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Mirjana Mully von Austrian Standards mit einem Erste-Hilfe-Koffer
„Uns gibt es, damit die Welt rundherum sicherer ist“, sagt Mirjana Verena Mully von Austrian Standards. Auch der Erste-Hilfe-Koffer ist normiert.
Vom Schnuller bis zum Kanaldeckel

Die Norm der Dinge: Warum unsere Welt funktioniert

Es gibt viele Dinge, die unseren Alltag sicher, bequem und im Ablauf reibungslos machen. Für ihre einheitliche Form und Funktion sorgt „Austrian Standards“ beim Praterstern.

In der Heinestraße 38 gehen viele Menschen ein und aus. Sie kommen mit Aktenkoffer und landen an einer tatsächlich beeindruckenden Rezeption, hinter der sich eine Wand aus grün-pelzigem Plüsch auftut. Wer zum ersten Mal hier bei „Austrian Standards“ zu Besuch kommt, ist baff. „Hinter mir, das ist alles aus Moos“, sagt die freundliche Dame vom Empfang und meldet das Team von Zwischenbrücken zum Besuch an. Das Haus mit der Einrichtung aus den 1980er-Jahren ist eine Zeitreise. Alles hier hat seinen Platz und ist hell erleuchtet.

Stufenhöhe und Lichtschalter

„Uns von Austrian Standards gibt es, damit die Welt rundherum sicherer ist“, sagt Mirjana Verena Mully, die für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. 150 Mitarbeitende koordinieren hier in unterschiedlichen Arbeitsgruppen und Prozessen, welche Dinge des täglichen Lebens vereinheitlicht werden. Zu großen Sitzungen kommen hunderte Menschen aus unterschiedlichen Bereichen zusammen, um über Vereinheitlichungen zu sprechen.

Ihnen allen fällt die grüne Mooslandschaft am Eingang wahrscheinlich längst nicht mehr auf, dafür beschäftigen sie sich mit Dingen, auf die Normalsterbliche ihr Augenmerk niemals richten würden. Auf die Stufenhöhe von Treppen zum Beispiel oder die Position von Lichtschaltern in einem Raum. Oder die Tatsache, dass alle Bankomatkarten in sämtliche Bankomatschalter passen, dass sich Zahnpastatuben problemlos verschließen lassen und ungefähr noch hunderte andere Dinge, die in Österreich genormt, also vereinheitlicht sind.

„Normen merken die meisten immer dann, wenn sie im Ausland sind, wo die Dinge plötzlich anders funktionieren“, sagt Mully und sieht das durchaus körperlich. Wie hoch zum Beispiel eine Treppe ist, wüssten die meisten in Österreich intuitiv, „das ist jedem in Fleisch und Blut übergegangen, woanders stolpert man plötzlich, und weiß gar nicht warum. Oder man findet den Lichtschalter im Dunklen nicht“, sagt sie und weiß es aus eigener Erfahrung. Deshalb haben die Normen, um die hier in dieser Institution in einem demokratischen und freiwilligen Prozess gerungen wird, unmittelbar mit einem sicheren Leben zu tun, und darauf ist Mully stellvertretend für alle, die daran beteiligt sind, stolz.

Am Anfang war die Schraube

Die erste Norm, die jemals in Österreich eingeführt wurde, war die für die Schraube und es war im Jahre 1921 als die Institution noch Österreichisches Normungsinstitut hieß. Gegründet als nichtstaatliche und gemeinnützige Organisation hat diese erste Ö-Norm dazu geführt, dass das Gewinde einer Schraube heute überall auf der Welt verwendet wird.

Ein Koffer mit dem alten Logo des Österreichischen Normierungsinstitut
Auf dem Koffer klebt noch das alte Logo des „Österreichischen Normierungsinstituts“. Foto: Christopher Mavrič

Und dann gibt Mully einen kurzen Abriss über Normierung im Allgemeinen. Heute haben die meisten Normen ihren Ursprung in der europäischen und internationalen Standardisierung und werden dann in das österreichische Normenwerk übernommen. Dabei wirkt Österreich aktiv an ihrer Entwicklung mit. Experten und Expertinnen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung aber auch interessierte Laien bringen Wissen und Praxiserfahrung ein. „Austrian Standards ermöglicht und begleitet diese Beteilung“, sagt Mully und kann versichern, dass Österreich deshalb eine aktive Rolle in der Mitgestaltung gemeinsamer Standards hat.

