Eines kann man dem Gebäude nicht absprechen: Es fällt auf. In der architektonisch eher uninspirierten Hollandstraße im zweiten Bezirk sticht das ungarische Kulturinstitut mit seiner weißen, leicht nach außen geneigten Fassade, den roten Balken und den seltsamen Metallstangen deutlich hervor.
„Grauenvoll verunstaltet“
Besondere Schönheit hätte dem Haus freilich noch niemand nachgesagt. Im Gegenteil! Als das in den 1950er Jahren erbaute „Collegium Hungaricum“ im Jahr 1998 durch einen Umbau seine heutige Form und Farben erhielt, urteilte der Architekturkritiker Jan Tabor im „Falter“: Hier sei ein „achtbares Bauwerk ... von zwei patriotischen ungarischen Baukünstlern grauenvoll verunstaltet worden“.
Mit seinen windschiefen Formen wurde das Gebäude auch zu einem Fixpunkt der „Vienna Ugly“ Touren von Eugene Quinn. Wenn man daran vorbeigehe, „fühlt man sich sehr unsicher“, erklärte Quinn dem „Standard“: „Es sieht aus, als ob es gleich auseinanderfällt“.
Am Anfang stand ein Begräbnis
Aber hier soll es nicht um architektonische Qualitäten gehen. Sondern um den Architekten des umstrittenen Umbaus in der Hollandstraße. Denn die Familiengeschichte von László Rajk Junior ist nicht weniger als die komprimierte Geschichte Ungarns von der stalinistischen Nachkriegszeit bis zur Wende. Und im Mittelpunkt steht ein dramatisches Ereignis, das genau vor genau 70 Jahren die Welt erschütterte: Der verzweifelte und letztlich gescheiterte Aufstand der Ungarn gegen das kommunistische Regime.
Es war ein einziges schwarz-weiß-Foto in ungarischen Zeitungen, das den späteren Architekten László Rajk Jr. im ganzen Land bekannt machte. Es zeigt den damals siebenjährigen László Jr. im Oktober 1956 an der Seite seiner Mutter Julia beim Begräbnis des Vaters.

László Rajk Senior war im stalinistischen Ungarn erst Täter und dann Opfer. Ein Schicksal, das er mit vielen Funktionären der KP teilte. Schon in jungen Jahren schloss er sich den Kommunisten an, kämpfte im Spanischen Bürgerkrieg und danach im ungarischen Untergrund gegen die faschistischen Pfeilkreuzler. Nach der Machtübernahme der KP wurde der fanatische Stalinist 1946 Innenminister und baute nach Vorbild des sowjetischen Geheimdienstes die gefürchtete Geheimpolizei AVH auf. Unter Rajk Sr. wurden tausende Menschen verhaftet, gefoltert, ermordet, weil sie dem Regime zu bürgerlich, zu religiös oder einfach verdächtig schienen.
Verraten vom Parteifreund
Dann aber geriet der Minister selbst in die Fänge seines eigenen Terrorapparats. 1949 brauchte das kommunistische Regime Sündenböcke für die katastrophale wirtschaftliche Lage. Rajk Sr. wurde von der Geheimpolizei als „imperialistischer Spion“ verhaftet und gefoltert. Die Verhöre leitete Rajks Parteifreund János Kádár. Der überredete den Gefangenen, die fabrizierten Vorwürfe zu gestehen und versprach im Gegenzug Freilassung und Rehabilitierung. Rajk gestand – und wurde hingerichtet.
Zwei Jahre später wurde Kádár selbst als vermeintlicher westlicher Spion verhaftet und brutal gefoltert. Er überlebte, wurde nach der Niederschlagung des Aufstands 1956 Parteichef der ungarischen KP und führte Ungarn in den gemäßigten „Gulaschkommunismus“. Er starb 1988, kurz vor der Wende.
Der Sohn musste ins Waisenhaus
Doch zurück in die kälteste Zeit des kalten Kriegs. Als László Rajk Senior 1949 exekutiert wurde, war sein Sohn László Junior gerade erst 10 Monate alt. Das Kind hatte nun keine Eltern mehr, weil auch seine Mutter Julia im Gefängnis saß. Es kam in ein Waisenhaus und erhielt einen anderen Namen. Das Regime wollte damit jegliche Erinnerung an die Familie auslöschen. Die Leiche von Rajk Senior in einem Wald bei Budapest verscharrt.
Nach dem Tod Stalins im März 1953 setzte jedoch auch in Ungarn ein leichtes politisches Tauwetter ein. Julia Rajk wurde enthaftet, bekam ihren Sohn zurück und beide durften wieder ihren Familiennamen tragen. Danach setzte sich Julia energisch für die Rehabilitierung ihres Mannes ein. Dessen Leiche wurde gefunden, exhumiert und in einem Ehrengrab beigesetzt.
Der ehemalige Schlächter der Opposition war nach seinem Tod zu einem Idol der demokratischen Bewegung geworden. Über zweihunderttausend Menschen zogen am Ehrengrab von László Rajk Sr. vorbei. Der Trauermarsch an diesem 6. Oktober 1956 gilt als wichtigstes Vorspiel zum Aufstand gegen das kommunistische Regime.
Die Rache der Sowjetmacht
Am Begräbnis von Rajk Sr. nahmen nicht nur seine Witwe und der siebenjährige Sohn teil, sondern auch ein ehemaliger Premierminister namens Imre Nagy. Keine drei Wochen später sollte Nagy an der Spitze des Aufstands gegen die Sowjettruppen stehen. Der schien kurze Zeit sogar erfolgreich, wurde ab dem 4. November jedoch innerhalb weniger Tage von der Roten Armee niedergeschlagen. Über 3.000 Menschen starben, die meisten waren Zivilisten. Die westlichen Staaten sahen zu und taten nichts.
Julia Rajk floh mit ihrem kleinen Sohn László Jr. ebenso wie Imre Nagy in die jugoslawische Botschaft. Die neue ungarische Führung unter Janos Kádár garantierte ihnen freies Geleit. Es war wieder gelogen. Beim Verlassen der Botschaft wurden sie alle vom sowjetischen Geheimdienst verhaftet.

