Es ist eine erste Zeichnung und sie sieht eher harmlos aus. Viel Grün auf den Dächern, viel Grün rings herum, viele Bäume. So also stellt sich die für Müllentsorgung zuständige Magistratsabteilung 48 den Neubau des Mistplatzes „Zwischenbrücken“ in der Freien Mitte, zwischen Nordbahnviertel und Innstraße vor. Also alles wunderbar?
„Systematisch getäuscht“
Nein, findet der Bezirksvorsteher-Stellvertreter der Grünen in der Leopoldstadt, Bernhard Seitz. „Man hat uns systematisch getäuscht“, sagte Seitz in der September-Sitzung der Bezirksvertretung: „Es kommt nun ganz anders, als uns das verkauft wurde.“ Seitz hat die Zeichnung des neuen Mistplatzes in Ausschreibungsunterlagen der Gemeinde Wien gefunden, die eine kurze Zeit lang online standen. Dort stehen Zahlen, die verraten, dass der Bau viel größer wird als man ursprünglich dachte.

Einen „Grätzlmistplatz“ hat die rot-pinke Stadtregierung im Koalitionsprogramm versprochen. Das klingt klein und kuschelig. Davon ist in den Ausschreibungsunterlagen, die auch Zwischenbrücken vorliegen, nun keine Rede mehr. Drei Stock hoch wird das Betriebsgebäude der MA 48 an der Innstraße. Und damit in etwa so hoch wie die Mietshäuser auf der anderen Straßenseite. Für Personalräume sind rund 900 Quadratmeter vorgesehen. Auf weiteren 250 Quadratmetern soll ein „Multifunktionsraum“ eingerichtet werden.
Parkplatz für 17 Müllwagen
Die Fläche zum Müllabladen hat mit 6.000 Quadratmetern eine ähnliche Dimension wie die größten Mistplätze der Stadt, im Süden von Favoriten oder in der Donaustadt. Darunter liegt eine Garage mit Platz für 60 Fahrzeuge. Davon sind 17 Plätze für die über 8 Meter langen und 15 Tonnen schweren Müllwagen reserviert.
Der angebliche „Grätzlmistplatz“ wird also ein voll ausgebauter Stützpunkt der MA 48. Hier werden nicht nur Anrainer:innen ihren Sperrmüll bringen, hier werde tagtäglich die schweren Müllwagen ein- und ausfahren. Eine möglichst konfliktfreie Zufahrt zum Mistplatz wäre deshalb besonders wichtig.
Was die aktuellen Pläne und Illustration zeigen, ist jedoch genau das Gegenteil: In der Innstraße könnte für Fußgänger:innen und Radfahrende eine neue Gefahrenzone entstehen.

Laut Plan werden im Betriebsgebäude zwei Durchfahrten geschaffen, die dem gesamten Verkehrt als Einfahrt zum und Ausfahrt vom Mistplatz dienen. Damit entsteht in der Innstraße eine ähnliche Situation, wie beim ehemaligen Mistplatz Dresdnerstraße. Dort begründete die MA 48 dessen Schließung unter anderem mit der engen und unübersichtlichen Durchfahrt: Die ein- und ausfahrenden Fahrzeuge würden Fußgänger und Radfahrende in der Dresdner Straße gefährden.
Tod am Radweg
Dabei gibt es in der Dresdner Straße kaum Radverkehr und keinen Radweg. In der Innstraße hingegen schon. Dieser Radweg wird in den nächsten Jahren noch an Bedeutung gewinnen, weil er das neue Nordwestbahnviertel und das Nordbahnviertel verbindet. Allerdings wird er dann auch direkt an den Ein- und Ausfahrten des neuen Mistplatzes vorbei führen - wo PKWs und kleinere Lieferwagen zufahren, wo schwere Müllwagen aus der Garage kommen.
So eine konfliktreiche Querung gab es auch in der nahe gelegenen Taborstraße, als dort noch der Güterterminal des Nordwestbahnhofs in Betrieb war: Ein gemischter Geh- und Radweg, den LKWs bei der Einfahrt ins Bahnhofsgelände kreuzen mussten. Mehrmals kam es zu Unfällen, ein Radfahrer wurde von einem LKW überrollt und starb.
Verbreiterte Straße
Wie könnte eine ähnliche Gefahrenstelle in der Innstraße entschärft werden? Es gibt zumindest keinen Hinweis, dass sich die zuständigen Behörden der Gemeinde Wien dazu schon Gedanken gemacht haben. Laut Flächenwidmungsplan soll die Innstraße leicht verbreitert werden, der bestehende Radweg wird nicht erwähnt. Auch in der Visualisierung des Mistplatzes in den Ausschreibungsunterlagen ist der Radweg nicht eingezeichnet.

Die Pressestelle der MA 48 antwortet Zwischenbrücken, dass es sich bei dem Beispielbild nur um eine grobe Ideenskizze handle. Keineswegs solle damit die Planungsarbeit vorweggenommen werden. Die Aussage des Bezirkspolitikers Seitz, dass „etwas anderes hinkomme“ als angekündigt, entspreche nicht der Realität und entbehre jeglicher Grundlage. Auf mögliche Probleme mit dem Geh- und Radweg vor der Zufahrt zum Mistplatz geht die MA 48 nicht ein.
Der Radweg bleibe natürlich, versichert Martin Blum, Leiter der Mobilitätsagentur. Das Konfliktpotenzial bei den Ein- und Ausfahrten des Mistplatzes werde „im weiteren Planungsprozess fachlich berücksichtigt.“
Bezirk lehnt Mistplatz ab
In der Leopoldstädter Bezirksvertretungssitzung vom 29. September wurde der Flächenwidmungsplan für den neuen Mistplatz einhellig von allen Parteien abgelehnt. Auf den Bau hat das aber vermutlich keine Auswirkungen, da für die notwendige Umwidmung der Gemeinderat zuständig ist.
Laut „Mein Bezirk“ soll das im März 2027 erfolgen, mit dem Rohbau könne dann im Sommer 2028 begonnen werden. Die Fertigstellung ist für 2030 geplant – rechtzeitig vor den nächsten Gemeinderatswahlen.







