Der Fußballplatz, das ist für Ines Polly, „mein zweites Wohnzimmer“. Wobei es durchaus sein könnte, dass die 38-jährige Wienerin mehr Zeit auf dem Platz als in den eigenen vier Wänden verbringt. Denn Polly spielt nicht nur selbst. Sie ist Gründerin und Leiterin eines Fußballvereins.
Heimspiele im Prater
Der „FC Altera Porta“ ist der einzige reine Mädchen- und Frauenverein im Wiener Fußball, „zumindest im Zentrum der Stadt“, präzisiert Polly. Training und Heimspiele von Altera Porta finden im Prater statt, auf dem STAW-Platz der „Kultur- und Sportvereinigung der Wiener Gemeindebediensteten“ (KSV). Auf dem Kunstrasenplatz wird mindestens viermal pro Woche trainiert – von den Anfängerinnen mit 4 oder 5 Jahren bis zu den Frauenteams. Es ist derselbe Platz, auf dem auch der „FC Augarten“ trainiert.
Die Leopoldstadt hat zwar eine große Fußballtradition, aber heute kaum noch eigene Vereine, die im Rahmen des Wiener Fußballverbands Meisterschaftsspiele bestreiten. Neben Altera Porta ist nur mehr der SC Maccabi im 2. Bezirk beheimatet. Dabei kommt der Frauenverein eigentlich aus einem ganz anderen Eck der Stadt.
Fußballfieber in der Familie
Altera Porta entstand vor 16 Jahren als Ableger des Vereins „Paulaner Wieden“ im 4. Bezirk. Den hatte Pollys Vater mitgegründet, dort spielte ihr älterer Bruder. So wurde auch die kleine Schwester vom Ballfieber gepackt. Ganz einfach war das freilich nicht, denn wie in so vielen Fußballvereinen mussten sich auch bei Paulaner Wieden die Mädchen den Bedürfnissen und Spielplänen der männlichen Kollegen unterordnen. „Da entstanden Spannungen, die wir vermeiden wollten“, erinnert sich Polly: „So haben wir unseren eigenen Verein für Mädchen und Frauen gegründet.“

In den traditionellen Wiener Vereinen können Buben und Mädchen bis 14 Jahren gemeinsam spielen. Danach werden die Geschlechter getrennt. Und zu diesem Zeitpunkt hören viel mehr Mädchen als Buben dann ganz mit dem Fußball auf. „Wir wollen diese Lücke schließen und den Mädchen eine Möglichkeit geben, weiterzuspielen“, sagt Polly: „Jedes Mädel in Wien soll die Chance bekommen, Fußball zu spielen.“
Vorteil durch Latein
Natürlich: Ein lateinischer Name sei für einen Fußballverein eher ungewöhnlich, gibt Polly lächelnd zu. Aber das habe auch Vorteile: „Bei Auswärtsspielen weiß zuerst einmal niemand, woher wir kommen. Und in den Fangesängen klingt der Name wie ‚Alter Reporter‘ – das ist immer wieder lustig.“
Wie der Name entstand? Eher zufällig, antwortet Polly. Das war während der Weltmeisterschaft 2010, als ein Fußball-Latein-Glossar auf den Markt kam. Polly und ihre Freundinnen suchten zur selben Zeit einen Namen für den neuen Verein, der origineller als „FC Wien“ oder „Dynamo“ sein sollte. Sie fragten sich, wie die alten Römer wohl ‚...noch ein Tor!‘ gerufen hätten - und kamen auf ‚Altera Porta‘.
Schwer fiel ihnen diese Übersetzung wohl nicht, denn viele Spielerinnen kannten Latein aus ihrer Schulzeit. Bei der Gründung „hatten wir in der A-Mannschaft tatsächlich fast nur Akademikerinnen“, sagt Polly: „Auch jetzt haben wir in der oberen Liga viele Maturantinnen“.
