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Gezupft und gestrichen

Ein Geigenpfleger mit offenem Ohr

Im Stuwerviertel repariert und pflegt Usa von Stietencron Streichinstrumente. Neben handwerklichem Geschick braucht er dabei viel Einfühlungsvermögen für die Kunden.

Usa von Stietencron in seiner Geigenwerkstatt
Streichinstrumente und ihre Bögen müssten regelmäßig gepflegt werden, sagt Usa von Stietencron. Und manchmal muss er eine Geige auch ganz zerlegen.

Die Kundin ist extra aus Budapest angereist. Jetzt steht sie in der Werkstatt von Usa von Stietencron im Stuwerviertel mit ihrer Geige in der Hand. Irgendetwas stimme mit dem Instrument nicht, erklärt die junge Frau. Sie mag den Klang, sagt sie,  aber das Spielgefühl sei nicht gut. Usa nimmt die Geige in die Hand, tastet sie ab, vergleicht Maße, prüft Hals und Steg, klopft auf die Decke und den Boden, fragt er die Besitzerin nach ihrer Geschichte mit dem Instrument.

In besten Händen

Dann macht er der Kundin Vorschläge für kleine Änderungen am Instrument, die leicht zu machen sind und von den Kosten her zur Situation passen. Die Arbeiten werden einige Tage dauern, in dieser Zeit bekommt die Frau leihweise eine Ersatzgeige. Auch das soll ihr helfen, die nächsten Schritte zu planen. Hat sich dafür der weite Weg aus Budapest gelohnt? Aber ja, antwortet sie. Die Empfehlung, zu dem Geigenbauer nach Wien zu fahren, hat sie von ihrer Lehrerin an der Musikhochschule: „Sie meinte, hier sei meine Geige in den besten Händen“.

Geigenbauer – das ist die gängige Berufsbezeichnung von Usa von Stietencron. Wie viele seiner Kolleginnen und Kollegen hat sich der 44-jährige aber nicht auf das Bauen neuer Instrumente spezialisert. Reparaturen, Restaurierungen, Service und Klangeinstellungen sind sein Metier. Außerdem tauscht er fast täglich Haare auf den Streichbögen aus. Denn gerade die Qualität der Haare und der Arbeit machten einen großen Unterschied - bei jedem Strich.

Mit Leim und Lack

Vielen Menschen sei nicht bewusst, dass Streichinstrumente und deren Bögen regelmäßig gepflegt werden sollte, sagt Usa: Offene Stellen an den Holzkanten müssten geleimt, der Lack gepflegt, das Griffbrett „abgezogen“ und die Wirbel „gängig gemacht“ werden, wie es in der Fachsprache heißt.

Für seine Arbeiten hat Usa eine gut eingerichtete Werkstatt. Unter der Decke hängen spielfertige und halb zerlegte Geigen und Bratschen. Darunter eine lange Reihe mit Werkzeug: Hobel, Feilen, Stemmeisen, Sägen und Spezialwerkzeuge, wie die typischen Geigenbauer-Schnitzer. Wenn Usa damit arbeitet, fallen Späne, die zwei bis drei Hundertstel eines Millimeters dick sind. „Wir müssen so genau arbeiten“, sagt er,  „damit das Instrument richtig gut klingt und stabil ist“.

Eine Geige wird repariert, in der Werkstatt von Usa von Stietencron
„Wir müssen so genau arbeiten, damit das Instrument richtig gut klingt“: Hier entsteht gerade der Gipsabdruck einer Geige. Foto: Christopher Mavrič

Eine offene Stelle in einem Instrument kann in zehn Minuten geleimt werden. Eine Bogenbehaarung ist in ein bis zwei Stunden gemacht. Aber dann gibt es noch die größeren Reparaturen. Wenn ein Cello umgefallen ist. Oder wenn ein Handy auf eine Bratsche gefallen ist. Dann braucht Usa nicht nur handwerkliches Geschick, sondern vor allem psychologisches Einfühlungsvermögen, um den Besitzer des Unglücksinstruments zu trösten. Denn egal ob Profi oder Laie: Wer wirklich Musik machen will, für den ist das Instrument nicht einfach ein Gegenstand mit Ton. Es ist für viele ist fast eine ein Teil des eigenen Körpers, mit Stimmungen, Gefühlen und einem eigenen Charakter.

