Die Aussicht sei natürlich unschlagbar, sagt Halil Ibrahim Doğan. Vom Eckbüro in der Währinger Straße blickt der Direktor des „Yunus Endres Instituts“ auf den Sigmund-Freud-Park, die Votivkirche und die Universität. Doch dieser Blick hat ein Ablaufdatum.
Erbaut im 17. Jahrhundert
Das türkische Kulturzentrum wird nämlich aus Währing in die Leopoldstadt übersiedeln: In das alte Mauthaus an der Kreuzung Taborstraße und Am Tabor. Seit längerem schon steht das Haus aus dem 17. Jahrhundert leer und zum Verkauf (Zwischenbrücken berichtete). Nun ist im Grundbuch der neue Eigentümer eingetragen: Die „Republik Türkiye“ mit der Adresse der türkischen Botschaft im 4. Bezirk.
Einziehen werden im Mauthaus aber keine Diplomaten, sondern vor allem Sprachlehrerinnen und -lehrer. Das „Yunus Emre Enstitüsü“ – benannt nach einem Dichter und Mystikers des 13. Jahrhunderts - versteht sich als Kulturzentrum „mit der Aufgabe, die türkische Sprache und Kultur im Ausland zu fördern“. Angeboten werden Sprachkurse auf allen Niveaustufen. „Aber wir veranstalten auch Konzerte und Ausstellungen internationaler Künstler“, betont Direktor Doğan.
Von Erdogan gegründet
Gegründet wurde das Yunus Emre Enstitüsü 2007 von Recep Tayyip Erdoğan, der damals Ministerpräsident war. Heute gebe es Filialen „in 70 Staaten und 100 Städten“ sagt Halil Ibrahim Doğan. Dass die Aktivitäten des Kulturinstituts dem heute autokratisch regierenden Präsidenten Erdoğan noch immer ein besonders Anliegen sind, zeigt sich unter anderem darin, dass neue Filialen von seiner Ehefrau Emine Erdoğan eröffnet werden.
Der Politikwissenschaftler und Nahost-Experte Thomas Schmidinger sieht das Zentrum als „Teil der kulturellen Diplomatie“. Erdogans AKP ist seit zwei Jahrzehnten an der Macht, das Yunus Emre Institut stehe zwangsläufig der Partei nahe. Da werde „sicher auch eine bisschen Ideologie mitvermittelt“, sagt Schmidinger. Aber das sei bei den Kulturinstituten anderer, autoritär regierter Staaten wie Iran oder Russland genauso.

Der österreichische Ableger wurde vor etwas mehr als 10 Jahren eröffnet. Die Lage an der Währinger Straße ist sehr zentral. Trotzdem freut sich Direktor Doğan über den Umzug in die Leopoldstadt. Denn dort gebe es mehr Platz und einen besseren Zugang im Erdgeschoß.
Einst am Fluss, jetzt an der Bim
Das Haus am Tabor sticht ins Auge, wenn man vorbeigeht. Seine Mauern ragen so weit in den Kreuzungsbereich hinein, dass nur ein schmaler Gehsteig vorbeiführt. Seine Fundamente liegen deutlich tiefer als jene der Nachbargebäude. Als das Haus 1698 gebaut wurde, stand es noch direkt am Flussufer.
Wo heute die Straßenbahnlinie 5 fährt, floss ein Arm der Donau: das Fahnenstangenwasser. Über dieses Wasser führte die einzige Donaubrücke hinüber auf die Insel „Zwischenbrücken“, und von dort weiter nach Floridsdorf. Im Mauthaus wurden die Wegegebühren eingehoben.
Später beherbergte das Haus eine Schokoladenfabrik und eine der ersten Internetfirmen Wiens. Seit den 1950er Jahren steht das Haus unter Denkmalschutz. Das hinderte aber einen Rechtsanwalt in den 1980er Jahren nicht daran, in die ehemaligen Pferdeställe einen Swimmingpool einzubauen. Zuletzt wurden im Haus Tanz- und Yogakurse angeboten. Doch schon seit längerem stehen die insgesamt 720 Quadratmeter Wohnfläche leer.

Bis das Yunus Emre Enstitüsü die ersten Sprachkurse Am Tabor anbieten kann, werde noch mindestens ein Jahr vergehen, schätzt Direktor Doğan. Zuerst müsse das Haus saniert und für den neuen Zweck adaptiert werden. Alles unter Berücksichtigung des Denkmalschutzes. Eine kleine Enttäuschung für zukünftige Sprachschüler:innen: Der Swimmingpool im Haus soll nicht erhalten bleiben.