Wobei auch der hohe Anteil an höherer Bildung im Frauenfußball viel mit der Benachteiligung gegenüber den Männern zu tun hat. Denn als Mann kann man viel schneller vom Sport allein leben, während sich Frauen selbst in der höchsten Liga praktisch immer ein zweites berufliches Standbein aufbauen müssen. „Wenn die Frauen des Nationalteams heute portraitiert werden, erfahren wir immer auch, welches Studium sie absolvieren oder welchen Beruf sie daneben noch ausüben“, ärgert sich Polly: „Bei welchem männlichen Nationalspieler wäre das jemals ein Thema? Arnautović ist einfach Arnautović. Punkt.“
Mehrere Jahre beim ÖFB
Polly selbst studierte Sportwissenschaften, arbeitete dann mehrere Jahre beim ÖFB als Leiterin der Frauenakademie und übernimmt jetzt eine Steuerberatungskanzlei. Der Fußball werde aber immer „meine Leidenschaft, mein Hobby, mein Spaß bleiben“. Seit dem Ausscheiden aus dem Fußballbund ist sie wieder Vereinsobfrau von Altera Porta und trainiert jüngere Spielerinnen. Der Teamsport präge die Persönlichkeit, ist sie überzeugt: Beim Fußball lerne man auch soziales Verhalten.
Was bei ihr hingegen stark nachgelassen habe, sei das Interesse an großen internationalen Turnieren der Männer: „Im Fernsehen ist es mir zu viel Fußball geworden. Es hat den Reiz des Besonderen verloren.“ Auch die Atmosphäre in den Stadien irritiert sie zunehmend. Die Hassausbrüche und der Rassismus der Fans, aber auch die Aggressionen der Spieler gegeneinander und gegen die Schiedsrichter: „Das können keine Vorbilder sein“.

Die Stimmung im eigenen Verein charakterisiert Polly als „eher familiär. Wir leben Leidenschaft und Leistungsbereitschaft. Aber wir schauen, dass sich die Spielerinnen und Trainerinnen bei uns wohlfühlen“. Beschimpfungen und physische Attacken am Spielfeld seien ein absolutes no-go. Und wenn sich die Spielerinnen auf dem Rasen gegenseitig ein „Bro“ oder „Bruder“ zurufen, versucht Polly sie sanft an ihr Geschlecht zu erinnern. Wie wäre es mit „Sis“ oder „Schwester“? „Das war aber selbst jenen nicht bewusst, die sich als Feministinnen bezeichnen. Da müssen wir noch mit den Mädels arbeiten.“
Zu großer Andrang
Nachwuchsprobleme hat Altera Porta nicht. In der U 10 galt eine Zeit lang sogar ein Aufnahmestopp, weil der Andrang zu groß war. Derzeit gibt es 6 Jugendteams bis zur U 15, eine U 18, die in der Newcomer-League spielt und drei Frauenteams. Insgesamt spielen bei Altera Porta 160 Mädchen bis 18 Jahre und 40 Erwachsene.
Und was wünscht sich Ines Polly für den Frauenfußball? „Dass wir gemeinsam wachsen, damit wir langfristig bestehen können“, antwortet die Vereinspräsidentin. Noch immer gebe es im Frauenfußball zu viele Eintagsfliegen. „Teams steigen auf und verschwinden nach zwei Saisonen wieder. Bei den Herren ist das unvorstellbar.“
Viele große Vereine engagierten sich für den Frauenfußball. Aber dieses Engagement sei nicht nachhaltig genug. „Geschafft haben wir es dann“, sagt Polly, „wenn über Fußball gesprochen wird und es dabei keine Rolle mehr spielt, ob er von Frauen oder Männern gespielt wird.
Webseite: https://www.alteraporta.at/
Ines Polly und Altera Porta werden auch in dem neuen Buch über den Fußball in der Leopoldstadt portraitiert: „Von der Praterbahn zum Ernst-Happel-Stadion“ von Mario Kubista, Bernhard Hammer, Thomas Pöltl (Verlag Echomedia). Zwischenbrücken wird das Buch am 10. November ab 19 Uhr im NordbahnSaal der Hauswirtschaft präsentieren (1020, Bruno-Marek-Allee 5)








