Öffis im Schneckentempo
Mehr Tempo für die Bim? Nicht in Zwischenbrücken

Die Stadt will Straßenbahn und Bus beschleunigen. Wir zeigen, wo sie in der Leopoldstadt und der Brigittenau trotzdem ausgebremst werden.

Linie 5 in der Rauscherstraße
10 km/h Höchstgeschwindigkeit und eine rote Ampel: In der Rauscherstraße brauchen die Fahrgäste der Linie 5 sehr viel Geduld.

Schwere Eisengitter blockieren die Aufgänge zur S-Bahn-Station Praterstern. „Streckenunterbrechung“ erklärt eine Tafel. Richtung Floridsdorf war die Strecke wegen Bauarbeiten bereits seit Anfang Juli gesperrt. Nach dem Kabelbrand im Stellwerk Praterstern fahren nun auch keine Züge mehr zum Hauptbahnhof oder zum Flughafen.

Zum ersten Mal seit Eröffnung der Wiener Schnellbahn im Jänner 1962 ist damit die gesamte Stammstrecke für mehrere Wochen außer Betrieb. Bis zu 250.000 Fahrgäste pro Tag müssen sich andere Reiserouten suchen.

Alternativen zur S-Bahn

Die U-Bahn wäre naheliegend, allerdings kann gerade die U 1 zwischen Praterstern und Hauptbahnhof kaum noch mehr Menschen aufnehmen. Als Alternative bietet sich die Straßenbahn an. Zum Beispiel die Linie O, die vom Praterstern über Wien Mitte zum Hauptbahnhof praktisch parallel zur S-Bahn fährt.

Bloß: Eilig darf man es nicht haben. Das zeigte schon das Chaos nach dem Brand eines U-Bahn-Zugs im November 2024. Damals sollten die Bim-Linien O und D alle Fahrgäste der gesperrten U 1 zwischen Schwedenplatz und Reumannplatz aufnehmen. Doch dafür waren nicht nur die Intervalle zu lang, es gab auch keine Beschleunigungsmaßnahmen. Und so standen die überfüllten Straßenbahnzüge endlos lange vor roten Ampeln oder im Autostau.

Halt nur mehr an Haltestellen?

Hat die Stadt Wien aus den damaligen Fehlern gelernt? „Mehr Tempo für Bim und Bus“ kündigte Verkehrsstadträtin Ulli Sima im Februar dieses Jahres an. Damit Bus und Straßenbahn „künftig nur mehr an der Haltestelle stehenbleiben, setzen die Stadt Wien und die Wiener Linien das große Beschleunigungsprogramm um“, so Sima in einer Pressemeldung.

Doch weder die Leopoldstadt noch in die Brigittenau haben bis jetzt davon profitiert. Im Gegenteil: Kaputte Gleise und lange Rotphasen bremsen die Öffis immer mehr aus.

Zwischenbrücken zeigt, wo Bim und Bus besonders viel Zeit verlieren:

Die Karte von Zwischenbrücken mit Problemstellen für die Straßenbahn
Neun Punkte, an denen die Bim in Zwischenbrücken ausgebremst wird. Grafik: Andreas Posselt/buero8

1.) Linie 5 schleicht durch die Rauscherstraße

Mehrere Jahre lange konnte der Fünfer auf der 500 Meter langen, kerzengeraden Straße wegen kaputter Schienen nur 25km/h und in Richtung Westbahnhof teilweise nur 10km/h fahren. Zwischenbrücken dokumentierte das im vergangenen Herbst. Die Wiener Linien haben reagiert: In diesem Jahr wurde der Fünfer noch langsamer. In der gesamten Rauscherstraße darf die Bim in beiden Richtungen nur mehr 10 oder höchstens 15 km/h fahren. Wann die Strecke repariert wird, wollen die Wiener Linien nicht verraten. Nur: Die Rauscherstraße sei „in einer Mehrjahresplanung“ enthalten.

2.) Mit den Linien 2 und 5 noch langsamer durch die Leopoldstadt

Ebenfalls nur 25 km/h fahren dürfen die Linie 2 auf der Taborstraße und die Linie 5 zwischen Taborstraße und Nordbahnstraße. Auch in diesen Fällen versprechen die Wiener Linien die Reparatur im Zuge der „Mehrjahresplanung“. Mit der Erneuerung der Schienen in der Taborstraße soll schon 2027 begonnen werden.

3.) Rätselhaftes Tempolimit für die Linie 12

Keine Reparatur brauchen die Schienen der Linie 12 in der Leopoldstadt. Sie fährt ja hier erst seit einem Jahr. In der Vorgartenstraße hat sie sogar ein eigenes Rasengleis und wird vom Autoverkehr nicht behindert. Dennoch darf die Bim hier nur 30km/h fahren. Warum? Das bleibt das Geheimnis der Wiener Linien.

