Kultur im Kreisverkehr
Alles vertraut, alles anders

Der „Aktionsradius Augarten“ heißt jetzt „Rundpunkt 11“. Für seine neue Leiterin Anna Szikszay ist das ein Neubeginn und eine Heimkehr zugleich.

Anna Szikszay, Rundpunkt 11
Ihr Leben kreiste immer um einen Fixpunkt - den Gaußplatz: Anna Sziksay, Leiterin des „Rundpunkt 11“.

Fast jeder Mensch, der in Wien den Führerschein gemacht hat, kennt den Gaußplatz im 20. Bezirk. Mehrere Straßen münden hier sternförmig in einen Kreisverkehr, der in der Mitte von Straßenbahnschienen quer durchschnitten wird. Hier kann man hinterm Steuer beweisen, dass man alle Vorrang- und Nachrangregeln kennt.

„Unmenschlich viel Arbeit“

Anna Szikszay sitzt in einem hellen Erdgeschoßlokal auf einem Fauteuil, und schaut durch eine große Fensterscheibe direkt auf diesen Platz hinaus: Die vom Sommergewitter zerzausten Bäume, die Straßenbahnstation, im Hintergrund die Silhouette des Augarten-Flakturms. Der Gaußplatz war immer ein Fixpunkt, um den ihr Leben kreiste. Obwohl sie viele Jahre lang physisch weit weg war: Sie lebte mit Ex-Partner und Kindern in Paris, war dort Personal-Managerin in einem großen Konzern, verdiente viel Geld, und arbeitete „unmenschlich viel“.

Jetzt ist sie wieder da. Wohnt in derselben Wohnung, in der sie einst aufwuchs. In einem Haus direkt am Platz. Und leitet seit einem Jahr den „Rundpunkt 11“ – eine Kulturinitiative, die man bisher unter dem Namen „Aktionsradius Wien“ kannte, im Haus, das einst ihr Ururgroßvater, der Stadtbaumeister Franz Bernert, baute. „Es ist alles neu, und gleichzeitig ist alles wie immer“, sagt Szikszay. „Das Alte lebt im Neuen weiter.“ Und das kann man durchaus philosophisch verstehen.

Ausstellungen und Konzerte

Über 30 Jahre lang war der Aktionsradius ein zentraler Teil des Kulturlebens zwischen Donau und Donaukanal. Szikszays Mutter, die Malerin Linde Waber, war eine der Mitgründerinnen; an den Wänden hängen heute noch ihre großformatigen Bilder. Auf der kleinen Bühne gab es Konzerte, auch Anne Bennent und Otto Lechner traten häufig auf. Es gab Lesungen, Ausstellungen, Musik, Ausflüge, Feste und Diskussionen. An der langen Bar kam man ins Reden und heckte Ideen aus, oft bis spät in den Abend hinein. 2004 wurde hier die legendäre „AugartenStadt“ gegründet, ein aktionistisches Projekt mit „Magistratsabteilungen“ für Feste, Träume und Zufälle. Der blinde Akkordeonist Otto Lechner wurde ihr Bürgermeister.

„Wenn in diesem Raum Licht war, und man Stimmen bis hinaus auf die Straße hörte, hat sich das heimelig angefühlt“, erinnert sich Szikszay an ihre Teenagerjahre hier. „Es kamen immer gute Vibes aus diesem Lokal.“ Niemand konnte sich vorstellen, dass es diesen Ort eines Tages nicht mehr geben könnte. Bis im Frühjahr 2025 Uschi Schreiber, langjährige Leiterin des Aktionsradius, in Pension gehen wollte. Sich niemand für ihre Nachfolge fand. Und der Raum kurz vor dem Zusperren stand.

Spontane Entscheidung

Für Anna Szikszay fügte sich in diesem Moment alles zu einem klaren Auftrag zusammen. „Ich hab damals zwar gesagt, dass ich noch eine Nacht drüber schlafe“, lächelt sie. „Aber mein Herz hatte sich längst dafür entschieden“.

Sie übernahm kurzerhand die Leitung. Gründete einen neuen Verein, fand einen neuen Namen, übernahm das Team, stellte Förderanträge, ließ ein paar Renovierungsarbeiten machen, und arbeitet seither an der inhaltlichen Neupositionierung. Vieles soll weitergehen: die Salonabende, die Exkursionen und Spaziergänge, die Konzerte, Ausstellungen, Lesungen, Workshops, die Begegnung. Altes und neues Publikum soll sich mischen, mit einem avisierten Kinderprogramm auch neue Zielgruppen angesprochen werden. „Es wird fix ein geschützter Raum bleiben, in dem man sich austauschen kann“, verspricht sie.

