Schon der kleine Heinz wollte immer etwas reparieren. Den Tretroller, das Dreirad, das Gokart. „Wenn etwas kaputt ist, und ich kann es wieder zum Laufen bringen – das macht mich glücklich“, sagt Heinz Ortner, und man merkt ihm die Leidenschaft an. 58 Jahre ist er alt, und seit er denken kann, repariert er Fahrräder. Er kümmert sich um schnittige Rennräder und robuste Waffenräder, um maßgeschneiderte Spezialanfertigungen ebenso wie um billige Kinderräder aus dem Baumarkt. Im Geschäft „Zweirad Ortner“ auf der Unteren Augartenstraße, das er gemeinsam mit seiner Frau Evelyn führt.
Ordnung und Pünktlichkeit
Es ist ein kleines, unscheinbares Gassenlokal. Eine Auslage mit neuen Citybikes und Tourenfahrräder, eine schmale Eingangstür, dahinter bloß zwei Räume mit einem alten Holzboden. Dutzende Werkzeuge hängen an den Wänden, hunderte Kleinteile sind in den Laden verstaut. Es ist alles genau dort, wo es hingehört, sodass man immer sofort alles findet, was man braucht.
Dafür sorgt Evelyn Ortner. Immerhin war sie Chefsekretärin in einer großen Versicherung, als sie ihren Mann, den Fahrradmechaniker, beim Heurigen kennenlernte. Ihr ist Ordnung wichtig. Ihr ist wichtig, dass man am Telefon freundlich ist, und dass alle Liefertermine pünktlich eingehalten werden. Während Heinz in der Werkstatt an Bremsen und Schutzblechen herumschraubt, macht Evelyn die Buchhaltung, verwaltet das Lager und wickelt Bestellungen ab.
23 Jahre gemeinsam im Geschäft
Ist es nicht schwierig, wenn man rund um die Uhr zusammenpickt? Gemeinsam lebt und gemeinsam arbeitet? „Es ist im Lauf der Zeit immer besser geworden“, sagt Heinz. „Am Anfang hab ich oft nicht verstanden, warum ich etwas ändern soll, das ich seit Jahren gleich mache. Aber sie hat oft recht gehabt.“ Evelyn beschreibt es so: „Ich mache einen Vorschlag, er hört mir zu. Und dann macht er es – oder halt nicht.“
Seit 23 Jahren stehen Heinz und Evelyn nun gemeinsam im Geschäft. Im Juni haben sie ihren 25. Hochzeitstag gefeiert. Was sie über all die Jahre verbindet, ist zweierlei: Die Liebe zu Fahrrädern. Und die Liebe zu ihren Kunden.

„Traditionsbetrieb in dritter Generation“, steht auf der Website von „Zweirad Ortner“. Heinz‘ Großeltern Ludwig und Josefine gründeten die Firma vor 80 Jahren, unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg. Josefine führte in diesem Raum in der Unteren Augartenstraße vorher ein Wollgeschäft. Ludwig war schon in der Zwischenkriegszeit leidenschaftlicher Radbastler gewesen. Er war mit dem legendären Radsportprofi Ferry Dusika befreundet, fuhr gemeinsam mit ihm sogar Radrennen. „Der Großvater war ein Radfahrer mit Stil“, erzählt Heinz. „Er war immer in sauberer weißer Kleidung unterwegs.“
„Rauchen, stinken, Lärm machen“
Ganz anders hingegen waren die Vorlieben von Heinz‘ Vater, der das Geschäft 1976 übernahm: „Der wollte immer nur was mit Motoren. Rauchen, stinken und Lärm machen, das war sein Motto. Schon als Kind ist er in der Wohnung mit einem Moped im Kreis gefahren.“ Auch im Geschäft setzte der Vater, dem Zeitgeist der Siebziger gemäß, vor allem auf Mopeds. „Den haben Fahrräder nie besonders interessiert. Er hat sie zwar im Geschäft stehen gehabt, aber das war nie seins.“
Heinz machte in dieser Zeit seine Lehre beim Fahrradgeschäft Dorfinger in Floridsdorf. Dort teilten der Senior- und der Junior-Chef seine Leidenschaft. „Wir haben dort noch die Rahmen selber gebaut, alles selbst gelötet“. Er absolvierte nach der Lehre die Gesellenprüfung und die Meisterprüfung.

