Ich habe bei Christian Ludwig Attersee Malerei studiert und mein Geld in diesen Jahren auch als Aktmodell in der Volkshochschule verdient. Das war mitunter sehr anstrengend. Man sitzt etwa zehn Mal für fünf lange Stunden in ein und derselben Pose inmitten von einem Dutzend Bildhauern, die eine Tonfigur formen wollen. Für Zeichnungen und Aquarelle dauert die einzelne Pose zum Glück viel weniger lang. Am Ende kriegt man jedenfalls 15 Euro die Stunde, also nicht viel Geld angesichts der Tatsache, dass man da nackt herumsitzt.
Lehrreiches Aktsitzen
Inzwischen mache ich das längst nicht mehr. Allerdings muss ich sagen, dass das Aktsitzen nicht nur anstrengend, sondern auch lehrreich für mich war. Man trainiert das Körperbewusstsein und lernt viel aus dem, was die Leute mit ihrem je unterschiedlichen Blick aus einem machen.
Nicht zuletzt habe ich diesem Job meinen heutigen Hauptjob zu verdanken: Nach einer solchen Sitzung hat mich der Leiter der Bildhauerklasse, der Künstler Karl Martin Sukopp angesprochen und mir vorgeschlagen, seinen Sohn Paul zu kontaktieren. Der ist mit seinem „Atelier Sukopp“ auf Theater- und Dekorationsmalerei spezialisiert. Und war damals auf der Suche nach Mitarbeitern.
Von Mörbisch bis Stockerau
Seit 20 Jahren arbeite ich jetzt mit Paul zusammen als Bühnen-, Kulissen- und Theatermalerin. Jetzt gerade sind wir wieder für die Seefestspiele in Mörbisch tätig. Diesen Sommer geben sie dort das Open-Air-Musical „Ein Käfig voller Narren“. Die Bühne ist eine der größten Open Air Spielstätten in Europa, entsprechend groß ist die Fläche, die wir zu gestalten haben. Wenn wir dort fertig sind, geht’s weiter zu den Festspielen Stockerau, wo die Bühne für „Ein Sommernachtstraum“ von Shakespeare bemalt werden muss. Anschließend hat uns der Wiener Opernsommer verpflichtet: In der Opernarena am Heumarkt werden wir für Georges Bizets „Carmen“ malen.
Der Beruf hat sich sehr gewandelt in den letzten Jahren, nicht zuletzt aufgrund des immer weiter steigenden Preisdrucks. Früher hat man sich in der Lehre die diversen Techniken angeeignet. Dann wusste man, wie man auf der am Boden liegenden Leinwand effektiv malen kann. Auch heute noch wünschen sich die Bühnenbildner, dass die Bilder auch wirklich gemalt werden. Nachdem aber fast immer das Geld dafür fehlt, werden große Teile der Bühnenbilder gedruckt.
Kinderfeindlicher Kunstmarkt
Ich habe mein Studium mit Auszeichnung abgeschlossen, bin aber relativ jung Mutter geworden. Meine Tochter Alina ist heute 20 Jahre alt. Als Alleinerzieherin fliegst du sehr schnell raus aus dem Kunstmarkt, wenn du es überhaupt erst einmal rein geschafft hast. Wenn du am Abend auf dein Kind aufpassen musst, kannst du Dich nicht auf Vernissagen rumtreiben. Du hast einfach nicht die Zeit, Dich im Kunstbetrieb sichtbar zu halten. Dazu kommt, dass ich aus keinem begüterten Haushalt stamme. Alles in allem sind das keine guten Voraussetzungen, um als Künstlerin selbständig zu arbeiten.
Auch wenn ich gerne intensiver an meinen eigenen Bildern arbeiten und gerne davon leben würde – ich kann mich nicht über Arbeitsmangel beschweren. 2015 habe ich mich bei einem Sturz vom Pferd so schwer verletzt, dass ich für längere Zeit nicht arbeiten konnte.
Das Leben der Pilze
Ich komme aus dem Waldviertel, St. Oswald im Yspertal. Obwohl meine Mama Pilze eher nicht mag, war ich sehr früh schon von ihnen fasziniert. Ich wollte Pilze verstehen lernen, wollte im Wald sein und sehen, wie der Pilz lebt, was er tut. Die Sturz-Verletzung habe ich dann genutzt, um mir meinen Traum zu erfüllen: Ich habe mich intensiv in die Welt der Pilze eingearbeitet, diverse Kurse absolviert und mein Wissen im Lauf der Jahre so erweitert, dass ich mittlerweile selbst Kurse anbieten kann.

Es gibt etwa 4.000 Pilzarten in Österreich. Die wenigsten davon kann man allein mit dem Auge bestimmen. Man lernt also mikroskopieren. Man lernt mit den Schlüsseln der Gattungsmonografien umzugehen. Und man verbringt viel Zeit bei den Pilzen, also im Wald. Anfangs habe ich als Waldviertlerin ein bissl mitleidig auf den Wiener Wald geblickt. Aber bald habe ich gesehen, dass der mit seinem pannonischen Klima auch wirklich viel zu bieten hat.
Mykologische Exkursionen
In unserem Pilzverein, in der Österreichischen Mykologischen Gesellschaft bin ich für Exkursionen zuständig, organisiere Workshops, Vorträge und halte Pilzbestimmungskurse. Für den Herbst bin ich jetzt schon wieder ausgebucht. Natürlich esse ich auch gerne Pilze.
Ich habe grundsätzlich gerne Nahrung, die direkt aus der Natur kommt. Ob das jetzt Kräuter sind oder Brennnessel oder Bärlauch oder Pilze. Bei den Pilzen aber fasziniert mich in erster Linie natürlich ihre Schönheit. Sie begeistern mich als Künstlerin. Also widme ich mich ihnen seither auch sehr intensiv in meiner Kunst. Ich male mit Öl auf Leinwand, ich mache aber auch viel Grafik, arbeite mit Linolschnitten und aquarelliere sehr gern. Jetzt versuche ich auch wieder verstärkt, in den Kunstmarkt zu kommen. Ich mache ein, zwei Ausstellungen jedes Jahr, betreue meine Website und öffne bei der „Langen Nacht der Praterstraße“ mein Wohn-Atelier für Interessierte.
Grausige Lasallestraße
Meine erste Wohnung im zweiten Bezirk habe ich vor 25 Jahren auf der Castellezgasse bezogen. Später bin ich mit Alina auf die Lasallestraße übersiedelt. Das war untragbar. Damals gab’s da noch den Hausfrauen- und Kinderstrich. Abends haben sich die Alkoholiker in unserem Keller versammelt. Es war wirklich grausig.
Seit 17 Jahren sind wir jetzt sehr zufrieden auf der Praterstraße zuhause. Der Vermieter ist toll, das Haus ist toll und die Wohnung ist auch super. Ich bin dort mit meiner Tochter, mit drei Katzen und meiner Arbeit bestens untergebracht. Und trotzdem war ich jetzt lange genug in Wien. Es reicht mir. Ich will mehr Natur und weniger Menschen. In der Jugend war mir St. Oswald mit seinen 1.000 Einwohnern einfach zu eng. Da wollte ich weg. Jetzt dreht sich das wieder: Ich will wieder zurück aufs Land.
Aufgezeichnet von Ernst Schmiederer
(www.ernstschmiederer.com)








