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Der historische Wasserturm im Nordbahnviertel
Noch steht der Wasserturm leer. Im November soll die hier Bäckerei-Kette „Paul“ einziehen.
Neu im Nordbahnviertel

French Dressing für den Wasserturm

Die ÖBB vermieten das historische Gebäude im Nordbahnviertel an eine französische Bäckerei-Kette. Dahinter steht auch ein österreichischer Betreiber, der in Wirtschaftskreisen nicht unbekannt ist.

Der letzte Schliff fehlt noch: Ein Rasen vor dem Eingangsbereich, zum Beispiel. Oder die Inneneinrichtung. Aber sonst ist die Sanierung des alten Wasserturms auf dem Nordbahngelände praktisch abgeschlossen. 

Mindestens 5.000 Euro Miete

Die ÖBB als Eigentümer wollen das denkmalgeschützte Gebäude als Gastrobetrieb vermieten, fanden jedoch lange Zeit keinen Betreiber. Die von der ÖBB-Immobiliengesellschaft verlangte Mindestmiete von 5.000 Euro netto plus eine Umsatzbeteiligung von 8 Prozent jährlich war den meisten Interessenten viel zu hoch. 

Nun hat sich aber offenbar doch ein Mieter gefunden. Wie Zwischenbrücken von drei verschiedenen Quellen unabhängig voneinander erfuhr, wird demnächst eine Filiale der französischen Bäckerei-Kette „Paul“ im Wasserturm einziehen. In Wien hat „Paul“ seine erste Niederlassung 2025 im Hundertwasserhaus eröffnet, danach folgten Filialen im Donauzentrum, in der Shopping City Süd und seit Anfang September auch in der Neubaugasse. 

Weltweit über 800 Filialen

Gegründet wurde die Bäckerei 1889 in Nordfrankreich. Mittlerweile hat sie über 800 Geschäfte in 47 Ländern, vor allem in Shopping-Centern und Flughäfen. Französisch sind dabei höchstens noch die Namen des industriell gefertigten Backwaren. Denn die meisten Paul-Filialen sind Franchising-Unternehmen. Der französische Mutterkonzern sucht sich also Geschäftspartner, die gegen Gebühr seine Marke und sein Konzept übernehmen. 

„Nach Wien mit Liebe“: 2025 wurde die erste österreichische Filiale der Paul-Kette im Hundertwasserhaus eröffnet. Foto: Bernhard Odehnal

In Wien steht hinter den „Paul“-Filialen ein Mann, der zuvor in ganz anderen Branchen tätig war: Bei einer umstrittenen Bank, im Textilgeschäft, zuletzt bei einer Immobilienfirma. 

Von Meinl zu Palmers

Der in der Sowjetunion geborene Österreicher M. war ab 2010 Mitarbeiter der Meinl Bank und dort laut dem Nachrichtenmagazin „profil” am „Russian desk“ tätig. Zu jener Zeit war das Geldinstitut an sogenannten „back-to-back“ Geschäften beteiligt. Grob vereinfacht, ging es darum, dass Osteuropäische Bankenbesitzer Kapital aus ihren eigenen Geldinstituten abzogen und über Kreditvermittlungen westlicher Banken zu Briefkastenfirmen verschoben. Das enthüllte ein Recherche-Konsortium internationaler Medien. 

Meinl bestritt damals jegliches Fehlverhalten und machte aus juristischer Sicht wohl tatsächlich nichts Illegales. Doch es war ein System, das Zehntausende Menschen in Osteuropa um ihre Spareinlagen brachte – und einige Geschäftsleute um hunderte Millionen Dollar reicher machte. 

„Keine persönliche Verantwortung“

M. teilt Zwischenbrücken schriftlich mit, er sei damals für die Bereiche Private Banking und Asset Management verantwortlich gewesen: „Daraus ergibt sich selbstverständlich keine persönliche Verantwortung meinerseits für sämtliche Geschäfte und Entscheidungen der Bank.“ Ihm sei auch kein „gegen meine Person geführtes Strafverfahren im Zusammenhang mit diesen Vorgängen bekannt“.

Die Meinl Bank nannte sich später in „Anglo Austrian“ um. 2019 wurde ihr von der Europäischen Zentralbank die Lizenz entzogen. Ein Jahr später ging sie in Konkurs. M. war zu jener Zeit aber längst nicht mehr dabei. Er hatte mit steirischen  Partnern die Textilfirma Palmers übernommen. 

Das Problem mit den Masken

Zu Beginn der Covid-Krise 2020 gründete Palmers gemeinsam mit der Lenzing AG die Firma „Hygiene Austria“, die FFP2-Atemschutzmasken „aus heimischer Produktion“ anbot. Das Werk in Wiener Neudorf galt als Vorzeigebetrieb, das vom damaligen Kanzler Sebastian Kurz, von Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner und mehreren Ministerinnen besucht wurde. 

Ein Jahr später stellte sich aber heraus, dass Masken in China produziert und in Wiener Neudorf auf „Made in Austria“ umetikettiert wurden. Es folgten Hausdurchsuchungen und Ermittlungen wegen des Verdachts der Schwarzarbeit. Die Firma erhielt eine Strafe vom Kartellgericht und meldete 2024 Insolvenz an.

