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Elke Hesse im Konzertsaal MuTh
„Arbeit setzt bei mir Glückshormone frei“: Elke Hesse im Zuschauerraum des MuTh
Musik und Theater

„Man muss Mutter sein für alles“

Seit 14 Jahren leitet Elke Hesse das MuTh am Augartenspitz. Wie hat sie aus dem umstrittenen Konzertsaal einen offenen Ort für ganz unterschiedliches Publikum gemacht?

Nein, Elke Hesse wohnt nicht im zweiten Bezirk. Obwohl – eigentlich tut sie es doch. „Ich bin in meinem Büro zu Hause“, sagt sie. Von ihrem Schreibtisch aus schaut sie durch Fenster der Dachschräge direkt in die Krone eines prachtvollen Augarten-Baums. Man hört die Vögel zwitschern, die Insekten sirren, den Regen trommeln, je nach Wetter und Jahreszeit. Wenn es abends später wird, ruft der Waldkauz.

Gebaut für die Sängerknaben

„In meiner Wohnung im 8. Bezirk wartet eh niemand auf mich“, lacht Hesse. Die Söhne sind längst erwachsen. Niemand mehr daheim, der bekocht, bespaßt werden müsste. Da trifft es sich gut, dass „ich einfach so wahnsinnig gern arbeite. Arbeit setzt bei mir Glückshormone frei“.

Elke Hesse leitet seit 14 Jahren das MuTh am südlichen Zipfel des Augartens. „MuTh“ steht für „Musik und Theater“. Einst gegründet als Konzertsaal der Wiener Sängerknaben, hat sich das MuTh unter Hesses Leitung zu einem offenen Haus entwickelt, das in viele Richtungen ausstrahlt. 

Sie beschreibt ihren Beruf als künstlerische und kaufmännische Leiterin so: „Man macht Dinge möglich. Man muss viel reden, ein offenes Herz haben, sich voll für die Ideen anderer Menschen einsetzen. Und Mutter sein für alles“. 

Vielgerühmte Akustik

Der Konzertsaal fasst 413 Zuschauer:innen. Er wirkt heimelig, hat eine vielgerühmte Akustik und ist auf dem modernsten Stand der Technik. Es gibt Programme für Kinder, Jugendliche und Erwachsene: Percussion-Workshops ebenso wie Singalongs, Tango- und Liederabende, Zaubermärchen, Lesungen, Werkstattgespräche und zeitgenössische Opern. „Es geht uns um Vermittlung“, definiert Hesse ihren Kernauftrag. 

Im MuTh kann man also den berühmten Sängerknaben und Chormädchen aus der Nähe zuhören. Mit Komponistinnen und Instrumentalisten ins Gespräch kommen. Man erfährt, sieht, spürt, wie Musik entsteht. Die vielen Schulen der Umgebung kommen regelmäßig ins Haus. Bei „Krabbelkonzerten“, die einmal im Monat stattfinden, ist das Publikum (das jeweils samt einem Elternteil auf die Bühne darf) erst ein paar Monate alt.

Ballett und Musical

Man merkt Elke Hesse sofort an, dass sie selbst von der Bühne kommt. Knapp über 60 ist sie jetzt, quirlig, drahtig, ein wahres Energiebündel, das sofort jeden Raum füllt. Als Kind lernte sie klassisches Ballett („ganz klischeehaft, mit einer superstrengen rumänischen Lehrerin“), wechselte ins Klavier-Konzertfach, schließlich ging sie in die Musicalschule bei Peter Weck. Sie sang mit Freddie Quinn im Hamburger St. Pauli Theater, tourte mit dem feministischen Kabarett-Trio „Menubeln“ durchs Land. Sie war erfolgreich. Dennoch stimmte irgendwas nicht.

Der Augartenspitz und der Konzertsaal heute. Das Pförtnerhaus rechts sollte eigentlich abgerissen werden, konnte nach massiven Protesten aber gerettet werden. Foto: Helmut-Karl Lackner

„Ich war nicht gut genug“ lacht Hesse mit ihrer entwaffnenden Offenheit. Oder, anders ausgedrückt: „Es hat sich manchmal angefühlt, als würde ich mir beim Spielen selbst zuschauen. Ich habe nicht zu 100 Prozent für die Schauspielerei gebrannt.“

Erst als Produzentin fand sie genau die Rolle, für die sie gemacht war. Dabei half es, sich in Künstler:innen hineindenken zu können. Sie arbeitete mit Hans Gratzer am Schauspielhaus und am Theater in der Josefstadt, mit Paulus Manker bei „Alma“, leitet bis heute die Festspiele im deutschen Bad Hersfeld. 

Und dann kam, im Jahr 2010, der Ruf in den Augarten. Genauer gesagt: In den Augartenspitz, am südlichen Rand des Parks. Mitten hinein in eine aufgeheizte Konfliktzone. 

