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Holocaust-Forschung

Ein Schreckensort, den Wien vergessen hat

Vom Wiener Nordbahnhof wurden bis 1945 mehr als 2.000 Menschen deportiert. Ein neues Buch und eine Veranstaltung gehen ihren Geschichte nach.

Der Wiener Nordbahnhof im Jahr 1940
Der Wiener Nordbahnhof auf einer Postkarte 1940. Ganz links ist im Hintergrund (roter Pfeil) die Postrampe zu sehen, wo die Deportationen stattfanden.

„Wir konnten viel dokumentieren, aber noch mehr Fragen sind immer noch offen.“ Das sagt die Historikerin Michaela Raggam-Blesch. Sie forscht über jene Deportationen während der NS-Herrschaft, die vom Wiener Nordbahnhof ausgingen: „Aus den Tagesberichten der Gestapo haben wir biographische Daten der Opfer bekommen“, so Raggam-Blesch, „und damit mehr Informationen als nur Namen und letzte Wohnadresse.“ Dennoch ist dieses Kapitel der Nazi-Herrschaft in Österreich weitgehend unbekannt. Eine „erinnerungspolitische Leerstelle“ nannte die Historikerin Heidemarie Uhl den Nordbahnhof.

Mehr als 33 Transporte

Bis heute kennt man vor allem den Aspangbahnhof als Ausgangspunkt der Deportationszüge in Wien. Das ist nicht falsch: Von 1939 bis 1942 wurden über diesen - heute nicht mehr existierenden - Bahnhof im 3. Bezirk über 47.000 Jüdinnen und Juden in 47 Zügen erst in osteuropäische Ghettos gebracht, und danach in den Vernichtungslagern ermordet. 

Viel länger, nämlich bis 1945, fanden aber auch Deportationen vom Nordbahnhof aus statt. In mehr als 33 Transporten wurden hier über 2.000 als jüdisch definierte Menschen aus Wien weggebracht, der Großteil in das Ghetto Theresienstadt und nach Auschwitz. „Der Nordbahnhof war der direkte Link nach Ausschwitz, sagt Raggam-Blesch:  „Bis auf eine einzige Ausnahme gingen alle direkten Transporte dorthin vom Nordbahnhof ab.“

Spaziergang und Buchpräsentation

Raggam-Blesch lebte lange in der Leopoldstadt und ist heute stellvertretende Leiterin des Zentrums für Holocaustforschung am Münchner Institut für Zeitgeschichte. Zuvor forschte sie drei Jahre lang mit ihren Kollegen Dieter J. Hecht und Heidemarie Uhl über den „Wiener Nordbahnhof als Deportationsort“. Im Frühjahr erschien das Ergebnis dieser Forschungen als Buch im Mandelbaum-Verlag.

Am 16. September um 18 Uhr lädt nun die Gebietsbetreuung Stadterneuerung zu einer Präsentation des Buches mit Podiumsdiskussion in den Nordbahnsaal. Zuvor kann man bei einem kurzen Spaziergang einige im Buch erwähnte Orte besuchen (Details siehe unten). Zwischenbrücken erreichte die Historikerin via Zoom an ihrem Arbeitsplatz in München.

Die Historikerin Michaela Raggam-Blesch
Sie plädiert für einen Ort der Erinnerung im Nordbahnhviertel: Historikerin Michaela Raggam-Blesch. Foto: Daniel Murtagh

Einiges habe sie bei ihren Forschungen über die Rolle des Nordbahnhofs im Holocaust doch überrascht, sagt Raggam-Blesch. Zum Beispiel, dass hier zum ersten Mal Güterwaggons zum Einsatz kamen. Zuvor hatte die Reichsbahn für Deportationen Personenwagen der 3. Klasse bereitgestellt.

In Güterwaggons nach Theresienstadt

Im Frühjahr 1943 wurden dann zwei jüdische Altersheime in der Seegasse im 9. Bezirk geräumt. Die Nazis brachten die Bewohnerinnen und Bewohner zum Nordbahnhof. „Dass dann ausgerechnet alte und gebrechliche Menschen in Güterwaggons fortgebracht wurden, war besonders zynisch“, sagt die Historikerin. Auch diese Transporte gingen nach Theresienstadt, wo die meisten Menschen aufgrund der katastrophalen Bedingungen starben. 

