„Zukunftsdialog Augarten 2035“ – so heißt das aktuelle Projekt der Burghauptmannschaft und der Bundesgärten. Die beiden Institutionen des Bundes verwalten den Wiener Augarten. Diesen Herbst wollen sie von Benutzerinnen und Benutzer des Parks wissen, wie sie den Augarten derzeit nutzen und welche Wünsche sie für die Zukunft haben. Eine Online-Umfrage fand bis 10. September statt. Mitte Oktober werden im Palmenhaus des Parks zwei Bürger:innen-Versammlungen abgehalten.
Was der Augarten bietet und wie er sich verändern könnte, darüber macht sich Uschi Schreiber seit vier Jahrzehnten Gedanken. Sie war Mitgründerin des Arbeitskreis Augarten, des Aktionsradius Augarten, des Projekts Kultur.Park.Augarten mit dem Augarten-Parkparlament und sie war begleitend bei der Bunkerei Augarten dabei.
Im Gespräch mit Zwischenbrücken zieht Schreiber Bilanz nach fast 40 Jahren Engagement für den Augarten und nimmt zum aktuellen „Zukunftsdialog“ Stellung.
Zwischenbrücken: Frau Schreiber, braucht der Augarten eine neue Strategie?
Uschi Schreiber: Ich war immer der Meinung, dass eine Strategie für den Park grundsätzlich gut und notwendig ist. Aber ich weiß nicht, warum das jetzt kommt und welche Motivationen hinter dem Projekt stehen.
Sie selbst hatten auch schon Strategien entworfen?
Wir haben vor bald 25 Jahren das Projekt „Kultur.Park.Augarten“. gestartet. Damals hielten wir eine Strategie für notwendig, bevor der Augarten von Interessen einzelner Projektbetreiber oder Investoren von außen überrollt wird. 10 Jahre zuvor gründeten wir mit dem Aktionsradius Augarten einen Verein zur „Förderung der Belebung des Wiener Augartens“. Den Augarten sanft zu entwickeln und zu verbessern, war also immer unser Anliegen.
Würden Sie heute sagen, dass das gelungen ist?
Es ist schon einiges gelungen. Ich habe Stadtplanung studiert und 1988 als Gebietsbetreuerin für das Augartenviertel begonnen. Damals war der Augarten absolut verwaist. Da war nichts los. Da bin ich völlig allein durch diese riesigen barocken Alleen gewandelt. Niemand wollte in den Park gehen, die Leute haben sich davor gefürchtet. Der Augarten hatte einen sehr schlechten Ruf.

Was konnten Sie tun?
Wir haben mit den Eingängen in den Park begonnen und die Zugänge in der Wasnergasse neu und freundlicher gestaltet. Dann haben wir Bürgerversammlungen gemacht. Da kam die Antwort: „Eingänge sind ja gut und schön, aber wir wollen Spielplätze. Und Kultur.“
Gab es damals keine Spielplätze im Augarten?
Keinen einzigen. Eine Müttergruppe hat sich bei uns beklagt, dass sie sich mit Kindern gar nicht in den Augarten traut. Und weil so viele Wünsche gekommen sind, haben wir den Arbeitskreis Augarten gegründet. Ab 1990 haben wir Konzerte veranstaltet: zum Auftakt mit den Sängerknaben, mit Jugendbands aus der Gegend, aber auch mit der Wiener Tschuschenkapelle. Aus der wunderbaren Stimmung dieses multikulturellen Abends entstand die Idee für das Weltmusikfestival „Fest der Völker“, das wir bis 2001 acht Mal organisiert haben. Danach folgte bis 2008 das „Klassik Picknick“. Im Mozartjahr 2006 konnten wir große OpenAirs zu „Mozart im Augarten“ realisieren.

Heute wäre das wohl nicht mehr möglich?
Die Bundesgärten waren unter ihrem damaligen Direktor, Doktor Peter Fischer-Colbrie, sehr kooperativ und auch wirklich interessiert an einer gemeinsamen sanften Parkentwicklung. Ihm ist es auch zu verdanken, dass der Augarten im Jahr 2000 unter Denkmalschutz gestellt wurde. Auch der damalige Bezirksvorsteher der Brigittenau, Karl Lacina, hat uns unterstützt. Wobei er uns damals auch gleich gewarnt hat „Im Augarten habt ihr mit Bund und Stadt zu tun, da werdet ihr euch die Zähne ausbeißen.“
Das war dann auch so?
Wir scheiterten öfters. Und ja – es ist eine schwierige Schnittstelle. Aber manchmal konnten wir auch Grenzen überschreiten. Zum Beispiel bei den Spielplätzen. Wir haben Bettelbriefe an die Stadt und an den Bund geschrieben: Der Augarten braucht Spielplätze, bitte tut was. Aber die Stadt schickte uns weiter zu den Bundesgärten. Als Verwalter eines barocken Gartendenkmals interessierten sich die Bundesdienststellen damals jedoch wenig für Spielplätze

