„Warst du schon einmal in der Zeitung?“ Ich will ein Porträt über Tina und ihr Café schreiben, die erste Frage habe ich mir gut überlegt. Und Tina ignoriert sie. „Bub! Komm her.“
Sie steht hinter der Bar, winkt mich her und drückt mich zur Begrüßung. Dann kommt doch noch die Antwort: „Ja, vor ein paar Tagen war ich in der Krone. Da ist einer mit dem Messer auf einen losgegangen. Und der hat ein Butzi im Arm gehabt. Ich bin hin und hab das Kind geschnappt.“ Bitte was?
Männer mit Messern
„Sowas soll keinem Kind passieren.“ Wenn sie von den Männern erzählt, rattert sie die Fakten runter: der hat dem was über den Kopf gehaut, einer weggelaufen, einer nachgelaufen, einer hat ein Messer gezogen, und irgendwer hat irgendwen gestochen. Wenn es um das Kind geht, werden ihre Augen glasig. „Ich hab das Butzi ins Lokal mitgenommen. Das hat geschrien.“ Tina wiegt ihre Arme. „Aber auf der Polizeistation hat es mich dann umarmt.“
„Na bumm.“ Ich setze mich an die Bar. „Schon. Was willst trinken?“ „Nix, danke. Ich wollt dich nur was fragen und muss gleich wieder weg.“ „Frag.“
Tina überlegt keine Sekunde und drückt aus den Portionierern über der Bar zwei Rémy in bauchige Cognacgläser. Sie riecht an ihrem Glas und schiebt mir das andere hin. „Na sicher bin ich da dabei. Was glaubst denn du, Schatzi?“ Sie zeigt auf das Zwischenbrücken-Magazin. „Kannst mir das dalassen?“ „Kann ich. Ich ruf dich an.“ „Prost.“
Startkapital vom Papa
Die Kampstraße liegt im Allerheiligenviertel, zwischen Dresdner Straße und Durchlaufstraße – in jenem Teil der Brigittenau, der noch nie hip war und wohl auch nie hip wird. Hier hat Tina, die eigentlich Martina Schmidt heißt, beschlossen, ihr Leben und ein Café einzurichten.
Sie kommt aus dem Burgenland, auch wenn man das heute nicht mehr hört. „Dort hat es aber nichts zum Arbeiten gegeben“, sagt Tina. Ihr Vater habe ihr drei Vorschläge gemacht: „Geh zum Billa, heirate reich oder mach dich selbstständig.“ Sie entscheidet sich für die dritte Option und übernimmt das Lokal im Zwanzigsten – das Startkapital kommt vom Papa.
Die massive Bar aus dunklem Holz, die Barhocker und Polsterbänke mit dunkelrotem Leder und die weißen Tische, die aus Marmor sein wollen – das alles war schon da. „Die Vorbesitzer waren schon älter, ein bisschen griesgrämig und alles ein bisschen trost- und lieblos.“ Das hat Tina geändert.

An eine Wand hängt sie zuerst ein Puzzle: hundert Jahre Hollywood. Und weil ihr das gefällt, kommen noch dutzende mit Passepartout versehene und gerahmte, größtenteils schwarz-weiße Fotos des alten Hollywoods dazu: Hepburn, Sinatra, Chaplin, Monroe. Mir haben die auch gleich gefallen, als ich vor etwa einem Vierteljahrhundert das erste Mal im Café Tina war. Es war ein Freitag, wahrscheinlich.
Viele Zigaretten, noch mehr Bier
Gewunken hat mir Tina schon vor meinem ersten Besuch. Damals bin ich nachts oft pubertierend, musikhörend und rauchend auf meinem Kinderzimmerfensterbrett im vierten Stock gegenübergesessen. Ein paar Mal hat mich mein Papa erwischt, trotz – oder wegen – der ganzen Räucherstäbchen. Der hat dann über die Zigaretten, das Café Tina und die Leute da unten geschimpft. Irgendwann in dieser Zeit habe ich beschlossen, nie wieder mit dem Rauchen aufzuhören und so bald wie möglich auf ein Bier ins Café Tina zu gehen.
Aus dem ersten Abend und dem ersten Bier sind dann dutzende Abende, hunderte Biere geworden und jede Menge Rémy, von Tina spendiert. Bei Makroökonomie-Lernrunden – die alte Wirtschaftsuniversität und meine Wohnung waren nicht weit –, bei Geburtstagen und bei dem einen oder anderen Absacker, wenn im Shelter am Wallensteinplatz einmal früher Schluss war.
Tinas Regeln für alle
Wirtschaftlich hat Tinas Lokal von Anfang an funktioniert. Vielleicht war es die abwesende Griesgrämigkeit der Vorbesitzer, vielleicht auch ihre Regeln: kein Rassismus, keine Politik, keine Religion. „Die haben alle dankend angenommen“, sagt Tina. Erstens würden da immer Streitgespräche draus werden und zweitens kann und will sie die immer gleichen Dinge nicht mehr hören. „Ich frag die Leute dann ziemlich schnell nach ihrem Sexleben, wenn es geht gleich nach den ersten Erfahrungen.“ Dann beginnen die Gäste zu lachen, nachzudenken, und sich kennenzulernen.
„Und wer woher kommt, ist schon einmal ganz egal.“ Nach dem 15. Bezirk hat die Brigittenau den höchsten Migrationsanteil Wiens. In ihrem Haus mitsamt Café sei sie mittlerweile die einzige Österreicherin. „Nicht jeder grüßt gleich, aber ich grüße so lange freundlich, bis sie auch grüßen. Und dann kommt man mit allen aus: Ausländern, Österreichern, Alten, Jungen.“ Die meisten kommen dann auch mal ins Lokal.