Auf der einen Seite stand damals der Mäzen Peter Pühringer, der privates Stiftungsgeld investieren wollte, um hier einen Konzertsaal für die Sängerknaben zu bauen. Auf der anderen Seite mobilisierte eine Bürgerinitiative gegen das Vorhaben, unterstützt von vielen lokalen Künstlerinnen und Künstlern. 

Barocker Protest

Die Aktivist:innen fürchteten ein Kommerzprojekt, den Verlust von öffentlichem Raum und zusätzlichen Verkehr. Sie wehrten sich gegen die Verbauung der bis dahin brachliegenden Gstettn und gegen den Abriss der denkmalgeschützten Parkmauer. Als Anspielung auf das barocke Erbe des Parks nannten sie sich „Josefinisches Erlustigungskomitee“ und besetzten den Bauplatz. Sie bespielten ihn mit Konzerten, Festen, Lesungen. Bäume und Gemüse wurden gepflanzt, Bühnen und Zelte aufgestellt, zahlreiche Promis traten auf. 

Über viele Monate hinweg war der besetzte Augartenspitz ein verzauberter Ort, geschmückt von den opulenten Kulissen der Malerin Raja Schwahn-Reichmann. Mehrmals gab es Konfrontationen mit der Polizei. Im März 2010 schließlich erfolgte die endgültige Räumung.

Der Widerstand gegen den Bau des MuTh verwandelte den Augartenspitz in einen verzauberten Ort. Im März 2010 wurde das Protestcamp von der Polizei geräumt: Foto: Bernhard Odehnal

„Ich habe meinen Job hier erst begonnen, als die Baugrube schon ausgehoben war“, sagt Hesse über ihren schwierigen Beginn. Die Wunden der Räumung waren noch frisch, die Stimmung aufgeheizt, die Fronten hoffnungslos verhärtet. „Mich hat die Situation mehrmals an meine persönlichen Grenzen gebracht.“ 

Verbindung zur freien Szene

Immerhin kam Hesse selbst aus der freien Szene. Spürte eine tiefe Verbindung zu den Künstler:innen, die hier protestierten. Und hatte gleichzeitig den Auftrag, den Bau des Konzertsaals bis zur Eröffnung zu begleiten – ein Projekt, von dem sie inhaltlich voll und ganz überzeugt war. „Manche haben in mir eine Verräterin gesehen“. 

Da half Hesse nur die Besinnung auf ihre Kernkompetenz: Reden, reden, reden - auch dort, wo es nicht sofort willkommen war. „Ich hab mit den Besetzern gemeinsam gesungen. Und gleichzeitig die Sängerknaben dazu gedrängt, den Kontakt zu den Anrainern zu suchen, und ihre Pläne besser zu erklären.“

Erinnerung an die Besetzung

Als das MuTh im Dezember 2012 schließlich eröffnet wurde, war der Konflikt nicht vergessen. Doch ein bisschen Gras war inzwischen am Augartenspitz gewachsen. Einige der verfeindeten Akteure hatten einander inzwischen näher kennengelernt, und dabei festgestellt, dass es Verbindendes gab: die Begeisterung für Musik und Theater. Und den Wunsch nach einem offenen, niederschwelligen Ort dafür.

Inzwischen hat sich die Erinnerung an die Besetzung dauerhaft in den Augartenspitz eingeschrieben. Sie ist ein Teil des Ortes geworden. Die denkmalgeschützte Parkmauer wurde nicht abgerissen, sondern in die Konzerthalle integriert. Schwahn-Reichmanns barocke Kulissen zieren heute den Eingang zum benachbarten Filmarchiv und zum sommerlichen Festival „Kino wie noch nie“. Die genossenschaftlich bewirtschafteten Hochbeete, in denen Gemüse wächst, sind seit Jahren eine fixe Einrichtung am Augartenspitz. Dazwischen spielte die Theatergruppe „Nesterval“ vor kurzem ihr open-air-Stück „Donaugold“ für die Wiener Festwochen.

Feste und Gastspiele

„Ich mag es, wie an diesem Ort alles zusammenkommt“, sagt Elke Hesse. Sie freut sich über Gastspiele im Haus – wenn die indische, türkische oder sephardisch-jüdische Community hier Feste feiert, das Telekom-Orchester aufspielt, oder ein Film gedreht wird. 

An lauen Sommerabend mischen sich am Augartenspitz heute Film, Musik, Theater, Natur, Geräusche und Gerüche. Er ist ein verzauberter Ort geblieben. Und seine Leiterin hat daran einen wesentlichen Anteil.

Das Programm im MuTh: https://muth.at

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    Ein Artikel von Sibylle Hamann
    Sibylle Hamann
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