Und dann?
Wir waren halt jung und naiv. Also haben wir gesagt: Wenn Stadt und Bund nicht wollen, machen wir es selbst. Von 1991 bis 1995 haben wir fünf Spielplätze gebaut, gemeinsam mit einer Schule, dem Polytechnikum Brigittenau. Da waren super Lehrer im Werkunterricht. Wir haben Spenden gesammelt und das Baumaterial eingekauft und die Lehrer mit ihren Schülerinnen und Schülern haben im Werkunterricht gebaut. Die Bundesgärten haben uns immerhin wohlwollend unterstützt. Als alle Spielplätze fertig waren, haben wir gesagt: „Jetzt schenken wir sie dem Bund.“
Ein großzügiges Geschenk!
Und der Bund wollte es nicht.
Denn der Bund hätte mit dem Geschenk die Haftung übernehmen müssen?
Genau. Deshalb haben wir vom Aktionsradius eine private Haftpflichtversicherung für die Spielplätze abgeschlossen. Erst 2001 hat der Bund unsere Spielplätze übernommen, sie dann aber bald abgetragen und durch eigene ersetzt. Wir hatten einen Hügel und Spielgeräte aus Holz. Das gibt es alles nicht mehr. Heute muss alles safe und clean sein.
Beim Bund sind es drei Institutionen, die den Augarten verwalten: Die Bundesgärten für die Grünflächen, die Burghauptmannschaft für die Gebäude und die „Zentrale für Sportgeräteverleih und Sportplatzwartung“ (ZSSW) für die vier Sportplätze.
Die Sportplätze werden ja eher wenig genutzt, von den Bundesschulen nur zu den Schulzeiten und ein bisschen von Vereinen. Am Abend, an Wochenenden und in den Ferien wären das tolle Areale für alle Sportbegeisterten der Umgebung. Wir haben deshalb versucht, dass zumindest ein Sportplatz, die Auwiese, geöffnet wird. Der damalige Leiter der ZSSW, Alexander Payer, war auch sehr kooperativ, allerdings verlangte er für den Platz eine Betreuung, damit keine Verunreinigung passiert. Also stellten wir Gelder auf, um einen Platzwart geringfügig anzustellen. So konnten wir den Sportplatz mehrere Jahre lang öffnen.
Heute ist kein Platz mehr für die Öffentlichkeit zugänglich. Wieso nicht?
Fünf Jahre haben wir durchgehalten. Dann ist uns der Atem ausgegangen. Wir hatten das Budget nicht mehr und wollten die Betreuung des Sportplatzes einer Institution übergeben: Den Bundesgärten oder der Sportplatzverwaltung, aber die haben abgelehnt.
Hätte nicht die Stadt Wien die Platzbetreuung finanzieren können?
Wir haben mit den Bezirksvorstehungen des 2. und des 20. Bezirks geredet, ob sie das Projekt in die Wiener Parkbetreuung eingliedern könnten. Wir haben mit der Magistratsabteilung 44 geredet, weil diese neben dem Sportplatz das Kinderfreibad verwaltet. Aber alle lehnten ab. Die Stadt Wien regt sich gerne über den Bund auf, aber selber will sie nicht aktiv werden.

Sie haben doch zu Beginn unseres Gesprächs die kooperative Haltung der Bundesbehörden gelobt?
Das war auch so, in den 1990er Jahren bis circa 2006, gut 15 Jahre lang. Wir haben alle Institutionen zusammengebracht. Aus dem Arbeitskreis Augarten sind dann die Augarten-Parkparlamente geworden, als Plattform für die Parkbenutzer. Uns war wichtig, dass die Vertreter der Behörden die Sorgen und Anliegen der Bevölkerung hören und umgekehrt die Bevölkerung hört, wie schwierig es ist, einen historischen Garten im Sinne eines Gartendenkmals zu erhalten.
Was konnten Sie konkret umsetzen?
Wir haben eine Augarten-Website aufgebaut und gemeinsam mit der IG Kultur.Park.Augarten Infotafeln im Park errichtet. Es war eine fruchtbare Zeit. Aber dann kamen auf Seiten des Bundes neue Personen, es gab Geschäftsführerwechsel bei einigen Institutionen. Die Kooperationsbereitschaft ließ nach, die Eigeninteressen wurden mehr. So wurde alles immer schwieriger.
2008 und 2009 sollte doch ein „Leitbild Augarten“ entwickelt werden?
Anlass war das Projekt einer Konzerthalle für die Sängerknaben. Da gab es massiven Protest dagegen. Dann haben Bund und Stadt diesen Leitbildprozess gestartet. Wir haben im Parkparlament lange diskutiert, ob wir überhaupt teilnehmen sollen. Die Abstimmung ging knapp mit Ja aus.
Stellte sich diese Entscheidung als richtig heraus?
Nein, in diesem Fall nicht. Ich finde Leitbildprozesse prinzipiell gut, wenn sie ernst gemeint sind und transparent geführt werden. Aber im Fall Augarten 2008 war das nicht der Fall. Das wurde uns klar, als die Moderator:innen das dezidierte Verbot aussprachen, im Leitbildprozess über große Projekte wie Bau des Konzertsaals oder Planung eines Datencenters im Flakturm überhaupt zu reden.
Die wichtigsten Themen wurden einfach ausgeklammert?
Die mitwirkenden Bürger:innen und Initiativen durften nur über neue Bankerln, Wegeführung und solche Sachen reden. Das sorgte für sehr viel Zorn und Frust in der Bevölkerung.

