„Wo war eigentlich die Polizei?“ Und hätte mehr Polizei etwas geändert? Im Nordbahnviertel werde es ohnehin immer unsicherer, sagen manche. Andere widersprechen: Angst müsse man hier nicht haben. Beunruhigend sei trotzdem, was passiert ist.
Diskussion mit Grätzlpolizei
Im Foyer der Hauswirtschaft ist an diesem Abend kein freier Sessel zu finden. Der Stammtisch mit der Grätzlpolizei war schon seit August geplant – nun fällt er in eine Woche, in der eine Serie von Einbrüchen das Viertel beschäftigt. Was dagegen zu tun ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Ein Gefühl teilen die Anwesenden: Unbehagen und Unsicherheit, ausgelöst von den Einbrüchen und dem bitteren Nachgeschmack, den sie hinterlassen haben.
Der erste größere Schub ereignete sich in der Nacht von Donnerstag, 8., auf Freitag, 9. Oktober. Die Täter schlugen Scheiben ein und nahmen vor allem Kassen und Bargeld mit; andere Wertgegenstände ließen sie teils zurück.

Bei „WeinRudi“ in der Bruno-Marek-Allee sei nur das Wechselgeld gestohlen worden, sagt Betreiber Rudolf Wrany: „Den Wein haben sie dafür dagelassen.“ Die Beute war also gering. Einen Zettel an der provisorisch gesicherten Scheibe nimmt er mit Galgenhumor: „Bitte beim Hereinkommen in Zukunft nicht mehr durch die Scheibe eintreten.“
Trinkgeldbox geplündert
In den folgenden Tagen ging die Serie weiter. In der Nacht von Samstag, 10., auf Sonntag, 11. Oktober, wurden sechs weitere Einbrüche in Geschäftslokale angezeigt. Auch die „Spaghetteria Il Mercato“ in der Vorgartenstraße traf es. Betreiber Florian Hoffer erfuhr davon am Morgen von der Reinigungskraft. Der Einbruch habe sich gegen 3 Uhr 50 ereignet. Auf der Überwachungskamera seien zwei Personen zu sehen gewesen, die kurz durch das Lokal gingen: „Eine Minute und 30 Sekunden, glaube ich, und wieder weg.“

Hoffer schätzt, dass die Täter etwa 800 bis 1.000 Euro aus der Trinkgeldschachtel mitnahmen, dazu Bargeld aus der Kassa. Die Glastür musste zunächst provisorisch repariert werden. Das Restaurant sperrte trotzdem auf. Die Gäste saßen wegen der beschädigten Tür mit Jacken im Gastraum. Der erste Schock ist für Hoffer damit überwunden. „Doch die Angst bleibt: Was, wenn so etwas wieder passiert?“
Betroffene nicht ernst genommen?
Für Michael Knoll, Betreiber von Starbike und Obmann des Einkaufsvereins Bruno-Marek-Allee, stellt sich nun auch die Frage, wie die Stadt auf die Sorgen der Geschäftsleute reagiert. „Meine Erwartungshaltung ist ehrlicherweise eher gering“, sagt er. Zugleich wünscht er sich ein klares Signal: „Ich wünsche mir, dass die Polizei zumindest sagt: Ja, wir haben das wahrgenommen.“ Denn gerade anfangs hatten einige Betroffene nicht das Gefühl, mit ihrem Anliegen ernst genommen zu werden.
Die Ermittlungen würden auf Hochtouren laufen, sagt die Polizei. Sie geht nach derzeitigem Stand von rund einem Dutzend vollendeter oder versuchter Einbrüche seit dem 1. August aus. Was man bisher weiß: Es handelt sich um eine Gruppe Jugendlicher unter 14 Jahren, die der Polizei zum Teil bereits bekannt sind. Festnahmen und Anhaltungen gab es ebenfalls schon.

Beim Stammtisch in der Hauswirtschaft versuchen Grätzlpolizist Markus Prokop und Grätzlpolizistin Eva Theuermann zu beschwichtigen. Das Problem sei nicht spezifisch für das Nordbahnviertel. Einbruchsserien, bei denen eine Gruppe Jugendlicher mit dem Ziel, schnell an ein bisschen Kleingeld zu kommen, agiere, seien ein „wienweites Vorgehen“, so Prokop. Das Bild wirke durch die kurze Zeitspanne, in der die Einbrüche stattgefunden haben, noch einmal gewaltiger. Auf das Jahr verteilt betrachtet, schaue die Situation aber weitaus unspektakulärer aus.
Keine neue Polizeistation
Viele Anrainerinnen und Anrainer wünschen sich eine eigene Polizeistation im Nordbahnviertel. Eine solche war schon beim Bau der ersten Wohnhäuser auf dem ehemaligen Bahnareal im Gespräch und wurde in den vergangenen Tagen auch von Bezirksvorsteher Alexander Nikolai (SPÖ) gefordert.
Doch die Polizei lehnt ab. Mit dem Praterstern gebe es bereits eine Inspektion in der Nähe. „Und wenn eine neue Station hier aufmachen würde, müsste eine andere woanders schließen“, erklärt Grätzlpolizistin Theuermann. Personell sei das nicht anders möglich.

Dennoch habe die Einbruchsserie zu verstärkten Maßnahmen geführt, sagen die Grätzlpolizisten: Meldungen aus dem Nordbahnviertel würden nun priorisiert und es gebe mehr Streifen in diesem Bereich.
Ob jedoch zusätzliche Streifen die Anspannung im Viertel lindern können, wird sich erst zeigen. Das Gefühl, sich im eigenen Viertel nicht mehr sicher zu fühlen, lässt sich schwerer reparieren als eine eingeschlagene Fensterscheibe. Und dass eine Gruppe unter 14-Jähriger für eine ganze Serie an Einbrüchen verantwortlich sein soll, ist wohl Symptom eines Problems, das weit über das Nordbahnviertel hinausgeht.