Ganze Züge mit verschleppten und letztendlich zum Tod verurteilten Menschen waren am Nordbahnhof allerdings selten. Meistens wurden einzelne Waggons, in die man die Menschen hineingestopft hatte, an Regelzüge angehängt. Dies fand nicht direkt in der markanten, im neogotischen Stil errichteten Bahnhofshalle statt, sondern beim nahe gelegenen Postgebäude in der Nordbahnstraße. 

Normales Leben als Verbrechen

Zudem gab es eigene Gefängniswaggons für sogenannte „Schutzhafttransporte“. Diese waren für Gefangene reserviert, die sich in der Augen der Gestapo besonders schwerer Verbrechen schuldig gemacht hatten: Juden und Jüdinnen, die sich ohne den Stern auf der Kleidung auf der Straße aufgehalten hatten, oder die beispielsweise ins Kino oder Restaurant gegangen waren. „Es waren Menschen, die für kurze Zeit einfach ein normales Leben führen wollten“, sagt Raggam-Blesch. Der Versuch endete für viele in Auschwitz. 

Das galt nicht nur für Jüdinnen und Juden. In einem der Schutzhafttransporte wurde die im Widerstand aktive Ella Lingens vom Nordbahnhof nach Auschwitz gebracht. Sie überlebte als Lagerärztin und wurde in Israel als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt. Ebenfalls vom Nordbahnhof wurden 1943 Roma-Familien nach Ausschwitz deportiert. In einem frühen Transport war die 10jährige Ceija Stojka. Später beschrieb sie als Schriftstellerin und Künstlerin die qualvolle Fahrt nach Auschwitz in ihren Erinnerungen. 

Abbruch des Nordbahnhofs 1956. In der Ruine ging auch die Erinnerung verschüttet. Foto: Albert Hilscher/Archiv ÖNB

Den Nordbahnhof gibt es nun schon lange nicht mehr. Das historisch so bedeutende Ensemble samt dem Postgebäude wurde im Krieg beschädigt und Mitte der 1960er Jahre abgerissen. Wo damals tausende Menschen die letzte Fahrt antreten mussten, stehen heute gesichtslose Wohnhäuser, die an osteuropäische Plattenbauten erinnern. Weder dort noch im neuen Nordbahnviertel, das anstelle der Kohlerutschen und Güterhallen errichtet wurde, wird an die Deportationen erinnert. 

„Durchwachsene Begeisterung“

Während ihren jahrelangen Recherchen hatte die Historiker-Gruppe immer wieder Kontakt mit ÖBB und der Stadt Wien. Aber Vorschläge für Gedenkinitiativen im Nordbahnviertel seien bei den ÖBB eher auf „durchwachsene Begeisterung gestoßen“, sagt Raggam-Blesch. Sie findet, dass der Nordbahnhof unbedingt einen Ort der Erinnerung benötige. Die Transporte und ihre Opfer sollten sichtbar gemacht werden. Der Nordbahnhof dürfe nicht länger ein „fast vergessener Schreckensort“ sein. 

Der Wiener Nordbahnhof als Deportationsort: Historischer Spaziergang und Buchpräsentation.
17-18 Uhr
: Historischer Spaziergang durch das Volkertviertel und das Nordbahnviertel mit Besuch ausgewählter, im Buch dokumentierter Orte.
Gebietsbetreuung Stadtteilmanagement, 2., Nordbahnstraße 14. 
Bitte um Anmeldung zum Spaziergang.

18-20 Uhr: Buchpräsentation im Nordbahnsaal, Bruno-Marek-Allee 5
Moderation: Magdalena Bauer (DÖW)
Weitere Informationen zur Veranstaltung.
Über das Buch im Mandelbaumverlag.  

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    Ein Artikel von Bernhard Odehnal
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