Imre Nagy wurde zwei Jahre später in Budapest in einem Geheimprozess verurteilt und erhängt. Julia und ihr Sohn kamen hingegen frei und widmeten sich im etwas liberaleren Klima der 1970er und 1980er Jahre den Bürgerrechten, dem Aufbau einer Zivilgesellschaft sowie der Rehabilitierung des ermordeten und in einem unmarkierten Grab verscharrten Nagy.
Erster Auftritt von Viktor Orbán
Erst im Juli 1989 wurde Nagys Leiche exhumiert und in ein Ehrengrab überführt. Und wie schon beim Begräbnis von László Rajk Senior war es 33 Jahre später wieder eine Trauerzeremonie, die einen politischen Umsturz einleitete. Dieses Mal war es ein junger Student namens Viktor Orbán, der am Budapester Heldenplatz eine Brandrede hielt und den Abzug der Sowjettruppen aus Ungarn verlangte.
Ein Jahr später zogen Orbán und László Rajk Jr. als Abgeordnete in das erste demokratisch gewählte Parlament Ungarns ein. Während Orbán danach bis zum Regierungschef aufstieg und sich immer mehr zum russlandfreundlichen Autokraten wandelte, verließ Rajk Jr. die Politik und machte sich international einen Namen als Bühnenbildner, Architekt und Filmdesigner.

Als Architekt widmete sich László Rajk Junior vor allem dem Bau oder der Neugestaltung von Gedenkstätten der 56er-Revolution und ihrer Protagonisten. Der Umbau des Collegium Hungaricum in Wien war sein erster Auftrag im Ausland.
Fantasy-Architektur in Budapest
In Ungarn gefiel dieser „Csardas-Dekonstruktivismus“ (so Architekturkritiker Jan Tabor) offenbar so gut, dass Rajk kurz danach die Lehel-Markthalle in Budapest umbauen durfte. Und gegen diese bizarre Mischung aus Industrie- und Fantasy-Architektur, mit grell gelben Balkonen, weißen Säulen und ganz vielen Metallstreben und Seilen, wirkt das Haus in der Hollandstraße geradezu bieder und konservativ.
László Rajk Junior starb 2019. In Wien ist sein Name auf einer kleinen Messingtafel an dem von ihm umgebauten Haus in der Hollandstraße verewigt.








