Schlurf-Kultur
Radeln gegen das Vergessen

Mit gelben Krawatten und Koffer-Grammophonen widersetzten sich die Schlurfs dem Nazi-Regime. Jetzt lässt eine außergewöhnliche Bike-Performance im Prater diese Wiener Gegenkultur aufleben.

Ein Soundbike in der Prater Hauptallee
Die Schlurfs spielten ihre Musik auf Grammophonen. Heute kommt der Sound von Lautsprechern auf Lastenrädern

„Sie waren gegen die Nazis, und sie hatten Stil.“ Wenn Conny Zenk über die „Schlurfs“ spricht, ist ihre Faszination für diese Jugendbewegung der 1940er Jahre nicht zu überhören. Da sei eine Gegenkultur entstanden, sagt die Wiener Video- und Klangkünstlerin, „man könnte sagen, die Schlurfs waren die erste jugendliche Subkultur Wiens.“

Verfolgt und verhaftet

Schlurfs – so wurden Jugendliche genannt, die meist aus der Arbeiterklasse kamen und sich dem normierten Leben eines diktatorischen Systems nicht unterordnen wollten. Ihren Widerstand zeigten die Schlurfs mit ihrer Mode und ihrer Musik. Als auf den Wiener Straßen Uniformen und graue Anzüge das Stadtbild dominierten, provozierten sie mit weiten Sakkos, großen Hüten,  bunten Krawatten und tragbaren Grammophonen, auf denen sie sehr laut Jazz spielten und dazu Swing tanzten. Von der Nazi-Presse wurden sie als „arbeitsscheu“ und „asozial“ diskreditiert. Die Schlurfs wurden verfolgt, verhaftet und einige von ihnen landeten in Konzentrationslagern.

Conny Zenk findet, dass  die Schlurf:innen heute immer noch viel zu wenig bekannt sind. Diesen Sommer leitet sie eine Reihe von Veranstaltungen unter dem Titel „Resonanz & Widerstand: Dem Klang der Wiener Gegenkultur auf der Spur“. Musik und Texte aus der Schlurfkultur werden dabei von Musikerinnen wie  Electric Indigo und Billy Roisz oder Autorinnen wie Anna Weidenholzer neu interpretiert, gesampelt oder von Grün & grünerli zu Bild-Collagen verarbeitet. Ebenfalls dabei sind Eva Schörkhuber und Andreas Pavlic, die auch für Zwischenbrücken schreiben.

„Sie waren die erste jugendliche Subkultur Wiens“, sagt Veranstalterin Conny Zenk über die Schlurfs. Foto: Hannah Mayr

Im Zentrum der Veranstaltungen steht immer – das Fahrrad. Vor zehn Jahren gründete Zenk die künstlerische Reihe „RAD Performance“. In der Werkstätte des Ateliers "Kunstkanal“ in der Leopoldstadt wurden sechs Lastenräder zu „Soundbikes“ umgebaut, mit speziellen, über Funk verbundenen Lautsprechern. Bevorzugte Aufführungsorte sind die spiralförmigen Rampen der Radwege auf die Donaubrücken.

Die Stimme der Schlurfin

Eine erste Performance rund um das Thema der jugendlichen Jazz-Subkultur der 1930er und 40er Jahre  fand Ende Juni in der Rad-Spirale statt, die vom Donauufer auf die Brigittenauer Brücke führt. Im Mittelpunkt von „SPIRAL BIKE“ stand dabei eine der wenigen Frauen, deren Texte und Gedichte erst seit kurzem erforscht werden. Franziska Votypka nannte sich selbst „Schlurfin“ und verkehrte vor allem im „2. Wiener Kaffeehaus“, einem bei den Schlurfs besonders beliebten Lokal an der Hauptallee im Prater, wo noch Jazz gespielte wurde, als diese Musik unter den Nazis als „entartet“  galt und es in der ganzen Stadt Tanzverbote gab. Sie kleidete sich den Sitten des Lokals entsprechend: mit gelber Krawatte, Faltenrock, überlangem Sakko und Borsalino-Hut.

Das NS-Regime duldete solche Eskapaden nicht. Votypka wurde verhaftet, überlebte das KZ Ravensbrück und starb erst 1996. Über ihr Leben nach der Schlurf-Zeit ist jedoch praktisch nichts bekannt. Für Conny Zenk war die Schlurfin eine „besondere Frau“: „Franziska Votypka ist eine der wenigen Schlurfinnen, deren Stimme heute noch zu hören ist. Wir haben sie zum Teil wiederentdeckt, denn über viele Jahrzehnte wurden ihre Texte kaum gelesen, gehört oder erinnert.“

Schlurf-Performance in der Rad-Spirale der Brigittenauer Brücke im Juni. Die nächste Veranstaltung findet am 15. August im Prater statt. Foto: Hannah Mayr

Auch im Rahmen der nächsten RAD Performance, am 15. August, wird Franziska Votypka vorkommen. Unter anderem wurden Gedichte vertont, die sie während ihrer Schlurf-Phase schrieb. Am späten Nachmittag geht es mit dem Fahrrad jedoch nicht über spiralförmige Rampen, sondern quer durch den Prater zu jenen Stellen, die beliebte Treffpunkte der Schlurfs waren. Zum Toboggan etwa, der ältesten Rutsche Europas. Oder zum Hockeystadion des HC Wien an der Hauptallee. Denn genau dort stand vor dem Krieg das legendäre „2. Wiener Kaffeehaus“.

Bluetooth statt Grammophon

Danach wird über die Hauptallee bis fast zum Lusthaus geradelt. Eigene Bluetooth Lautsprecher dürfen mitgebracht werden: „Die Schlurfs waren mobil und hatten mit den Koffer-Grammophonen doch immer ihre Musik mit dabei“, sagt Conny Zenk: „Wir setzen diese Tradition fort, jetzt auf Fahrrädern.“ Das nächste „Spiral Bike“ findet dann am 28. August statt. Freilich nicht in Zwischenbrücken, sondern in Favoriten: Los geht's beim Arsenalsteg durch das Sonnwendviertel und den 10. Bezirk bis über die Gleise des Hauptbahnhofs zur Rad-Spirale der Südbahnhofbrücke.

Veranstaltung am 15. August 2026: Vienna Sonic Memories
Swing Bike Parcours, Augmented Reality, Concerts, DJs
Treffpunkt: 17:00 Uhr, Pratermuseum
Konzerte ab 20:00 Uhr, Hauptallee, Ostbahnbrücke

Weitere Informationen auf der Webseite.

Mehr über die Schlurfs im Magazin des Wien Museums.

Ein Artikel von Bernhard Odehnal
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