Ein Lieblingsplatz meines Vaters, an den er mich oft geführt hat, ist die Ecke Schmelzgasse und Taborstraße gegenüber der Karmeliterkirche. Blickt man nach links, ist das Haus mit einer mächtigen Skulptur eines Hirschen aus getriebenem Kupfer zu sehen, rechts an der Ecke zur Glockengasse das Haus mit einem Bären aus Stein unter dem Dach.
Hier lebte Johann Strauß
Im Hirschenhaus hat lange Johann Strauß gewohnt. Dass das Haus noch eine ganz andere Geschichte hat – im Haus befanden sich Sammelwohnungen für Jüdinnen und Juden, die aus ihren eigenen Wohnungen vertrieben worden waren und die später deportiert wurden – erzählte mir mein Vater erst später.
Der Hirsch blickt stolz nach Osten hinüber zur Taborstraße 26, wo oben in der Dachnische über der Apotheke der gedrungene Bär steht. Seit mehr als hundert Jahren blicken sich die beiden an. Ob freundlich oder abweisend oder sehnsüchtig, hat mich als Kind sehr beschäftigt

Nach dem Bärenhaus zweigt im spitzen Winkel von der Taborstraße die Glockengasse ab, ein enger, wenig attraktiver Schlauch von Gasse. Eine Glockengießereien gab es hier nur bis etwa 1850. Ein paar Jahrzehnte später wurde die Gasse jedoch bekannt für eine in Bleisatz gegossene Falschmeldung. Es war ein sehr früher und sehr dreister Fall von „Fake News“.
„Drei Erschütterungen“
Glockengasse 17 ist die Adresse des Zivilingenieur J. Berdach, so steht es zumindest im Absender eines Leserbriefes, der die „Neue Freue Presse“ im Februar 1908 erreichte. Berdach, der zuvor in Bolivien gearbeitet hatte, wusste der Redaktion von wahrlich Aufsehenerregendem zu berichten.
Er war Zeuge eines „tellurischen Erdbebens (im engeren Sinne)“ geworden. Dieses unterscheidet sich eindeutig vom „kosmischen Beben (im weiteren Sinne)“, wie der Herr Ingenieur durch Blick auf seine Bussole feststellen konnte: Die Bussolennadel schwenkte „nicht nach Westsüdwest“ ab, „diesmal war in unzweideutiger Weise eine Tendenz nach Südsüdost feststellbar“. Die Ursache liege in der „Variabilität der Eindrucksdichtigkeit“ des Erdbebens. Durch sie kann jemand, „der im Nebenzimmer sich aufhält, nichts von all dem merken, was sich uns unverkennbar offenbart“. Berdachs Kinder verspürten deshalb im Nebenzimmer nichts vom Erdbeben, seine Frau, so Berdach, empfand jedoch deutlich „drei Erschütterungen“.

Die „Neue Freie Presse“, Zentralorgan des Bildungsbürgertums in der Donaumonarchie, druckte den Wahnwitz und war blamiert, denn Berdach war kein Ingenieur, er war nie in Bolivien gewesen, er hatte weder Frau noch Kinder, er hat nie existiert. Hinter dem Pseudonym verbarg sich Karl Kraus (1874–1936), der mit dem Hoax seinem Erzfeind Moriz Benedikt, dem Herausgeber der Presse, einen gehörigen Schlag versetzte. Kurz darauf decouvrierte Kraus in der „Fackel“ seine Autorenschaft und triumphierte. In seiner „Fackel“ hatte sich Kraus schon ein paar Jahre zuvor über den berühmten Geologen Eduard Suess lustig gemacht, weil dieser im „Wiener Tagblatt“ aus großer Distanz einen Vulkanausbruch auf Martinique beschrieben hatte.
Ob es sich bei dem fingierten Leserbrief des Ingenieur Berdach um eine Satire, um angewandte Medienkritik oder um Poesie handelt oder ob der Brief eine Melange aus alldem ist, ist Ansichtssache.
Das Erwachen des Grubenhunds
Jedenfalls fand Berdach aus der Glockengasse in Wien eine ganze Reihe von Erben und Erbinnen. Drei Jahre später setzte der Wiener Unternehmer und Satiriker Arthur Schütz (1880–1960) eins drauf. Er erfand – ebenfalls in einem Leserbrief an die Neue Freie Presse – den „„Dr. Ing. Erich Ritter von Winkler“.
Winkler berichtete vom Erwachen eines Grubenhundes in seinem Labor kurz vor einem Beben in den Ostrau-Karwiner Kohlenbergwerke. Sein Brief ist ein einzigartiges technisches Delirium, ein irrwitziges Stakkato aus physikalischen Fachbegriffen und Phrasen, deren Sound die Redaktion überzeugte und zur Publikation bewog. Ein Grubenhund ist natürlich kein Lebewesen, sondern ein Wagen („Hunt“), mit dem Geröll transportiert wird. (Kraus musste im Übrigen schwören, dass nicht er der Autor war.)
Von Berdach zu Kobuk
Der „Grubenhund“ wurde sprichwörtlich, der Methode haben sich nach dem Zweiten Weltkrieg auch andere bedient: Helmut Qualtinger etwa, der mit der Figur des grönländischen Schriftstellers Kobuk (Romantrilogie „Brennende Arktis“) zu Beginn der 1950er-Jahre die Wiener Presselandschaft aufmischte, oder die Künstlerinnengruppe Die Damen (sie erhielten 1990 in Ankara den Ersten Türkischen Kunstsportpreis), aber auch der KP-Politiker Ernst Fischer, der mit vermeintlichen Ovidübersetzungen 1963 den moskautreuen Walter Ulbricht in der DDR narrte.
Mit welchen Zielen auch immer gefakt wurde: Urahne all der satirischen Nadelstiche war der Ing. Berdach und der Ausgangspunkt die Glockengasse 17. Heute gibt es die Adresse seltsamer Weise nicht mehr. Andererseits ist sie jetzt im Zeitalter perfekter Fälschungen von Bildern, Texten und Filmen überall.
Lesetipp: Die fingierten Leserbriefe von Kraus und Schütz sind nachzulesen u. a. in: Hans E. Goldschmidt: Von Grubenhunden und aufgebundenen Bären im Blätterwald. Wien, München 1981; zu den Nachfahren von Berdach siehe: Claudia Geringer, Ernst Strouhal: Die Phantome des Ingenieur Berdach. Medienkritik und Dichtung. Wien 2023.