Im August 2025 eröffnete Verkehrsstadträtin Ulli Sima (Mitte) die neue Linie 12. Wirklich frei ist die Strecke aber bis heute nicht. Zahlreiche rote Ampeln und Tempo 30 auf dem Rasengleis bremsen die Fahrt des Zwölfers. Foto: Wiener Linien/Simon Wöhrer

4.) Nur nicht hudeln am Höchstädtplatz

Keinen Zeitplan verraten die Wiener Linien für die Reparatur der Tramschienen am Höchstädtplatz. Hier schleichen die Linien  2, 12 und 31 mit 10km/h über die Kreuzung. Zusätzlich aufgehalten werden sie dann an roten Ampeln bei den Kreuzungen Leystraße und Winarskystraße. Dabei hatte doch Verkehrsstadträtin Ulli Sima bereits im Jänner 2023 in einer Rede vor dem Gemeinderat erklärt, dass die Öffis überall bevorzugt würden: „An jeder Ampel. Das ist ausnahmslos in Wien der Fall, weil uns das immer schon ein wichtiges Anliegen war.“

5.) Vorrang für Autos am Praterstern

Zwei Bus- und zwei Bimlinien haben ihre Haltestellen am Praterstern: O, 5, 5A und 80A. Bei der Ein- und Ausfahrt müssen Busse und Trams dabei den vierspurigen Kreisverkehr kreuzen. Die Ampeln steuern können sie nicht. Wartezeiten von einer halben bis zu einer Minute sind die Regel. Beschleunigungsmaßnahmen seien geplant, schrieb die Pressestelle der Wiener Linien Ende Juni. Passiert ist bisher noch nichts.

6.) Stop-and-Go in der Nordbahnstraße

Der große Moment geriet zur kleinen Peinlichkeit: Als die Linie O im Oktober 2020 vom Praterstern ins Nordbahnviertel verlängert wurde, schleppte sich ausgerechnet der mit Prominenz gefüllte Eröffnungszug im Schneckentempo über die Nordbahnstraße, weil er bei jeder Quergasse bei Rot warten musste.

Viel besser ist es seither nicht geworden: Die Linien O und 5 fahren zwar auf eigenem Gleiskörper, müssen aber auf einem Kilometer immer noch zwei bis vier Stopps vor roten Ampeln einlegen, manchmal sogar bei einer kaum benutzten Garagenausfahrt. An der Kreuzung Nordbahnstraße und Am Tabor muss die Bim bis zu zwei Minuten auf Grün warten. Schwacher Trost für die Fahrgäste: Auch Fußgängerinnen und Radfahrer ärgern sich hier über endlos lange Rot-Phasen.

Schwierige Kreuzung Am Tabor: Bis der Fünfer aus der Nordbahnstraße abbiegen darf, muss er bis zu zwei Minuten warten. Foto: Bernhard Odehnal

7., 8., 9.) Warten, warten, warten

Auch an vielen anderen Kreuzungen verlängern rote Ampeln die Fahrzeit von Bim und Bus. Selbst bei der neuen Linie 12 wurde großteils auf Ampelsteuerungen durch die Bim verzichtet. Bei der Querung der Lasallestraße muss die Tram manchmal über eine Minute warten. Selbst bei Mini-Kreuzungen wie Ybbsstraße oder Walcherstraße gibt es nicht immer freie Fahrt.

Für längere Fahrzeiten der Linien O, 2 und 31sorgen auch die roten Ampeln vor den Donaukanal-Brücken. Hier bekommt der Autoverkehr auf der Oberen und der Unteren Donaustraße sehr lange Grün-Phasen. Die Wiener Linien kündigten für die Linie O „Optimierungen rund um die Franzensbrücke“ an. Noch wurden die nicht umgesetzt.

Lange ULFs für den O-Wagen

Die S-Bahn-Strecke zwischen Praterstern und Hauptbahnhof sollte eigentlich erst ab 7. September für ein Jahr gesperrt werden. Nach dem Kabelbrand wurde diese Sperre nun vorgezogen. Können die Wiener Linien darauf reagieren? Auf der Linie O werden seit vergangener Woche immerhin teilweise lange ULFs eingesetzt. Bisher waren auf der Linie nur kurze Garnituren unterwegs. Die Intervalle sollen hingegen nicht verkürzt werden. Über alle weiteren Beschleunigungsmaßnahmen wollen die Wiener Linien „rechtzeitig informieren“.

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    Ein Artikel von Bernhard Odehnal
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