„Eine Norm ist nie fertig“

Grundsätzlich ist die Anwendung von Normen jedoch auf freiwilliger Basis, verbindlich können sie nur durch gesetzliche Bezugnahme oder in vertraglichen Vereinbarungen werden. Außerdem werden sämtliche Normen mindestens alle fünf Jahre überprüft, „eine Norm ist nie fertig“, sagt Mully.

Es gibt auch Arbeitsgruppen bei Austrian Standards, die sich über so grundlegende Fragen wie Maßeinheiten Gedanken machen – also dass überall, wo ein Maßband einen Meter anzeigt, auch tatsächlich ein Meter gemessen wird. Wer hat darüber in seiner praktischen Auswirkung eigentlich schon einmal nachgedacht?

Die ÖNORM B 5110 sorgt für sichere Kanaldeckel. Foto: Christopher Mavrič

Und dann geht Mirjana Mully kurz raus auf die Heinestraße, um draußen zu demonstrieren, was Sicherheit alles bedeuten kann. Zielstrebig geht sie auf einen Kanaldeckel zu und zeigt, dort was Normierung bedeutet. Die Kanaldeckel sind in Österreich seit 1958 normiert und mit dem Siegel ÖNORM B 5110 gekennzeichnet. „Das Kürzel steht, schauen Sie, da auch drauf“, zeigt sie. Die offizielle Bezeichnung lautet „Schachtabdeckung für Entwässerungsanlagen“ und ist so gebaut, dass niemand beim Drübergehen einbrechen oder ausrutschen kann, dass alle, die mit dem Kanal zu tun haben, sie öffnen können und wissen, wie sie funktionieren. Für ihre Kollegin Regina Slameczka sind Kanaldeckel zum Steckenpferd geworden. „Wenn Regina im Ausland unterwegs ist, bringt sie Bilder von Schachtabdeckungen mit, auch um uns zu versichern, wie gut die österreichischen Exemplare sind.“

Jeder kann Antrag einbringen

Jeder, so Mully, könnte hier bei Austrian Standards einen Antrag auf Normierung einbringen, die meisten kommen aus den Bereichen der Unternehmen selbst, also den vielen Klein- und Mittelbetrieben in Österreich. Besonders für die Baubranche seien gemeinsame Normen ein sinnvolles Tool. Aber auch in anderen Bereichen, in denen es um Sicherheit geht. So sind Erste-Hilfe-Koffer in Österreich seit vielen Jahrzehnten normiert, „damit alle, die Erste Hilfe leisten, im Notfall wissen, dass sie auf eine einheitliche Ausstattung zurückgreifen können und ihnen die Anwendung im Notfall erleichtert wird“, sagt Mully, die ein Exemplar aus der Werkstatt geholt hat und sich damit in Stellung bringt.

Einmal in Fahrt fallen Mully aber auch viele andere Dinge in Sachen Sicherheit ein. Es gibt Normen für Klettergerüste und Rutschen auf Spielplätzen genauso wie für Babyschnuller, damit sich kein Kleinkind verschluckt. Im größeren Rahmen sind es dann aber auch Brandtüren, die Leben retten können. Ein Spaziergang rund um den Praterstern bringt Erstaunliches ans Tageslicht.

ÖNORM auf T-Shirt

Und noch was: Im Team von Austrian Standards in der Praterstraße sind viele, die vor oder nach der Arbeit in die Praterhauptallee zum Laufen gehen, „wir sind hier alle sehr sportlich und darauf sind wir auch stolz“, sagt Mully. Günstiger als hier in der Heinestraße könne ein Büro für Laufbegeisterte gar nicht sein, im Büro gibt es verschiedene Laufgruppen, die vor oder nach der Arbeit eine Trainingseinheit absolvieren. Und intern gibt es da einen Scherz, der es als Spruch sogar auf einem T-Shirt des Unternehmens geschafft hat. „Ich teste gerade Laufsohlen. Nach der ÖNORM EN-12770“, steht da geschrieben.

„Wir laufen also quasi beruflich“, lacht Mully und geht zurück in ihr Büro, vorbei an den grünen Mooswänden der Rezeption. Eine große Sitzung steht an. Und natürlich wird es wieder um Normen und Standards gehen, die unsere Umwelt sicherer machen – obwohl sie für Laien meist unsichtbar sind.

Was alles rund um den Praterstern normiert ist, können Zwischenbrücken-Mitglieder auf einem Grätzlspaziergang am 28. November entdecken. Die Einladung kommt in einem eigenen Newsletter. Kleiner Spoiler: Es wird ein Ausflug ins sichtbar Unsichtbare.

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    Ein Artikel von Karin Pollack
    Karin Pollack
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