„Das wird ein Sound, den man vorher noch nie so gehört hat“. So kündigt Laurenz Ennser-Jedenastik das Konzert am 29. Mai auf dem Gelände des ehemaligen Nordwestbahnhofs an. Etwa 60 Personen spielen an diesem Freitag als „temporäre Hafenarbeiter:innenkapelle“ Lieder, die irgendwie mit Wasser zu tun haben. Sie handeln vom Meer, von Fernweh oder von liebeskranken Matrosen.
Mit Akkordeon und E-Cello
Für den einmaligen Auftritt hat die „Musikarbeiter:innenkapelle“ Verstärkung bekommen. Zu Blasinstrumenten und Trommeln kommen ausnahmsweise auch andere Instrumente dazu: Akkordeon, Geige, E-Cello, vielleicht noch mehr. Die Laienmusiker:innen bringen ihre eigenen Instrumente mit, geprobt wird mit dem gesamten Ensemble nur ein einziges Mal. Laurenz Ennser-Jedenastik wird „diesen einzigartigen Klangkörper“ dirigieren und hat für diesen Auftritt Stücke arrangiert.
Eine breite Öffentlichkeit kennt den in der Leopoldstadt lebenden Ennser-Jedenastik in einer ganz anderen Rolle. Etwa wenn er als Studiogast in der ZIB 2 die Tradition des politischen Postenschachers analysiert, oder im Podcast „Erklär mit die Welt“ populäre Mythen über die Politik widerlegt.
Nach der Musik die Politikwissenschaft
Der 44-jährige ist Professor für österreichische Politik im europäischen Kontext am Institut für Staatswissenschaft der Uni Wien. Doch bevor sich der gebürtige Niederösterreicher der Politikwissenschaft zuwandte, studierte er Komposition und Musiktheorie an der Wiener Musikuniversität.
Mit Komposition, Dirigieren und Chorgesang habe er sich schon in seiner Jugend befasst, erzählt Ennser-Jedenastik in seinem Universitäts-Büro im 9. Bezirk: „Aber irgendwann gegen Ende des Musikstudiums habe ich festgestellt, dass ich das doch nicht beruflich machen will“. Und so sei er „in die Politikwissenschaft abgebogen“.
Das Trauma Blasmusik
Ganz verabschieden konnte er sich von der Musik jedoch nicht. So dockte er bald nach dem Studium bei der damals neu gegründeten Musikarbeiter:innenkapelle an. Die Gruppe bestand vor allem aus Personen, die aus der Provinz nach Wien gekommen waren und schon in ihren Heimatgemeinden in der örtlichen Blasmusik gespielt hatten. Mit dem Ziel „das Blasmusiktrauma zu überwinden“, formierten sie sich in der Hauptstadt neu: Statt Walzer und Polka werden hier Arbeiterlieder und Pop-Songs gespielt.

Ennser-Jedenastik dirigiert und gehört zu dem kleinen Team, das die Stücke für große Kapelle arrangiert. Denn „so wie wir die Stücke spielen, gibt es die Noten ja nicht zu kaufen“. Als eines seiner liebsten Arrangements nennt der Politikwissenschafter Conchita Wursts „Rise like a Phoenix“: „Die Nummer hat so viel Dramatik. da zeigt sich die Kapelle in allen Schattierungen.“
Vor dem Rhiz und im Gemeindebau
Geprobt wird in der Regel einmal pro Woche in einem Raum im 15. Bezirk. Anfragen für Auftritte gibt es mittlerweile so viele, dass die Kapelle gar nicht alle wahrnehmen kann. Sie spielt beim Popfest am Karlsplatz ebenso wie in Gemeindebauhöfen. Am Nachmittag des 1. Mai tritt sie traditionell auf einem schmalen Grünstreifen am Gürtel vor dem Szenelokal Rhiz auf. Auch auf am Gelände des Nordwestbahnhofs hat die Kapelle schon öfters musiziert. Zuletzt im Sommer 2025 – damals wetterbedingt in der alten ÖBB-Busgarage.
Dass die Kapelle jetzt einmalig als „Hafenarbeiter:innen“ auftritt, geht auf eine Initiative der umtriebigen Künstlergruppe „Tracing Spaces“ zurück. Diese betreibt das Museum Nordwestbahnhof und hat die enge Verbundenheit des Geländes mit dem Wasser erforscht. Immerhin floss hier einst – vor der Regulierung - ein Hauptarm der Donau. Später kamen an dieser Stelle die Kühlwaggons der Nordwestbahn an und brachten die ersten Hochseefische auf die Wiener Märkte.
Verlust an Freiraum
Auf dem Bahnhofsgelände wird es wohl eines der letzten Konzerte sein. Spätestens im Herbst sollen hier die Bagger auffahren und mit den Abbrucharbeiten beginnen. In den kommenden Jahren sollen hier Wohnungen für 16.000 Menschen gebaut werden. Ennser-Jedenastik findet es schade, „dass solche Locations in der Stadt verschwinden“.
Die Musikarbeiter:innen spielen gerne und oft auf Baustellen oder in Hinterhöfen, die sich „für einen Klangkörper wie den unseren besonders eignen“. Auf solchen Brachen in der Stadt könnten Dinge entstehen, „für die sonst in der Stadt kein Platz ist“. Der Gewinn an Wohnraum stehe ein Verlust an Freiraum gegenüber: „Das ist ein Widerspruch, den man nicht auflösen kann“.
Wellerman und La Paloma
Das gesamte Programm der Hafenarbeiter:innen soll hier nicht verraten werden. Nur so viel: Wer jetzt auf „La Paloma“ tippt, liegt nicht ganz falsch. Und vielleicht wird man im Zusammenspiel von Tuba, Saxofon und anderen Instrumenten auch das neuseeländische Walfängerlied vom „Wellerman“ erkennen können.
Doch was genau beim Konzert passieren wird, kann auch der Kapellmeister nicht vorhersagen. Zusätzlich zur etwa 60-köpfigen Stammkapelle haben sich bisher 15 Laienmusiker:innen zum Mitspielen angemeldet. Er könne sich „noch nicht genau ausmalen, was da passieren wird“, sagt Ennser-Jedenastik. Er bereitet er sich auf „ungewöhnliche Instrumente und einen exotischen Klang“ vor - auf einen Sound jedenfalls, den man nur ein einziges Mal so hören wird.








