Fiaker auf dem Stephansplatz
„Im Stall werden sie eher krank“. Martina Michelfeit sagt, dass die Pferde auch hohe Temperaturen gut aushalten, wenn sie Wasser bekommen und bewegt werden.
Fiaker verbieten?
„Noch nie ist ein Pferd wegen Hitze kollabiert“
Pünktlich zur ersten Hitzewelle fordern Tierschützer ein Verbot der weltberühmten Wiener Kutschenfahrten. Dabei gehe es in Wirklichkeit gar nicht um den Schutz der Pferde, sagt die Leopoldstädter Fiakerin Martina Michelfeit. 

Fahrverbot für Fiaker ab 30 Grad Hitze. Das fordert der Wiener Tierschutzverein mit einer Petition. Zudem sollten die Kutschen generell raus aus der Innenstadt und andere Strecken befahren. Bisher haben die Tierschützer rund 10.000 Unterschriften gesammelt. 

Proteste gegen Fiaker im Namen des Tierwohls gehören mittlerweile schon fast so sehr zur Wiener Tradition wie die Pferdegespanne selbst. Der Verein gegen Tierfabriken (VGT) oder der Aktivist Sebastian Bohrn Mena versuchten in den vergangenen Jahren mehrmals, mittels Petitionen ein Verbot der Kutschenfahrten durchzusetzen. Erfolg hatten sie damit nicht. Ein Gerichtsurteil verbietet dem VGT sogar die Behauptung, Fiakerpferde würden aufgrund der Hitze kollabieren. 

Als „Tierquäler“ beschimpft

Allerdings beeinflussen solche Kampagnen die Stimmung in der Stadt. Fast täglich würden ihre Kutscher als Tierquäler beschimpft, sagt Martina Michelfeit. Die gebürtige Leopoldstädterin führt einen Fiakerbetrieb in der alten Chamottefabrik beim Lusthaus (Zwischenbrücken berichtete). Sie sieht hinter der Kampagne gegen Fiaker ganz andere Motive, die nichts mit dem Tierwohl zu tun hätten. 

Zwischenbrücken: Wie viele Kutschen aus Ihrem Betrieb sind heute unterwegs? 

Martina Michelfeit: Zwei. Ich hätte gerne drei rausgeschickt, habe aber im Moment nicht das Personal dafür. 

Ist die brütende Hitze nicht ein Problem für Pferde und Kutscher? 

Für die Menschen schon. Die Pferde haben kein Problem mit diesen Temperaturen. Im Gegenteil: Die Tiere müssen sich bewegen, damit der Kreislauf stabil bleibt. Das haben zig Studien bewiesen. Die bislang letzte wurde in Mexico City gemacht, bei über 40 Grad. Auch das haben die Pferde gut weggesteckt.

Die Tiere brauchen keine besondere Behandlung?

Sie brauchen ausreichend Wasser und man sollte nicht Vollgas fahren. Aber das macht sowieso niemand in der Fiakerei. Die Pferde gehen halt so vor sich hin und das hält ihren Kreislauf am Laufen. Im Stall ist es auch nicht kühler, und dort stehen sie nur rum. Da werden sie eher krank, als wenn sie sich bewegen.

Haben Sie schon mal versucht, das den Tierschützern zu erklären? 

Ich erkläre das seit Jahren, aber ich rede gegen Windmühlen. Die Menschen hängen ihre eigene Befindlichkeit den Pferden um. Dabei ist noch nie ein Pferd wegen der Hitze kollabiert. Das kann ich garantieren. 

Martina Michelfeit, Fiaker
„Die Menschen hängen ihre eigene Befindlichkeit den Pferden um“: Martina Michelfeit im April dieses Jahres vor dem Lusthaus. Foto: Christopher Mavrič

Beim Stephansdom oder dem Michaelertor stehen die Fiaker in der prallen Sonne. Das kann für die Pferde doch nicht angenehm sein?

Das ist eine Momentaufnahme. Die stehen dort manchmal nur Minuten oder vielleicht auch eine Stunde. Das macht den Pferden nichts. Nur die Menschen kippen dann manchmal um. Es geht also bei einer 30-Grad-Regel eigentlich um die Menschen, nicht um die Tiere. Aber dann soll man das auch so sagen. 

Der Tierschutzverein behauptet, dass die hohen Temperaturen für die Tiere eine Qual seien. Und er hat fast 10.000 Unterschriften für ein Fahrverbot für Fiaker gesammelt. 

