Der ältere Herr mit Anzug und Hut hat seinen Blick dicht vor ihm auf den Boden geheftet. Er erscheint ein wenig unsicher auf den Beinen, in seiner Rechten hält er einen Stock. Die Gruppe Jugendlicher, die sich ihm schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite rund um eine Parkbank versammelt haben, scheint er gar nicht wahrzunehmen. Deren Blicke aber sind lachend auf den alten Mann gerichtet. Verspotten sie ihn?
Was vor dem Foto geschah
Dieses Foto zirkuliert seit einigen Jahren in den sozialen Medien. Die Geschichte, die das Bild erzählt, scheint ganz einfach zu sein: Hie die die aufmüpfigen Jugendlichen, dort der brave und belästigte Bürger. Aber so einfach liegen die Dinge nicht. Denn dieses Foto ist keineswegs ein Schnappschuss, sondern gestellt, also inszeniert. Es gibt weitere Bilder, die zu der Serie gehören. Und vor allem: diesem Bild geht eine Geschichte voraus. Diese muss man kennen, um die Szene verstehen zu können.
Aufgenommen hat die Szene der österreichische Fotojournalist Harry Weber (1921–2007), und zwar Mitte August 1957. Der Ort des Geschehens: die Obere Augartenstraße im Wiener zweiten Bezirk, die heute noch ganz ähnlich aussieht.
Für sich genommen scheint dieses Bild eine bestimmte Botschaft zu vermitteln. Auf der einen Seite der Straße ein einzelner, traditionell gekleideter Herr, auf der anderen Seite eine bunte Gruppe von frech agierenden Jugendlichen, die sich – scheinbar – nicht um Höflichkeit und Anstand kümmern. Sie tragen Jeans, karierte Hemden, einer auch eine Lederjacke. Ein Fuß ist nicht am Boden, sondern auf der Sitzfläche der Parkbank zu sehen. Die Jugendlichen scheinen den alten Mann auszulachen.
Verhaftungen am Donaukanal
Blenden wir eine gute Woche zurück: An einem Abend Anfang August 1957 kam es am nahegelegenen Donaukanal zu Konflikten zwischen feiernden Jugendlichen und Anrainern, die sich gestört fühlten und die Polizei riefen. Mehrere Dutzend junge Menschen hatten sich am Kanal versammelt, um aus mitgebrachten Kofferplattenspielern Musik zu hören und Rock’n’Roll zu tanzen. Nichts Weltbewegendes, möchte man meinen.
Und dennoch: Die Polizei rückte an, einige Jugendliche, denen die Flucht nicht gelang, wurden verhaftet und zum Teil etliche Tage in „Arrest“ gesteckt. Dann wurde das Ereignis auch noch zur medialen „Affäre“. Der Boulevard begann in den folgenden Tagen, gegen die Jugendlichen zu hetzen. „Halbstarke“, „Rowdies“ und „Schlurfs“ wurden sie verächtlich und abwertend genannt. Verständnis für das Freizeitvergnügen der Jungen gab es in den Medien kaum.

Die Ressentiments fielen auf fruchtbaren Boden, denn die Aversion gegen die nicht regelkonforme Jugend war in diesen Jahren groß. Anlässe und Beanstandungen waren schnell zur Hand. Dazu kommt: Die Polizeiaktionen der NS-Behörden gegen die jazzaffine Jugendkultur der „Schlurfs“ lagen noch nicht weit zurück, wie der Historiker Anton Tantner nachweist. Er hat die mediale Hetzjagd gegen die Jugendlichen in einen zeithistorischen Kontext gesetzt. Auch die harten Arreststrafen gegen die missliebige Jugendsubkultur aus der NS-Zeit waren, so argumentiert er, in Österreich, anders als in der Bundesrepublik, nach dem Krieg noch in Kraft. Immer noch wurde der Begriff „Schlurf“ als Schimpfwort für eine scheinbar verdorbene Jugend verwendet.
Fotograf mit bewegter Geschichte
Harry Weber sah die Geschichte der Jugendlichen - die meisten von ihnen stammten aus dem Arbeitermilieu - unter ganz anderen Vorzeichen. Statt auf eine vorschnelle Verurteilung zu setzen, wollte er wissen, was diese jungen Menschen bewegt. Er war, anders als viele seiner Wiener Zeitgenossen, viel herumgekommen, aus politisch-biografischen und beruflichen Gründen. Da er jüdischer Herkunft war, musste er 1938 fliehen, er verbrachte die Jahre des Krieges und der Verfolgung in Palästina, 1946 kehrte er nach Wien zurück.
Als international tätiger Fotojournalist kam er ebenfalls viel unterwegs. Feiernde junge Menschen lösten bei ihm keine Ängste aus. Es gelang ihm, Kontakt zu den Jugendlichen aufzunehmen. Er war mit ihnen unterwegs, hörte ihre Geschichten an, erfragte, das was sie bewegte, was sie erträumten, die Art, wie sie leben wollten.

Für die Österreichausgabe des deutschen Magazins „Stern“ wollte er eine Fotoreportage über die Wiener „Halbstarken“ gestalten, in der diese selbst zu Wort kamen. Webers Bild-Geschichte „Ich ging mit Halbstarken“ erschien am 24. August 1957. Die Fotos, die die Reportage illustrierten, entstanden in Absprache mit den Jugendlichen, genau an jenen Orten, an denen sie Tage zuvor gefeiert und getanzt hatten – und wo einige von ihnen verhaftet worden waren.
Es sind zum Teil inszenierte Bilder, in denen die jungen Menschen ihre Freizeitbeschäftigungen vor der Kamera „nachspielen“. Ganz bewusst wird die Grenze zwischen Dokumentation und Performance verwischt. Das gilt auch für das Foto, das an der Oberen Augartenstraße entstand. Das Lachen und der Spaß, den sich die jungen Leute machten, war nicht nur auf den alten Mann gemünzt, sondern mindestens ebenso auf die Kamera von Harry Weber, mit dem sie interagierten. Sie spielten hier – vielleicht ein wenig augenzwinkernd – „Rotzjugend“, ein Bild, das ihnen von den Medien aufgedrückt worden war.
Jugend in Nahaufnahme
Ein anderes Foto der Serie entstand direkt am Donaukanal. Die Atmosphäre ist hier eine ganz andere. Wir sehen eine gar nicht beängstigende Gruppe junger Menschen unter der Augartenbrücke tanzen. Und noch ein Bild der Serie, wieder beim Augarten aufgenommen: Jugendliche sitzen und stehen um einen tragbaren Plattenspieler herum. Sie hören Musik.
Bei dieser Aufnahme rückte Weber mit seiner Kamera nahe heran, um auch die Gesichter der Jugendlichen zu zeigen, ihre individuellen Züge, in denen sich Wünsche und Träume spiegeln. Wenn wir die Bilder betrachten, wird deutlich: Die jungen Menschen tun das, was Jugendliche auch heute noch tun: Sie treffen einander, hören Musik, trinken ein Bier, plaudern, schäkern. Sie wollen leben, nicht mehr und nicht weniger.