Als Vorstandsmitglied von Palmers unterzeichnete M. 2020 nicht nur das Protokoll einer Generalversammlung der Hygiene Austria. Er war auf der (mittlerweile stillgelegen) Webseite der Firma unter dem Titel „Das Unternehmen“ abgebildet. Und er war bei den Werksbesichtigungen von Sebastian Kurz oder Johanna Mikl-Leitner anwesend. Welche Rolle er wirklich bei Hygiene Austria spielte, blieb unklar. Die „Presse“ rätselte damals über den „mysteriösen Herrn“. 

Da war die Politik noch stolz auf die vermeintliche Vorzeigefirma: Johanna Mikl-Leitner und Firmenvertreter im Werk der Hygiene Austria, Mai 2020. Foto: Hygiene Austria LP

Heute schreibt M. an Zwischenbrücken, er sei zu keinem Zeitpunkt Geschäftsführer der Hygiene Austria und nicht für deren operative Geschäftsführung verantwortlich gewesen: „Hygiene Austria hatte eine eigene Geschäftsführung, der die operative Leitung des Unternehmens oblag. Sollten frühere Medienberichte einen anderen Eindruck vermittelt haben, entspricht dies jedenfalls nicht meiner tatsächlichen Funktion und Verantwortung.“

2024 wurde M. als Vorstand von Palmers abberufen. Die Firma rutschte in die Verlustzone und meldete ein Jahr später Insolvenz an. Damit wurde ein von der Covid-19-Finanzierungsagentur (Cofag) besicherter Kredit fällig. Die öffentliche Hand musste 14,4 Millionen Euro zahlen. 

Georgische Beteiligung

Im November 2025 eröffnete M. dann die erste „Paul“-Filiale im Hundertwasserhaus im dritten Bezirk. Er ist über eine in Wiener Neudorf registrierte Firma zu 51 Prozent beteiligt. Die anderen 49 Prozent gehören über eine österreichische Firma einem heute 85-jährigen georgischen Unternehmer. Dessen Sohn G. ist bei der österreichischen Paul-Firma als Prokurist eingetragen. 

G. gilt in Georgien als erfolgreicher Unternehmer und ist vermutlich einer der reichsten Männer des Landes. Laut einer Biographie war er Miteigentümer von Häfen, Flughäfen, Luxushotels und Shoppingmalls und saß auch in deren Leitungsgremien. Vor zehn Jahren eröffnete er das erste Lokal der Bäckerei-Kette „Paul“ in der Hauptstadt Tiflis. Mittlerweile gibt es dort neun Filialen. Aufgrund von G.‘s langjähriger Erfahrung mit der Marke und dem erfolgreichen Aufbau des Geschäfts in Georgien haben man sich entschieden, „den österreichischen Markt gemeinsam zu entwickeln“, so M. zu Zwischenbrücken. 

Patrioten im Parlament

G. ist nicht nur Unternehmer, sondern auch Politiker. Als Mitglied der nationalistischen und pro-russischen Kleinpartei „Georgische Patrioten“ wurde er 2016 ins georgische Parlament gewählt. Nach der Wiederwahl schloss er sich 2021 einer neuen Partei namens „Europäische Sozialisten“ an. Für Zwischenbrücken war der Georgier nicht zu erreichen. 

Welches Konzept verfolgt nun das österreichisch-georgische Duo mit ihrer Paul-Bäckerei im Wasserturm? Das Gebäude sei „vor allem aufgrund seiner außergewöhnlichen Architektur, seiner Geschichte und seiner Lage im sich stark entwickelnden Nordbahnviertel für uns interessant“, schreibt M.: „Wir sehen hier die Möglichkeit, einen besonderen gastronomischen Standort zu schaffen, der sich deutlich von einer klassischen Bäckerei-Filiale unterscheidet.“ 

Filialen im Einheitslook

Die bisher eröffneten Paul-Filialen zeigen sich freilich eher im Einheitslook, der vermutlich vom Lizenzgeber vorgeschrieben ist: Schwarze und weiße Bodenfliesen, weiße Ziegelwände, schwarze Theken. Das Angebot reicht von Baguette über Croissants, Brioches, Obsttörtchen und Pain au Chocolat bis zu Sandwiches mit Käse oder Schinken. 

Wobei bei einem Test von Zwischenbrücken im Hundertwasserhaus das Käsesandwich schon zu Mittag ziemlich letschert war und das Pain au Chocolat in der Neubaugasse staubtrocken. Letzteres wird laut Auskunft des Personals im 3. Bezirk aufgebacken und in der Früh quer durch Wien in den 7. Bezirk gebracht. Ähnliche Erfahrungen machte im vergangenen Jahr offenbar auch der Gastrokritiker des Falter. Er fühlte sich wie „in einem Flughafen-Café im Charles de Gaulle“ und bemerkte, dass viele Backprodukte „tiefgefroren aus der Zentrale kommen“.  

Langfristiges Konzept

Wird im Wasserturm alles ganz anders? Kann ein relativ kleiner Gastraum mit einer Mini-Küche, aber einer sehr hohen Miete jemals ohne Verlust geführt werden? Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen seien anspruchsvoll, antwortet M., aber die Entscheidung für die Gründung der fünften Paul-Filiale in Wien beruhe „auf einem langfristigen Konzept für den Standort und nicht ausschließlich auf der Höhe der Miete“. 

Den genauen Eröffnungstermin will M. nicht verraten. Der werde erst kommuniziert, „sobald alle technischen und organisatorischen Arbeiten abgeschlossen sind“. Die ÖBB als Eigentümerin des Wasserturms wollen zum neuen Mieter nicht Stellung nehmen.

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    Ein Artikel von Bernhard Odehnal
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