Wer vom Karmelitermarkt auf die Taborstraße will, kann zwischen drei Straßen wählen. Die in der Mitte ist die Tandelmarktgasse und ungefähr in der Hälfte steht das Haus Nummer 8, erbaut 1911 vom tschechischen Architekten Rudolf Weiser, stilistisch der Moderne verpflichtet. Hinter einer eleganten, in den 50-er Jahren restaurierten Fassade verbirgt sich Geschichte. „Unser Haus hat sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag“, sagt Markus Binder. Der Grund: eine alte Mauer im Innenhof – eine letzte Erinnerung an das ehemalige Ghetto.
Führungen durchs jüdische Wien
Die Mauer stammt aus dem frühen 17. Jahrhundert, als die Juden die Stadt Wien verlassen und sich jenseits des Donaukanals im „Unteren Werd“ ansiedeln mussten. Der Steinwall trennte das jüdische Ghetto vom benachbarten Karmeliterkloster. „Ein bis zwei Mal im Monat klingelt es bei uns an der Tür, weil Leute diese Mauer bei Führungen durch das jüdische Wien sehen wollen“, erzählt Binder, der, wenn er zu Hause ist, gerne aufmacht: „Wir sind sozusagen die Gatekeeper der Mauer.“
Dass er als Oberösterreicher im zweiten Bezirk wohnt, hat unmittelbar mit Jessica Hausner zu tun. Sie hat sich den zweiten Bezirk ausgesucht. „Ich bin 2004 vom siebten Bezirk zuerst in die Schreygasse übersiedelt, weil das ein cooler, aufstrebender Stadtteil war, der mir gefallen hat.“ 2006 lernte sie bei einer Afterparty der Band Attwenger deren Sänger und Schlagzeuger Markus Binder kennen. „Der war total sauer, weil sein aufwändig organisiertes Open-Air-Konzert durch einen Schlecht- und Kaltwettereinbruch ins Wasser gefallen war“, erinnert sich Hausner, die ihrerseits nicht in Partystimmung war, weil sie damals intensiv am Drehbuch zu ihrem Film „Lourdes“ arbeitete – und „echt keine Zeit für Verabredungen hatte.“
Erstes Date in der „Schönen Perle“
Das erste Date fand dann aber doch ein paar Tage später im Gasthaus „Schöne Perle“ statt, „weil es dort auch am Nachmittag warme Küche gibt.“ Warum das wichtig ist? Weil sowohl Hausner als auch Binder gerne gegen 16 Uhr Mittagessen – und dann bis zum nächsten Frühstück nichts mehr. „Das war eine der ersten Gemeinsamkeiten, die wir entdeckten, und da war schon klar, dass wir uns gefunden haben“, sagt Hausner. Seit damals sind sie zusammen und Stammgäste in der „Schönen Perle“. Nur manchmal weichen sie ins Ansari in der Praterstraße aus, dem zweiten Lokal im Bezirk mit warmer Küche am Nachmittag, „unsere Nährstationen“, nennt sie Binder.
Als 2010 ihr gemeinsamer Sohn auf die Welt kam, sind Jessica Hausner und Markus Binder in die Tandelmarktgasse 8 übersiedelt. Eine befreundete Filmemacherin wohnt zwei Stock drüber, „sie hat uns den Tipp für die Wohnung gegeben“, erinnert sich Hausner. Hier, im zweiten Stock mit Blick auf das ehemalige und heute vollkommen verbaute Areal des Karmeliterklosters, haben sie es sich als Familie bequem gemacht. Sie rissen Wände raus, zogen neue auf und „nichts blieb so, wie es früher war“, erzählen beide.
Wunsch nach eine Hallenbad
Und ja, es hat sich viel verändert. Binder, der regelmäßig nach Linz pendelt, war froh über die Verlängerung der U2, die sein Heimkommen viel schneller machte. Als Oberösterreicher mag er das Städtische des zweiten Bezirks, ganz besonders im Kontrast mit den vielen Grünflächen im Prater und im Augarten. Er ist viel mit dem Rad unterwegs, fährt als passionierter Schwimmer im Sommer aber auch häufig ins Stadionbad. „Rücken und Kraul, dort ziehe ich meine Längen“, sagt er und Hausner erinnert ihn, „dass es schon hart war, als seinerzeit das Diana-Bad für immer zusperrte. „Ja eh, wir bräuchten im zweiten Bezirk dringend ein Hallenbad“, gibt er ihr recht. Er hat das auch schon dem Bezirksvorsteher wissen lassen, den er unlängst auf der Straße getroffen hat.

Jessica Hausner ist im zweiten Bezirk wunschloser glücklich, weil sie hier alles rundherum hat, was sie braucht. Nur, dass das Kleidergeschäft „Affe und Bräutigam“ nicht mehr da ist, tut ihr leid, „sonst müsste ich überhaupt keinen Schritt mehr raus aus dem Bezirk machen.“ Sie hat ihr Büro zwei Gassen weiter in einem Erdgeschosslokal, wo sie an ihren Filmen und Drehbüchern arbeitet. Und auch ihr mittlerweile 16-jähriger Sohn, „raised in the second district“, mag es in der Tandelmarktgasse, weil es nicht weit ins Leichtathletikzentrum (LAZ) beim Wiener Stadion ist. Dort ist er mehrmals wöchentlich zum Lauftraining, und danach geht er gerne „zum Ugi am Karmelitermarkt, weil es dort das beste Dürüm gibt.“ Für den Kühlschrank ist sonst aber Markus Binder zuständig. „Ich bin der Einkäufer“, sagt er.
Vertreibung der jüdischen Bevölkerung
Als Grenze des jüdischen Ghettos diente die Steinmauer im Hof übrigens nicht einmal 50 Jahre. Bereits 1670 veranlasste der damalige Kaiser Leopold die vollständige Vertreibung der jüdischen Bevölkerung. Das Ghetto im Werd wurde aufgelöst, die Synagoge zerstört und an ihrer Stelle die „Leopoldskirche“ gebaut. Später bekam der gesamte Bezirk zu Ehren des antisemitischen Kaisers den Namen „Leopoldstadt“.
Die Juden konnten ab dem 18. Jahrhundert wieder zurückkehren. Im Karmeliterviertel siedelten sich jüdische Handwerker und Geschäftsleute an. Im Wien Museum gibt es ein Foto, das der bekannte Architekturfotograf August Stauda etwa 1903 von der Tandelmarktgasse schoss. Damals waren hier tatsächlich noch Tandler angesiedelt. Im Erdgeschoss auf Nummer 8 verkaufte ein gewisser Bernhard Arnold „Tuch-Reste“, im Nachbarhaus ein Moses Leibovitz Katz „Tuchreste und Schneiderzugehör“. Dazwischen bot ein Laden „Sonn- und Regenschirme“ an.
Dass die kleinen Geschäfte, die in der Gegend eröffnen, immer wieder schnell verschwinden, finden Jessica Hausner und Markus Binder gleichermaßen schade. „Es gibt nur mehr Optiker in der Gegend, vielleicht sehen die Leute im Zweiten besonders schlecht“ fragt sich Jessica Hausner. Markus Binder hat darauf leider auch keine Antwort.








