„Bahn im Nazi-Regime“, „Zwangsarbeit bei der Reichsbahn“ oder „Deportationen“ – das sind drei von insgesamt acht Titel, unter denen die ÖBB acht Informationstafeln im Nordwestbahnviertel aufgestellt haben. Es ist die erste Gedenkstätte, auf denen die Geschichte des Nordbahnhofs in der NS-Zeit und danach thematisiert wird.
Feier mit Prominenz
Konzipiert wurde die permanente Ausstellung von Traude Kogoj, die bei den ÖBB die Abteilung „Diversity & Inclusion“ leitet, wissenschaftlich begleitet wurde sie vom Historiker Oliver Rathkolb. An der Eröffnungsfeier nahmen neben den beiden auch die CEO der ÖBB-Infrastruktur, Silvia Angelo, Oskar Deutsch von der Israelitischen Kultusgemeinde und Bezirksvorsteher Alexander Nikolai teil. Zudem hatte das „Jewish Wellcome Service“ die Nachkommen von Überlebenden des Holocaust aus mehreren Ländern zu der Feier eingeladen.
Die acht Schautafeln stehen in der Freien Mitte, neben dem historischen Wasserturm, der vor kurzem von den ÖBB aufwendig saniert wurde. In den vor 1900 errichteten und unter Denkmalschutz stehenden Ziegelbau soll Anfang Dezember die Filiale einer französischen Bäckereikette mit eher problematischen Eigentümern einziehen (Zwischenbrücken berichtete).
Eigentlich war laut dem ursprünglichen Leitbild Nordbahnviertel in dem über einhundert Jahre alten Ziegelbau ein Museum vorgesehen. Doch die ÖBB entschieden sich dann für eine kommerzielle Verwertung. Und die Ausstellung musste ins Freie wandern.

Die Ausstellung im Nordbahnviertel basiert im Wesentlichen auf der von den ÖBB im Jahr 2012 selbst initiierten Dokumentation „Verdrängte Jahre“. Sie zeigt die wichtige Rolle der Bahn im mörderischen System des Nationalsozialismus – von den Transporten an die Front bis zu den Deportationszügen in die Konzentrationslager. Dass auch vom Nordbahnhof Menschen deportiert wurden, wird auf einer Schautafel thematisiert. Ein Hinweis auf die wissenschaftliche Forschung und das Buch „Der Wiener Nordbahnhof als Deportationsort“ von Michaela Raggam-Blesch, Dieter J. Hecht und Heidemarie Uhl (Zwischenbrücken berichtete) fehlt jedoch.
Auch Nordwestbahnhof ist Thema
Deutlich ausführlicher wird die dunkle Abschnitt in der Geschichte des in der Nähe gelegenen Nordwestbahnhofs. Dort gab es nicht nur Zwangsarbeiterlager, die riesige Bahnhofshalle diente dem NS-Regime als Festplatz für Aufmärsche und Reden, unter anderem von Hitler und Göhring. Danach inszenierten die Nazis im Nordwestbahnhof die antisemitische Großausstellung „Der ewige Jude“.
Das Bahnhofsgebäude wurde in den 1950er Jahren abgetragen, auf dem Areal werden in den nächsten Jahren ebenfalls Wohnhäuser gebaut – so wie in den vergangenen Jahren im Nordbahnviertel. Die Geschichte des Nordwestbahnhofs wurde besonders gründlich vom Kunstprojekt „Tracing Spaces“ aufgearbeitet, unter anderem im Buch „Blinder Fleck Nordwestbahnhof“. Auch auf dieses wichtige Werk findet sich in der neuen Ausstellung im Nordbahnhofviertel jedoch kein Hinweis.

In seiner Eröffnungsrede äußerte der Historiker Oliver Rathkolb den Wunsch, dass auch der jüdische Gründer und Finanzier der Nordbahn, der Bankier Anselm Salomon von Rothschild, eine würdige Erinnerung im Nordbahnviertel bekommen soll. Die Statue von Rothschild könnte doch vor dem oder im Wasserturm aufgestellt werden, so Rathkolb. Derzeit befindet sie sich noch im Wiener Technischen Museum.