Dreimal pro Woche kam Heinz nach der Arbeit ins väterliche Geschäft, um sich dort um die vernachlässigten Fahrräder zu kümmern. „Der Vater hat nie verstanden, warum ich immer so lang brauche, bei den Bremsen und bei den Lichtkabeln. ‚Tu ned so lang herum, das zahlt dir ja keiner‘, hat er gesagt. Aber ich wollte, dass alles perfekt passt. Das war ein großer Streitpunkt zwischen uns.“ „Die Genauigkeit hat er von seiner Mutter“, wirft Evelyn ein. „Ihre Handschrift, ihr Strickbild - unglaublich, wie gleichmäßig bei ihr immer alles ausgeschaut hat.“
Das Ende der Motor-Ära
Als der Vater in Pension ging, gehörte das Geschäft dann plötzlich ihnen. Heinz überredete Evelyn mit einzusteigen – „allein hätte ich‘s nicht geschafft.“ Und die beiden beschlossen, die Motor-Ära des Vaters zu beenden. „In unserer Anfangszeit war Radfahren nicht so in Mode“, erzählt Heinz. „Es hat geheißen: Nur mit Rädern überlebt ihr nicht - ihr müsst unbedingt Mopeds dazu machen. Aber ich wollte keine Mopeds mehr! Die waren schwer, schmutzig, haben gestunken. Ich wollte immer nur saubere Fahrräder, frische Luft. Wie mein Großvater.“
Anfangs war es nicht leicht. „Bei der Übergabe standen da nur drei staubige Radeln, kein vernünftiges Inventar, uraltes Werkzeug“, erinnert sich Evelyn. Was sie in der ersten Zeit über Wasser hielt, war das Service für die Kinderräder aus den Schulverkehrsgärten der Stadt Wien. Das war viel Arbeit, oft bis spät in die Nacht. „Wir haben wochenlang nur Kraut gegessen, um Geld zu sparen. Wir haben kämpfen müssen. Aber wir haben immer gewusst: Wir schaffen das.“
Der Zeitgeist dreht
In den letzten 15 Jahren drehte sich dann der Zeitgeist. War Radfahren früher eine Notlösung für Leute, die sich kein Auto leisten konnten, lag es plötzlich im Trend. Damit kamen neue Kunden ins Geschäft – „Leute, die gute Beratung zu schätzen wissen, gute Reparaturen, Handschlagqualität. Das hat bis heute gehalten.“
Mittlerweile sind die Ortners eine Institution im Bezirk. Ihr Kerngeschäft ist das jährliche Radservice – in den Varianten „klein“ und „groß“. Zur Kundschaft gehören Promis und ganz normale Leute. Viele Kunden – beziehungsweise ihre Räder - betreuen sie schon jahrelang, und kennen ihre Marotten und Geheimnisse (die hier diskret verschwiegen werden). Es gibt einen Kunden, dessen Rennrad mit Zahnseide geputzt werden muss. Einen Uni-Professor, der sein uraltes Rad aus Studententagen seit Jahrzehnten hegt und pflegt. Polizisten bringen ihre Diensträder mitunter auch in ihrer Freizeit zur Reparatur und zum Service. „80 Prozent sind Stammkunden, und die bleiben uns auch – außer es stirbt einmal jemand.“

Aber spüren die Ortners denn nicht die wachsende Konkurrenz? Die vielen neuen Fahrradgeschäfte, die in den letzten Jahren rundherum aufgesperrt haben? Heinz Ortner grinst. „Ja, das fragen die Stammkunden auch immer. Und machen sich Sorgen, ob‘s uns jetzt schlechter geht. Aber im Gegenteil – uns geht’s besser! Weil von allen anderen müssen wir jetzt die Reklamationen mitmachen. Es wird halt nicht immer mehr so gut und genau gearbeitet, anderswo.“
Gefährliche Akkus
Auch der Trend zur Elektronik geht am Geschäft in der Unteren Augartenstraße völlig vorbei. E-Bikes werden hier weder verkauft noch repariert. Das liegt vor allem am Brandrisiko. „Alles, wo ein Akku drin ist, ist gefährlich. Bei uns in der Werkstatt ist alles aus Holz.“ Auch elektronische Schaltungen greifen sie nicht an. Heinz hat zwar eine Schulung dafür gemacht – doch überzeugt hat ihn die neue Technologie nicht. „Ich seh einfach keinen Sinn darin.“
Umso besser kennen sich die Ortners inzwischen mit der Work-Life Balance aus. „Einmal höre ich am Klo einen lauten Pumperer – da ist der Heinz umgefallen und ohnmächtig geworden, einfach so“, erzählt Evelyn. Stress, lautete die Diagnose. Samt dem dringenden ärztlichen Rat: kürzer treten.
„Es muss uns Spaß machen“
Seither lassen Heinz und Evelyn Ortner am Samstag ihr Geschäft geschlossen. Sperren morgens erst um 10 Uhr auf. Fahren ab und zu ein paar Tage auf Urlaub. Und verbringen möglichst viel Zeit in ihrem kleinen Garten in Korneuburg. „Wir wollen normal leben. Das reicht uns.“
Sie haben sich durchgerechnet, ob expandieren sinnvoll wäre. Eine größere Werkstatt, mehr Verkaufsfläche, mehr Kunden, einen Mechaniker anstellen? Die Mieten in der Gegend sind hoch. Personalkosten ebenso. Die Fixkosten müsste man auch im Winter zahlen. Unterm Strich wäre es viel mehr Aufwand, für kaum mehr Gewinn. „Dann haben wir uns angeschaut uns gesagt: Es muss uns Spaß machen. Wir haben uns, wir haben unsere Kunden und um die kümmern wir uns gerne. Und die anderen Leute? Na, die gehen halt woanders hin.“
Zweirad Ortner: 1020, Untere Augartenstraße 32
Mo - Do 10 -13 und 14 - 18 Uhr
Fr: 14 - 18 Uhr (März bis Juni, Sept., Okt.), 10 - 13 Uhr (Nov. bis Feb., Juli, August)
Webseite: https://www.zweiradortner.com