Das Datencenter wurde verhindert, der Konzertsaal wurde gebaut. War sonst noch was?
Der gelenkte Leitbildprozess und die unehrliche Bürgerbeteiligung, bei der die Ergebnisse schon vorher feststanden, haben damals sehr viel Schaden angerichtet und das Vertrauen zerstört. Die Parknutzer:innen waren frustriert, die Kooperation der Institutionen ist wieder zerfallen. Sonst ist nichts rausgekommen. Dabei gab es viele Ideen: Die Nutzbarmachung der Sportplätze, die Öffnung des Englischen Gartens vor dem Palais der Sängerknaben. Einen Weg durch den Park von der U-Bahnstation. Nichts wurde verwirklicht.
Wie sehen Sie mit diesen Erfahrungen die aktuelle Umfrage zur Zukunft des Augartens?
Ich habe Erfahrungen in die eine und in die andere Richtung gemacht. Wenn die Stimmung, gut war und die richtigen Menschen beteiligt waren, war sehr viel möglich. Wenn aber die Beteiligten nur mauern und sich auf Eigeninteressen zurückziehen, geht gar nichts mehr. In den letzten Jahren wurde viel von dem, was an Zusammenarbeit schon da war, wieder zerschlagen. Jetzt sind viele der damals Beteiligten so frustriert, dass niemand mehr aktiv werden will. Viele Junge hingegen wissen gar nicht, was schon mal da war.
Der Augarten hat sich seither dennoch sehr verändert?
Natürlich. Heute passiert hier viel, von dem wir noch geträumt haben. Kinder spielen auf den Wiesen, zwischen den Bäumen werden Hängematten oder Slacklines gespannt, es gibt Yoga im Park. Da ist irrsinnig viel los.
Ist der Nutzungsdruck gerade an schönen Sommertagen und an Wochenenden für den Park nicht schon zu groß?
Werbung für den Augarten muss man wirklich nicht mehr machen. Aber gerade für die Leute, die in der Umgebung wohnen, wäre es wichtig, mehr Informationen zu bekommen: Wann gibt es Yoga-Stunden im Park, Wo kann ich bei Tai Chi mitmachen? Aber auch: Warum werden Bäume gefällt? Wie wird das Atelier Augarten umgebaut? Welche Nutzungen sind auf diesem Areal vorgesehen? Diese Informationen bekommt man nicht.

Es gibt die Befürchtung, dass der Bund bereits konkrete Pläne für den Augarten hat und den „Zukunftsdialog“ nur benutzt, um diese Pläne zu legitimieren.
Ich habe keine Hinweise auf konkrete Pläne. Aber ja: mit den Erfahrungen des letzten Leitbildprozesses kann ich diese Befürchtung verstehen. Wenn man gemeinsam etwas im Augarten entwickeln will, dann braucht das nicht nur Zeit, sondern auch Transparenz und Ressourcen. Das weiß ich aus eigener Erfahrung: Es ist einfach sehr viel Arbeit. Und da stellt sich heute die Frage: Was ist geplant? Wo darf die Bevölkerung mitgestalten? Wer soll es umsetzen? Und wer soll das bezahlen?
Was wäre Ihre ideale Vorstellung vom Augarten im Jahr 2035?
Für mich müsste sich nicht viel ändern. Ich liebe die Vielfalt des Parks, mit den historischen Alleen und repräsentativen Bereichen, aber auch mit den vielen Naturzonen und Nischen, wo man ganz alleine sitzen kann. Schön wäre eine öffentliche Nutzung der Sportplätze und eine zumindest teilweise Nutzung des Englischen Gartens. Das wäre aus meiner Sicht eine sinnvolle Strategie.
Alles über die Augarten-Aktivitäten des Aktionsradius steht in diesem Buch:
„IM RADIUS – Pionierprojekte kultureller Stadtentwicklung Wien | 1988-2025“, (Hg. Uschi Schreiber, Promedia 2025)
Zu bestellen: www.aktionsradius.at oder https://mediashop.at/buecher/im-radius/








Alice Kundtner says:
Der grösste Witz daran ist die unprofessionelle Kommunikation, es werden Bauzäune errichtet, die BesucherInnen wegsperren und niemand findet eine vernüftige Beschilderung oä, wie bei den beiden Wiesen od beim Atelier Unlängst auch die Tore in der Wasnergasse, zugenagelt mit Bretterzaun und keinen Zettel wie lang es dauern wird bis die Eingänge wieder benutzbar sind