Heute ist Waschtag. Kapitän Samuel Botreau hat im 2. Bezirk eine Münzwäscherei gefunden. Jetzt ist er zurück am Donauufer in der Freudenau und bringt seiner Schiffscrew ihre saubere aber noch nasse Kleidung. Gemeinsam spannen sie ein Tau quer über das Deck und hängen Hosen und T-Shirts auf. Dort flattern sie. „Wie Segel im Wind“, lacht Botreau.
Segelschiff aus Frankreich
Die T-Shirts sind allerdings lächerlich klein im Vergleich zu dem echten Segel, das auf dem 14 Meter hohen Mast gehisst werden kann. Denn die „Fillonnerie“ ist ein Segelschiff. Eines, das man auf der Donau noch nie gesehen hat. Sie ist zwar erst 18 Jahre alt, aber der Nachbau eines alten französischen Frachtschiffs, das im 19. Jahrhundert typischerweise Wein oder Salz auf dem Fluss Loire transportierte.
Seit über einer Woche liegt das ganz aus Holz gebaute Schiff in der Freudenau beim Schiffsmuseum vor Anker. Sein geringer Tiefgang und der hohe Mast bringen es selbst bei kleineren Wellen schnell zum Schaukeln. Wäre da nicht der Blick auf das gegenüberliegende Ufer der Donauinsel, würde man sich in der Kombüse schnell wie auf hoher See fühlen.
„Voller Mikroplastik und Chemie“
Wien ist nur eine Station auf einer langen Reise, die im September 2025 in der Stadt Tours an der Loire begann und diesen Herbst an der Mündung der Donau ins Schwarze Meer enden soll. „Wir wollen auf den Zustand unserer Flüsse aufmerksam machen“, sagt Chloé Löwy-Girardeau, Mitbegründerin des Projekts „BatoLabo“: „Sie wirken sauberer, weil weniger Fäkalien eingeleitet werden als früher. Aber sie sind voller Mikroplastik und Chemikalien. Unsere Flüsse sterben langsam und lautlos.“
Mit „BatoLabo“ wollen Löwy-Girardeau und Samuel Botreau den Flüssen nun eine Stimme geben. Das tun sie mit wissenschaftlichen Methoden: Alle 30 Kilometer testet die Crew der „Fillonnerie“ die Wasserqualität und die Konzentration der Mikroalgen im Wasser.

Seit letztem Herbst fuhren sie die Loire stromaufwärts und über die Seine nach Paris, auf den alten Kanälen durch Burgund und Jura bis zum Rhein, und weiter über den Main zur Donau. Die Schiffscrew bestehe aus 5 bis 9 Personen und wechsle unterwegs, erzählt die Musikerin und Künstlerin Löwy-Girardeau. „Manche fahren nur ein Stück mit uns mit, andere bleiben fast die gesamte Strecke“.
Jedes Land hat eigene Gasflaschen
Der Platz auf dem Holzschiff ist begrenzt, jeder Millimeter in der Kombüse muss genutzt werden. Der Esstisch ist gleichzeitig Arbeitsplatte, die Sitzbank auch ein Bett. Geschirr gewaschen wird in Kübeln auf dem Vorderdeck, gekocht auf einem kleinen Gasherd. Dass jedes Land in der EU verschiedene Gasflaschen mit jeweils anderen Anschlüssen verwende, sei bisher „eine der größeren Herausforderungen“ gewesen, sagt Kapitän Botreau.
Aber natürlich gab es auch andere: Vergangenen Herbst verhinderte ein Hochwasser die Weiterfahrt, und statt der ursprünglich geplanten Route durch Frankreich musste ein Umweg genommen werden, weil die alten Kanäle nicht mehr schiffbar waren. Auch die Hitze der vergangenen Wochen machte der Crew zu schaffen. In Wien flüchtete sie deshalb unter Tags häufig in ein klimatisiertes Kaffeehaus in der Praterstraße oder in der Innenstadt.
Ein Schiff wird zum Gesprächsthema
Immer wieder legt das Schiff auf seinem Weg durch Europa in kleinen Dörfern oder großen Städten an. Dann werden gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung Workshops, Konzerte, Podiumsdiskussionen oder Filmvorführungen veranstaltet. Durch das pittoreske Holzschiff mit seinem riesigen Segel errege man Aufmerksamkeit und komme ins Gespräch. „Wir wollen die Menschen entlang der Flüsse miteinander verbinden“, erzählt Chloé Löwy-Girardeau.

In Wien wird die „Fillonnerie“ am Dienstag, 7. Juli, in der Freudenau ablegen, stromaufwärts bis zum Nußdorfer Wehr fahren und dann den Donaukanal abwärts bis zum Central Garden an der Leopoldstädter Uferseite. Dort veranstaltet das Französische Kulturinstitut eine „Nacht der Ideen“ unter dem Motto: „Stimmen des Flusses“.
Eine „Nacht der Ideen“ beim Central Garden
Von 5 Uhr nachmittags bis 10 Uhr abends wird an Bord gelesen und musiziert, und am Ufer über die Rettung der Flüsse diskutiert. Löwy-Girardeau wünscht sich, dass „Flüsse zu ihrem Schutz einen eigenen rechtlichen Status bekommen“ und denkt an eine Unterschriftensammlung im Rahmen der „Europäischen Bürgerinitiative“: „Wir haben keine Antworten auf die Probleme der Gewässer. Aber wir sind sehr besorgt.“
Nach der Nacht am Donaukanal wird die „Fillonnerie“ die Donau weiter flussabwärts steuern. Als nächste Stationen sind Bratislava und das ungarische Esztergom geplant. Ob es dann wirklich weitergeht, ist noch unsicher. Auch der französische Staat muss drastisch sparen. Und das macht er unter anderem bei Subventionen für kulturelle Initiativen wie „BatoLabo“. Aber „solange wir genug Geld für unser Essen haben, fahren wir weiter“, sagt Löwy-Girardeau.
Schleppschiff gesucht
Nur ein Problem haben sie noch nicht gelöst: Für die Rückfahrt stromaufwärts ist der kleine Außenbordmotor zu schwach. Und auf den Wind ist kein Verlass. Kapitän Samuel Botreau sucht deshalb noch ein anderes Schiff, „das uns die Donau hinaufziehen könnte“.
Die Nacht der Ideen: Dienstag, 7. Juli, ab 17 Uhr
Central Garden, 1020, Untere Donaustraße 41
Weitere Informationen hier.
Informationen zum Projekt BatoLabo (nur auf Französisch): https://batolabo.com








