Kira Kirsch in der Brigittenau
„„Wir sind hinter dem Hofer, der hinter dem Nordpol steht““: So musste Kira Kirsch häufig den Weg zum brut erklären.
Bilanz zum Abschied
„Hier gibt uns die 5er-Bim den Takt vor“
Als Dramaturgin und künstlerische Leiterin von brut wien ist Kira Kirsch (54) seit fünf Jahren in der Brigittenau tätig. Jetzt läuft ihr Vertrag aus und das Theater zieht weiter - nach Erdberg.

Nein, Kira Kirsch ist kein Künstlername. Den hat meine Mutter ausgewählt, weil er ihr gefallen hat. In der Schulzeit war das allerdings nicht immer ganz ideal. Zum einen hat die Alliteration meine Umwelt dazu motiviert, eine Art von Ahnenreihe herzusagen: Kira Kirsch, Susi Sunkist, Bibi Blocksberg, Benjamin Blümchen. Zum anderen war das immer der Name, den sich jede Lehrerin und jeder Lehrer garantiert gemerkt hat. Wenn dann Vokabel abgefragt wurden, war ich natürlich als Erste an der Reihe.

Zurück nach Saarbrücken

Meine Eltern waren auch nicht im Kunstbetrieb tätig, sondern sind einfach musikalische und kunstaffine Menschen. Mein Vater hat Französisch und Geografie unterrichtet, meine Mutter mit Antiquitäten gehandelt. Sie liebt bis heute Schmuck. Wir haben in dem kleinen Ort Friedrichsthal bei Saarbrücken gelebt. An den Wochenenden ging es mit den Eltern dann eben häufig über die Grenze nach Frankreich, etwa zum Flohmarkt nach Metz, wo meine Mutter einkaufen konnte.

Dass ich seit einem Jahr schon parallel zu meinem Wiener Job und ab Herbst dann fix in Saarbrücken arbeite, ist jedenfalls auch praktisch, weil ich mich dort nicht erst groß einrichten und zurechtfinden muss. Meine Schwester und Freundinnen leben noch dort. Es gibt also schon ein Umfeld, das ich mir nicht erst schaffen muss.

Theater, Tanz und Zirkus

Ich bin dort künstlerische Leiterin des deutsch-französischen Kulturfestivals Perspectives, das sich zu gleichen Teilen deutsch- und französischsprachiger Bühnenkunst widmet. Arte fürs Theater, könnte man sagen. Das Grundmotiv ist die kulturelle grenzüberschreitende Zusammenarbeit in Europa. An den letzten zehn Mai-Tagen findet nun gerade die 48. Ausgabe statt. Es gibt ein dichtes Programm aus zeitgenössischem Theater, Tanz und Zirkus, auf öffentlichen Plätzen und site-specific. Zum Auftakt führt uns ein kleiner Ausflug zum Transfestival über die Grenze: Départ pour Metz! Auf nach Metz! Ein kleines Déjà-vu.

Dass es mich damit wieder hingezogen hat, wo ich herkomme, nach Saarbrücken eben, ist nicht ohne Ironie. Ich wollte immer weg von dort, habe schon ganz früh das Urbane vermisst und bald anderswo gesucht.

Glasgow, Berlin und Graz

Gleich nach dem Abitur bin ich damals losgezogen. Erst als Aupair für ein Jahr nach Paris. Später zum Studium nach Mainz, nach Glasgow und endlich nach Berlin, in meine Traumstadt. Dass ich 2003 nach Graz gekommen bin, hat sich durch meinen damaligen Partner so ergeben. Graz war damals Europäische Kulturhauptstadt und damit für mich über diverse Jobs ein guter Einstieg in die lokale Architektur- und Kulturszene. Zuletzt war ich ab 2012 als Leitende Dramaturgin beim steirischen herbst tätig. 2015 bin ich schließlich als Künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin zu brut wien gekommen.

Anfangs war brut noch im ersten Bezirk, im Künstlerhaus zuhause. Aber dort mussten wir 2017 raus, weil das Haus generalsaniert werden sollte. Dieser Auszug hat mich doch sehr unvorbereitet getroffen. Plötzlich musste ich nicht einfach nur gutes Programm machen, sondern unsere Produktionen an wechselnden temporären Spielstätten realisieren.

