzes, die eigentlich „die Quadratur eines Dreiecks waren“, so Tschaikner: Das Sicherheitsgefühl der Platzbenutzer sollte gestärkt, die Aufenthaltsqualität gehoben, aber soziale Randgruppen deswegen nicht vertrieben werden.

Wie kann man solche Anforderungen erfüllen, die im Widerspruch zueinander stehen? „Mit kleinen Tricks“, antwortet Tschaikner. Manchmal reichten schon kleine Veränderungen: Bessere Beleuchtung, klare Wegeführung würden mehr Klarheit und Sicherheit vermitteln. Oder die Sitzgelegenheiten. Weltweit werden im Bereich von Infrastrukturorten, wie Bahnhöfen und Flughäfen Bänke entfernt oder zumindest so verkleinert, damit man darauf nicht liegen kann. „Wir haben das Gegenteil gemacht und ein Überangebot statt Verknappung erzeugt“, erklärt der Architekt und zeigt mit großer Geste über den Platz: „Wir wussten aus unserer Studie ja, wie viele Obdachlose sich ungefähr am Praterstern aufhalten. Und dann haben wir fünfmal so viele Sitzplätze geschaffen. Die können also gar nicht alle besetzen.“

Bänke, Steine, Betonringe

Zudem sind die Sitzgelegenheiten sehr unterschiedlich ausgeführt. Als Bänke, als Steine oder als ovale Betonringe rund um die Bäume – die sogenannten „Prateroiden“. Die Form dieser Ovale sei sehr bewusst gewählt worden, erzählt Tschaikner: Sie sollen für unterschiedliche Nutzergruppen attraktiv sein. Ihre runde Kanten würden den Gehfluss nicht behindern, gleichzeitig bieten die Bäume in der Mitte Schutz.

Bernhard Odehnal interviewt den Architekten Eric-Emanuel Tschaikner am Praterstern
Die Ovale sollen für unterschiedliche Nutzergruppen attraktiv sein: Eric-Emanuel Tschaikner (re) und Bernhard Odehnal im Gespräch auf einem der vielen „Prateroiden“. Foto: Christopher Mavrič

Gerade wegen der ungerichteten und voneinander abgewandten Form der Sitze funktionierten sie besonders gut: „Weil man hier die Distanz selbst wählen kann. Da setzen sich Leute aus ganz unterschiedlichen Schichten nebeneinander -  Mütter mit Kinder im Abstand von eineinhalb Metern von Obdachlosen.“ Je mehr Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten am Platz sitzen, desto größer werde die subjektive Sicherheit: „Man sieht Menschen, mit denen man sich identifizieren kann. Der Stresspegel sinkt und die Toleranz gegenüber marginalisierten Gruppen steigt.“

Spielende Kinder

Was das Wichtigste bei der Planung gewesen sei? „Dass der Praterstern eine neue Erzählung bekommt“, antwortet der Architekt: „Nicht mehr von Elend und Gewalt, sondern von spielenden Kindern und Menschen, die in der Wiese sitzen und lesen.“ Gerade das Spielerische sei besonders wichtig. Und hier kommt nun das Wasserspiel in der Platzmitte ins Spiel. Es ist das größte in Wien, mit verschiedenen und verstellbaren Düsen. In den Hitzetagen dieses Sommers war es praktisch ununterbrochen in Betrieb. Nicht nur die Kinder hatten ihren Spaß. Jogger kühlten sich nach dem Lauf im Prater ab, sogar Radfahrer nutzten die feine Dusche.

Spielende Kinder vermittelten ein Sicherheitsgefühl, sagt Tschaikner: „Wo Kinder spielen, fühle ich mich nicht gefährdet“. Andere Sicherheitsaspekte seien ein guter Überblick über den Platz und die Möglichkeit, verschiedene Wege zu wählen.

Bewährt haben sich auch die Idee des Planungsteams, nicht junge, sondern bereits 25 Jahre alte und entsprechend große Bäume zu pflanzen. Das war zwar deutlich teurer, aber gerade in den jüngsten Hitzewellen machten die breite Baumkronen „einen riesigen Unterschied“, sagt Tschaikner.

Wunsch nach einem Bauernmarkt

Also alles richtig gemacht? Ein rundum gelungener Platz? Beinahe, antwortet der Architekt. Er wünscht sich, dass die bewusst frei gehaltenen Flächen noch mehr bespielt werden. Mit Straßenmusik zum Beispiel, mit Freiluftkino oder mit Bauernmärkten. Für solche Veranstaltungen sei der Platz sogar vorbewilligt: „Die Infrastruktur ist da, Starkstrom, Trinkwasser. Es wäre also ganz einfach.“ Besonders ein Bauernmarkt würde gut zum Praterstern passen, findet Tschaikner. „Vom Drogenumschlagplatz zur gesunden Ernährung: Das wäre genau die Imageänderung, die wir uns vorstellen.“

Und die alte Polizeistation auf dem Platz? Deren Umbau durch KENH-Architekten konnte erst 2022 abgeschlossen werden. Das vegetarische Restaurant hielt sich dann aber nicht einmal ein ganzes Jahr. 2023 zog hier ein Ableger des beliebten Innenstadt-Cafés „Engländer“ ein. Doch auch das ist seit dem Tod des Besitzers im Juli 2026 geschlossen (Zwischenbrücken berichtete).

Eric-Emanuel Tschaikner hofft, dass sich ein neuer Pächter findet, mit einem ähnlichen Konzept wie das „Engländer“. Es gäbe ausreichend Zonen ohne Konsumationszwang am Praterstern, sagt der Architekt: „Aber man sollte auch konsumieren können. Kein Fast-Food, sondern eine gute, qualitativ wertige Gastronomie würde dem Platz guttun.“

Ein Artikel von Bernhard Odehnal
Bernhard Odehnal
Mehr über Bernhard
Herausgeber und Gründer
Kontakt