Verunfallter Kontrabass

Oft verbindet Musiker und ihr Instrument eine Geschichte. Die Bratsche ist vielleicht seit Generationen in der Familie, eine Erinnerung an den geliebten Großvater. Das Cello hat die Besitzerin von der Mutter geerbt. Sie weiß aber, dass diese es von ihrem Liebhaber geschenkt bekommen hat. ‚Vielleicht war das auch mein Vater‘ sagte sie beiläufig zu Usa. Oder der Kontrabass, der beim Autounfall aus dem Kofferraum geschleudert wurde. Noch Jahre später stimmte der Besitzer des Instrument mit einem verbogenen Messingwirbel. Und jedes Mal war es ein bisschen Traumabewältigung.

In all diesen Situationen helfe erst das Zuhören und dann ein kompetenter Ratschlag, sagt Usa: „Mit offenem Ohr für Klang, Geschichte und für die Beziehung zwischen Musiker und Instrument.“

Usa von Stietencron beim Fotoshooting mit Christopher Mavrič
„Wichtig ist die Beziehung zwischen Musiker und Instrument“: Usa von Stietencron beim Fotoshooting mit Christopher Mavrič. Foto: Bernhard Odehnal

Die Liebe zu den Streichinstrumenten wurde bei den von Stietencrons von Generation zu Generation vererbt. Usas Großvater lebte in einem kleinen Dorf bei Konstanz am Bodensee. Ein Konzert des legendären Geigers Yehudi Menuhin brachte ihn in der Nachkriegszeit zu den Streichinstrumenten. Danach wollte er nicht mehr Architekt sondern Geigenbauer werden.

Später übernahm Usas Vater die Werkstatt in Baden-Württemberg. Weil es aber zu familiären Spannungen kam, übersiedelte er mit der Familie nach Wien und eröffnete eine Geigenwerkstatt im Heiligenkreuzerhof, die heute noch besteht. Dort baute der 16-jährige Usa seine erste Geige, bevor er an der Geigenbauschule im englischen Newark aufgenommen wurde.

Sieben Wanderjahre

Auf drei Jahre Ausbildung folgten sieben Wanderjahre als Geselle in Deutschland, der Schweiz und den Niederlanden. Seit 2012 ist er in Wien selbständig tätig. Insgesamt gebe es in Wien rund  60 hauptberufliche Geigenbauerinnen und Geigenbauer, schätzt Usa: „Und das passt gut zu dieser Stadt.“

Im Stuwerviertel ist er nun seit neun Jahren. Hier arbeitet er nicht nur, hier wohnt er auch mit seiner Familie. Und wenn er über das Grätzl spricht, klingt es, als würde er nie wieder wegziehen wollen. Viele kennen ihn hier, und er kennt seine Nachbarschaft - den Buchhändler in der Stuwerstraße oder den Betreiber der Foodcoop bei der Venediger Au.

Musik im Grätzl

Viele seiner Kunden kommen zwar aus ganz Wien und aus dem Ausland – wie jene Kundin aus Budapest. Aber einige wohnen auch ganz in der Nähe. Und wenn er im Sommer durch die Gassen des Stuwerviertels spaziere, höre er durch offene Fenster, wie gespielt und geübt wird, erzählt Usa von Stietencron: „Kinder und Amateure hier machen genauso Musik wie viele Profis. Das Grätzl scheint für alle ein guter Platz zu sein.“

Im Rahmen des „Repair-Festivals“ im MQ bietet Usa von Stietencron eine Geigen- und Saiteninstrumenten-Ambulanz an. Wer zuhause ein Streichinstrument hat und wissen will, was er damit machen könnte, kann sich hier sachkundigen Rat holen. Kleinere Schäden werden unter Umständen auch sofort repariert.
Zeit: 11. Oktober, 12.30 bis 16 Uhr
Ort: Libelle auf dem Leopold-Museum
Weitere Informationen hier
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Webseite: http://vonstietencron.com

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    Ein Artikel von Bernhard Odehnal
    Bernhard Odehnal
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