Während wir plaudern, setzt sich ein Gast dazu. 91 Jahre alt, Bauingenieur: „Unser Baby“, sagt Tina. Ein junger Mann spaziert vorbei, sagt nichts, winkt. „Das ist der Papa von der ukrainischen Familie. Alle gehörlos.“ Zwei türkische Mädels, sieben und acht, wollen einen Pipi-Saft (Anmerkung: Eine Mischung aus Orangeade, Fanta und Wasser), der Papa setzt sich dazu und trinkt einen Kaffee. Ein Servicemitarbeiter für Toilettenartikel, der extra aus Bisamberg angereist ist, bestellt noch eine Flasche Wieselburger.
„Vier Ehen von Gästen haben wir. Zwei Anträge direkt im Lokal. Und drei der Ehen halten noch immer.“ Die vierte vielleicht auch, das Pärchen hat Tina aber schon länger nicht mehr gesehen. Ihre eigene Ehe zählt sie nicht dazu, obwohl sie ihren Mann auch im Lokal kennengelernt hat. „Wir waren beide selbstständig. Das ist sich irgendwann nicht mehr ausgegangen.“ Nach neun Jahren war Schluss. Das Lokal sei schon viel Arbeit. „Wir haben dann irgendwann aneinander vorbeigelebt. Aber auseinandergegangen ist es allerbestens.“
Irish Pub statt Griechenland
Noch will Tina weitermachen. Auch wenn sie vor ein paar Jahren überlegt hat, ob es nicht schon reicht. Eine griechische Insel à la „Irgendwann bleib i dann dort“ von STS hätte es werden sollen: Kreta oder Korfu. Eine Freundin ist schon dort. Das ist sich aber wohl mit der Ablöse nicht ganz ausgegangen. Stattdessen hat Tina ausgebaut, das Hinterzimmer des Lokals grün ausgemalt, Stehtische aufgestellt und Dartscheiben aufgehängt. Das ist jetzt ihr Irish Pub, und kommt vor allem bei den Seidlrallys gut an.

Seit sieben Jahren darf in Wiener Lokalen nicht mehr geraucht werden. Die Umsätze sind, vor allem an den Abenden, ordentlich eingebrochen. „Aber die Jungs gleichen das mittlerweile gut aus.“
Sauftouren durch die Bezirke
An Freitagen kommen jetzt zwei bis drei Gruppen organisierter Seidltouren. Junge Leute aus ganz Österreich ziehen durch die Wiener Bezirke und trinken in jedem mindestens ein kleines Bier. „Da sind gleich einmal 15 Seidl bestellt. Und seit ich das Irish Pub habe, bin ich oft die letzte Station auf der Rally und sie bleiben gleich da.“
„Und wenn jetzt wer kommt und dir genug Ablöse zahlt? Bist du dann gleich in Griechenland?“, frage ich Tina am Schluss, um auch ein bisschen einschätzen zu können, wie oft ich noch hinkann. „Das ist eine sehr schwierige Frage. Natürlich rechne ich. Aber mit Nichtstun tu ich mir schwer.“ Sie überlegt. Dann erzählt mir Tina, dass es in Griechenland schon ein Lokal gibt, das sie vielleicht übernehmen könnte. Vielleicht kommt ja dann das Schild aus der Kampstraße mit und baumelt auf einer griechischen Insel: „Café Tina“, in geschwungener Schrift, unter einem schimmernden Rémy-Glas.
Café Tina: 1200, Kampstraße 13
Öffnungszeiten: Mo bis Fr: 9 bis 1 Uhr, Sa: 16 bis 1 Uhr.
Tel.: 0676 70 36 033








