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Im grünen Prater

„I bin da Ossi“

Oswald Miksch leitet den Kulturverein Freudenau und erzählt aus seinem bewegten Leben. Er ist jetzt 98.

Ossi Miksch im Schutzhaus beim Heustadlwasser
So locker wie heute war er nicht immer: Oswald Miksch (re.) neben Mahesh Kurra, dem Wirten vom Schutzhaus am Heustadlwasser

Keine Hysterie in seiner Stimme. Kein Gram auf die Welt. Keine Angst vor der Politik. Kein Gelangweilt-Sein. Keine Prahlerei. Vielmehr: Dankbarkeit, dass er so alt werden durfte. Und ein ehrliches Interesse an seinem Gegenüber. Seit ich denken kann, wünsche ich mir einen Großvater. Hätte ich mir einen aussuchen dürfen: Genau so hätte er sein sollen.

Geboren in Ottakring

Wir sitzen im Schutzhaus am Heustadlwasser im Prater. Im Garten, im Schatten einer 200 Jahre alten Esche. Am Abend wird es hier ein Konzert und eine Lesung geben. Der Ossi ist halb so alt wie der Baum. Es ist ein Freitag nach seinem 98. Geburtstag. Und ja, ich darf Ossi zu ihm sagen. Er hat gleich das Du-Wort angeboten: „I bin da Ossi.“

 Im 28er-Jahr in Ottakring geboren, ist Oswald Miksch als Kind einer Arbeiterfamilie mit Vater, Mutter und vier Geschwistern zunächst in einem Zinshaus in der Wattgasse in Ottakring aufgewachsen. Bis zum Februar 1934: „Da wurden wir delogiert. Weil der Hausherr gemeint hat, dass er nicht mit einem Verbrecher unter einem Dach wohnen möchte.“

Auf die Straße gesetzt

Sein Vater, ein Verbrecher? Ossi zieht eine Legitimationskarte aus seiner Mappe, die Karte mit der Nr. 24, ausgestellt vom Republikanischen Schutzbund, auf den Namen Leopold Miksch.

Der feine Hausherr hat Vater, Mutter und fünf kleine Kinder von heute auf morgen auf die Straße gesetzt. Wegen einer „nicht opportunen politischen Einstellung“ verlor sein Vater auch die Arbeit als Tischler. So war das damals in Wien. Und Oswald Miksch hofft sehr, „dass die Menschen in dieser Stadt so etwas nie wieder erleben müssen“.

Wenige erinnern sich gerne an die Jahre im Austrofaschismus, auch der Ossi nicht. Wie auch? „Gemeinsam mit meinem Bruder kam ich zu Pflegeeltern – und unsere Schwestern mussten in ein katholisches Internat in Stadlau. Nur am Sonntag durften wir als Familie wenige Stunden zusammen sein.“

Elend in der Brigittenau

Im März 1938 wurde der erste Teil des politischen Terrors in Wien beendet, und es begann der zweite, noch viel brutalere. Hitlers Machtdemonstration auf dem Heldenplatz hat der nun Zehnjährige nur am Rande mitbekommen: „Der Vater hat gesagt, dass wir dort nicht hingehen.“

Immerhin fand die Familie Miksch wieder zusammen – in einer extrem engen Wohnung in der Brigittenau: „Ich erinnere mich, dass ich zwischen meinen Eltern in einem Bett geschlafen habe. Der Vater hat die Krapfen eines Bäckers auf Kommission ausgetragen. Und die Mutter hat in einer Apotheke die Tegerln für die pharmazeutischen Cremen ausgewaschen.“

Der Zeitzeuge weiß daher auch, wie Hunger schmeckt. Und Armut: „Wenn die Apfelschiffe aus der Wachau anlegten, ist meine Mutter zum Donaukanal hinunter. Sie hat nur angestochene Äpfel gekauft. Für die anderen hatte sie kein Geld.“

Verschüttet in Floridsdorf

Alle fünf Kinder mussten dann in den Krieg. „Erzähl’ ihm, was du in Salzburg erlebt hast“, sagt nun Ossis Frau, Gerlinde Miksch, mit der er vor wenigen Wochen den 70. Hochzeitstag gefeiert hat. Er hat das lange verdrängt, sagt er. Allzu verständlich: „Es war im Dezember 1944. Weil drei Rekruten nicht rechtzeitig von den drei Tagen Weihnachtsurlaub zurück waren, mussten wir alle antreten und zusehen, wie sie erschossen wurden. Sie waren wie ich erst 16 Jahre alt. Ich krieg’ heute noch eine Ganslhaut, wenn ich mich daran erinnere.“

Die Nazi-Pädagogik und der Krieg („Beim Floridsdorfer Bahnhof war ich nach einem Bombentreffer verschüttet“) haben Spuren hinterlassen. Seine Frau erzählt: „Als ich ihn kennengelernt habe, war er nicht so locker wie heute.“

Lehre als Hafner

Nach dem Krieg beginnt Oswald Miksch in der Brigittenau eine Lehre als Hafner. Ein Handwerk, das ihm Freude bereitet: „Wir sind viel in der Stadt herumgekommen und konnten viele Kamine reparieren.“ Die zweite Hälfte seines Berufslebens arbeitet er als Sekretär der Gewerkschaft für Druck und Papier.

Früh entdecken seine Frau und er ihr Interesse an der Kultur. 55 Jahre lang haben sie ein Abonnement im Volkstheater. Zur schönen Routine gehört auch, dass man sich nach der Vorstellung mit Bekannten zusammensetzt, ein Glaserl trinkt und über das soeben Erlebte diskutiert.

Statue im grünen Prater bei Maria Grün
Der Freudenauer Kulturverein veranstaltet immer wieder Ausflüge, zum Beispiel in den Prater nach Maria Grün. Dort erinnern diese Statuen an im Ersten Weltkrieg gefallene Offiziere. Foto: Bernhard Odehnal

Schon in Pension, gründet das Ehepaar mit langjährigen Freund:innen und Nachbar:innen dort, wo sich die Wehlistraße ihrem Ende zuneigt und das Heustadlwasser beginnt, den Freudenauer Kulturverein. Oswald Miksch wird die Funktion des Obmanns zugedacht. Was de facto Verantwortung und viel Arbeit bedeutet.

Rund 130 Mitglieder

Doch diese Form der Tätigkeit hält den Pensionisten jung: „Begonnen haben wir vor 28 Jahren mit elf Mitgliedern. Heute sind wir um die 130.“ Er hat erneut viel Zeit investiert, um zum Gelingen der heutigen Veranstaltung im Schutzhaus beizutragen. Er hat die Künstler:innen engagiert und instruiert, Einladungen an die Leute gebracht, sein Ehrenamtlichenteam bei Laune gehalten und den Schutzhaus-Wirt von Anfang an in alles eingeweiht.

Am Ende eines langen Tages gibt es schönen Applaus. Er gebührt nicht zuletzt dem Ossi und seinem Team.

Mehr über die Aktivitäten des weiterhin umtriebigen Kulturvereins: www.freudenauer-kulturverein.at

Dieser Text erschien zuerst in der ersten österreichischen Boulevardzeitung „Augustin“ und wurde für „Zwischenbrücken“ überarbeitet.

Ein Artikel von Uwe Mauch
Uwe Mauch
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