Das alte und das neue Team am Gaußplatz. Die langjährige Leiterin des „Aktionsradius“, Uschi Schreiber (ganz rechts hinten) und ihre Nachfolgerin Anna Szikszay (dritte von links). Foto: RundPunkt 11

Ein Neuanfang am vertrauten Ort – das ist es nicht nur für den Kulturverein. Sondern auch für Anna Szikszay persönlich. Immerhin kommt sie beruflich ganz woanders her: aus der Welt des Personalmanagements. In der internationalen Businessprache sagt man „Human Resources“ dazu. Als studierte Juristin arbeitete Szikszay für große Konzerne, erst jahrelang in Frankreich, dann in Wien. Sie begleitete Change-Prozesse, beriet Führungskräfte und verhandelte mit Betriebsräten. „Was mir daran immer gefallen hat: Dass man sich in Menschen hineindenken muss. Ihr Potentialerkennt. Ihre Bedürfnisse. Menschen sind mein Interessensfeld.“

Eine neue Aufgabe

Als ihr letzter Arbeitgeber von Microsoft übernommen wurde, war es für sie jedoch vorbei. „Ich habe festgestellt, dass das nicht mehr mein Universum ist.“ Die 3 Kinder waren inzwischen groß, es war Zeit für einen neuen Lebensabschnitt. „Ich wollte schauen, was es noch anderes gibt im Leben. Etwas, das sinnvoll und wichtig ist.“ Sie verließ die Konzernwelt, begann eine Ausbildung als Lebens- und Sozialberaterin, und „war sicher, da draußen wartet eine neue Aufgabe auf mich. Ich wusste nur noch nicht welche“. Da traf es sich gut, dass die erwachsene Tochter inzwischen im Aktionsradius an der Bar jobbte und der Mutter im richtigen Moment den entscheidenden Hinweis gab.

Auch mit Wien und ihrem heimatlichen Grätzel rund um den Gaußplatz ist Anna Szikszay inzwischen eine neue, innige Beziehung eingegangen. Aus ihrer Jugend war ihr der Augarten noch als eher trostloser Ort in Erinnerung, „zum Spaß ging man dort nicht rein“. Die Bäckerei Prindl war der Ankerpunkt des Alltags, wo es rund um die Uhr frische Kipferln gab, „und auch um vier in der Nacht noch eine Leberkässemmel“. Die Häuser ringsum waren grau und schäbig.

„Savoir Vivre“ in der Brigittenau

„Und dann bin ich 2009 aus Paris zurückgekommen, und alles war anders.“ Vielleicht hat es auch nur den Abstand gebraucht, um es zu erkennen: Wie einfach das Leben mit Kindern hier ist. Der Park vor der Tür. Die öffentliche Infrastruktur. Weniger Stress, weniger Menschen. „Ich gehe viel zu Fuß, es ist alles so nah“, sagt Szikszay. Wenn sie in den 31er einsteigt, ist sie in 15 Minuten im Wasser der Neuen Donau. „Ich brauche kaltes Wasser, das belebt mich“, sagt sie.

Aber vermisst sie denn gar nichts an Frankreich? „Oja“, sagt sie. „Das Savoir Vivre. Die Liebe zum guten Essen, der Blick für die Schönheit der Dinge, dass man sich Zeit nimmt für den kleinen Luxus im Alltag.“ Doch dafür muss man nicht unbedingt in Paris sein, das geht auch im 20. Bezirk. „Das gemeinsame Frühstück mit den Kindern wurde bei uns immer zelebriert“, lächelt Szikszay. „Und bis heute weigere ich mich, Fast Food zu essen.“

Der Augarten im Sonnenuntergang
Der Augarten war für den „Aktionsradius“ am Gaußplatz immer schon ein besonderer Ort. Hier wurde 2004 die legendäre „AugartenStadt“ mit dem Musiker Otto Lechner als Bürgermeister gegründet. Foto: Bernhard Odehnal

Auch der Gaußplatz kann ein schöner Ort sein. Manchmal reicht es, die Perspektive ein ganz kleines bisschen zu verändern, um das zu erkennen. Das alte Büro des Aktionsradius ist nun ausgeräumt – und plötzlich kam der großzügige, sonnige Raum zum Vorschein, in dem wir heute auf den Fauteuils sitzen. Mit einem schönen Holzboden, großen Fenstern, und freiem Blick - auf die vom Sommergewitter zerzausten Bäume, die Straßenbahnstation, die Silhouette des Augarten-Flakturms, den Kreisverkehr.

Es ist alles wie früher, und gleichzeitig doch anders. Das wird auch damit zu tun haben, dass, seit Anna Szikszay da ist, nun auch ein kleines bisschen Paris in diesem Ort steckt. „Rundpunkt 11“ heißt er nun. 11 ist die Hausnummer. Und „Rondpoint“ der französische Name für Kreisverkehr.

Rundpunkt 11: 1200, Gaußplatz 11.
office@rundpunkt1.at, Tel.: 0660 68 21 778
rundpunkt11.at

Ein Artikel von Sibylle Hamann
Sibylle Hamann
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