Programm an 100 Wiener Orten

Wenn man einen Ort, einen Raum fix hat, dann ist ja schon sehr Vieles vorgegeben. Aber wir mussten mit jeder Produktion wirklich komplett Neues schaffen. Drei Jahre lang hatten wir keine feste Adresse und waren fast überall in der Stadt aktiv. Ich musste Standorte suchen, Immobilien besichtigen, Termine mit Herrn Haselsteiner absolvieren. Mit anderen Worten: Wir haben wirklich sehr viel gearbeitet. Und bis heute an gut 100 Orten in Wien Programm gemacht.

„Wir haben nicht nur die große Industriehalle, sondern auch diesen tollen Innenhof“: Kira Kirsch vor dem brut nordwest. Foto: Christopher Mavrič

Dass wir 2021 schließlich in der Brigittenau gelandet sind und diese Industriehalle an der Nordwestbahnstraße zur Zwischennutzung beziehen konnten, hat sich als Glücksfall erwiesen. Aber erst langsam. Anfangs hieß es, kein Mensch werde sich in den 20. Bezirk verirren. Wir würden unser Publikum schnell verlieren. Und leicht war es ja auch wirklich nicht. Wenn ich jemanden zu uns locken wollte, konnte ich als Referenzpunkte zur Wegbeschreibung nur den Nordpol, also das Gasthaus, und den Supermarkt nennen: „Wir sind hinter dem Hofer, der hinter dem Nordpol steht.“ Nicht gerade verlockend.

Mit Kopf und Körper anwesend

Und doch haben wir hier extrem gute Erfahrungen gemacht. Das Publikum hat uns gefunden. Und zwar zahlreich. Es leben nun einmal sehr viel mehr Menschen im 2. und im 20. Bezirk als im ersten. Wenn man im Museumsquartier zu einer Veranstaltung geht, läuft im Kopf schon die Überlegung, wo man nachher noch hingehen könnte. Wer aber abends für eine Aufführung mit der 5er-Bim vom Praterstern zu uns gefahren ist, ist mit Kopf und Körper anwesend. Das schafft natürlich auch eine ganz besondere, von vielen sehr geschätzte Atmosphäre. Wir haben ja nicht nur die große Industriehalle, sondern auch diesen tollen Innenhof – einen Freiraum, in dem man abends sitzen kann, ohne irgendwelche Nachbarn zu stören.

Die Anreise hierher prägt seit fünf Jahren auch meinen Alltag sehr nachdrücklich. Ich wohne im 15. Bezirk und muss in der Früh erst einmal entscheiden, ob meine Hündin Polly – ein Puli-Mix, also ein ungarischer Hirtenhund, der an einen Wischmopp erinnert und nicht gestreichelt werden will – mitkommt in die Arbeit.

Nächste Saison in neuem Gebäude

Mit Polly nehme ich die U3 bis zum Stubentor und fahre dann mit dem 2er bis Am Tabor. Ohne Hund steige ich am Stephansplatz in die U1 um und fahre vom Praterstern mit dem 5er hierher. Das hatte immerhin den Vorteil, dass mir viel Zeit blieb, um über diesen besonderen Standort hier nachzudenken. Und sogar noch abends bei unserem Programm gibt uns hier die 5er-Bim den Takt vor: Sollen wir mit der Vorstellung beginnen oder warten wir noch, bis die nächste Straßenbahn kommt?

Zum Ende der aktuellen Saison werde ich mich nun vom brut wien verabschieden. Wenn die Institution dann mit der nächsten Spielzeit in ein neues Gebäude im 3. Bezirk übersiedelt, wird auch das schöne brut nordwest Geschichte sein. Das wird in dieser Dichte emotional fordernd: Sowohl den Job als auch den Ort habe ich sehr gerne gehabt.

Ich werde mich dann einerseits auf meine Tätigkeit in Saarbrücken konzentrieren und zum Glück auch nicht ganz aus Wien verschwinden. Ab dem Herbstsemester bin ich an der Universität für angewandte Kunst am Institut für Sprachkunst mit einer halben Stelle als Senior Lecturer verpflichtet. Und außerdem werde ich viel Zeit haben für meine langjährigen Freundinnen und Freunde in und aus München, Graz und Berlin. Eine Besonderheit dabei, auf die ich mich freue: Diese Leute haben allesamt nichts mit Theater zu tun.

Aufgezeichnet von Ernst Schmiederer (www.ernstschmiederer.com)

https://brut-wien.at

Ein Artikel von Ernst Schmiederer
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