Der Verein sammelt Unterschriften gegen etwas, wofür es keine veterinärmedizinische Begründung gibt. Wir sind sehr streng reguliert. Die zuständige Magistratsabteilung der Stadt Wien kontrolliert täglich den Zustand der eingesetzten Pferde. Deswegen läuft die Forderung auch ins Leere. Aber in Wirklichkeit geht es den Tierschützern doch gar nicht um die Tiere. Die brauchen Spenden. Und sie sammeln sie mit einer Kampagne auf unsere Kosten. 

Es geht nicht nur um die Hitze. Der Tierschutzverein sieht die Fiakerpferde in der Innenstadt generell unter Stress, weil sie über unebenes Kopfsteinpflaster und im dichten Verkehr gehen müssen. 

Das ist absurd. Mit gestressten, kranken Tieren könnten wir doch nie so viele Rundfahrten machen. Unsere Pferde werden uralt. Bei mir in der Chamottefabrik stehen Tiere, die nach 20 Jahren Fiakerdienst noch immer gut beieinander sind. Aber die Leute sehen uns auf der Straße und glauben, sie können den Zustand der Tiere beurteilen. Jeder hat eine Meinung zu den Fiakern.

„Im Prater will halt niemand Fiaker fahren“: Für Martina Michelfeit gehören die Pferde zur innerstädtischen Kultur. Foto: Christopher Mavrič

Der Tierschutzverein schlägt als Alternative Fahrten weit abseits der Innenstadt vor. Zum Beispiel im grünen Prater. Ist das so abwegig? 

Für die Erlaubnis, im Schönbrunner Schlosspark zu fahren, müsste ich jedes Jahr eine beträchtliche Summe zahlen. Im Prater wäre es ohne Gebühr. Aber dort will halt niemand im Fiaker fahren. Abgesehen davon, dass ein Standplatz im Prater wegen des Insektenbefalls für die Pferde viel stressiger wäre als vor dem Stephansdom.

Es gibt also zu den Fahrten durch die engen Gassen der Innenstadt keine Alternative? 

Die Tierschützer wissen doch nicht, wovon sie reden. Der Prater ist schon jetzt komplett überlaufen. Ich habe schon Schwierigkeiten, mit den Kutschen von der Chamottefabrik durch die Hauptallee zu unserem Arbeitsplatz zu kommen. Überall sind Baustellen. In der Innenstadt sind wir Taxis. Seit 350 Jahren. Wir sind auch Gewerbeunternehmen, die Steuern zahlen und sehr viele Menschen beschäftigen, direkt und bei den Zulieferern. Ohne uns würden bestimmte Handwerke aussterben.

Hat der Tierschutzverein Sie oder andere Fiaker jemals kontaktiert?

Nein, ich kenne die überhaupt nicht. Und die kennen uns nicht. Mir scheint, dass sie uns auch gar nicht kennenlernen wollen. Möglicherweise ist es ihnen wurscht. Weil es halt um die Spenden geht. 

Der bislang letzte Unfall mit einem Fiaker ist nicht so lange her. Anfang Juni scheuten Pferde in der Habsburgergasse, ein Tier stürzte, der Kutscher und zwei Fahrgäste wurden verletzt. 

Dort ist eine Riesenbaustelle und gerade an der engsten Stelle streifte ein Betonmischer das Pferd. Natürlich rennt das dann davon. Würde auch jeder Mensch tun. Das Problem in der Innenstadt ist, dass wir immer weniger Platz haben. Weil wieder ein Fünfsternehotel gebaut und wieder ein Stück öffentlicher Raum privatisiert wird. Die Fiaker sind den Immobilienentwicklern in der City ein Dorn im Auge. Darum geht es in Wirklichkeit. Unfälle mit Fiakern geben natürlich gute Schlagzeilen. Aber schauen wir uns die Statistik an: Im Vergleich zu Autounfällen ist die Zahl von Fiakerunfällen doch lächerlich klein.  

Braucht Wien die Fiaker? 

Davon bin ich überzeugt. Wir führen einen sehr alten, traditionellen Beruf fort. Wir sind in der Kultur verankert. Das Fiakerlied ist die geheime Hymne Wiens. Es sind nicht die Fußgängerzonen oder der Stephansdom, die Wien einzigartig machen. Es ist die gelebte Pferdekultur. Es gibt die Fiaker, es gibt die Lipizzaner und es gibt immer noch eine Trabrennbahn mitten im zweiten Bezirk. Wien ist eine Stadt der Pferde. 

Ein Artikel von Bernhard Odehnal
Bernhard Odehnal
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