Es war etwa zwei Uhr früh, als Katharina Erich einen lauten Knall hörte. „Ursprünglich dachte ich, etwas ist vom Gerüst gefallen“, erzählt sie. „Nach dem zweiten Knall rannte ich zum Fenster.“ Dort sah sie die Bewohnerschaft des gegenüberliegenden Hauses an ihren Fenstern stehen. Alle winkten, zeigten nach oben und brüllte sich die Seele aus dem Leib.
Der Krach und die vielsprachigen Schreie der hauptsächlich migrantischen Nachbarn waren eine Warnung. Denn ein Teil vom Dachstuhl des Grossmannhofs in der Brigittenauer Denisgasse brannte bereits lichterloh.
Rettung durch die Nachbarn
Durch die Schreie der Nachbarschaft konnten sich alle rechtzeitig in Sicherheit bringen. „Das war eine fantastische Aktion, sie haben alle aufgeweckt“, sagt Erich. In letzter Sekunde: „Wer nach mir aus dem Haus lief, riskierte schon einen Dachziegel auf dem Kopf“.
Der Brand in den ersten Stunden des 18. Juni endete relativ glimpflich. Die Feuerwehr rückte mit hundert Leuten aus und hatte die Flammen nach drei Stunden im Griff. Niemand musste ins Spital, einige Wohnungen wurden allerdings durch das Löschwasser beschädigt. Unter anderem jene von Katharina Erich. Und kurz sah es in jener verhängnisvollen Nacht so aus, als würde sich mit dem Brand auch ein großes Projekt in Rauch auflösen, das Erich gemeinsam mit ihrem Nachbarn Bernhard Bachmann initiiert hatte: Das Fest zum 100. Geburtstag des Gemeindebaus am 1. August. Konnte denn nach einem so schweren Unglück noch gefeiert werden?

Der Grossmannhof ist einer von insgesamt 15 Gemeindebauten, die in der Ära des Roten Wien zwischen 1919 und 1934 in der Brigittenau errichtet wurden. Er ist weit weniger bekannt als der Karl-Marx-Hof oder auch der monumentale Gemeindebau am Friedrich-Engels-Platz. Doch auch der fünfgeschossige, wuchtige Bau steht unter Denkmalschutz: Seine expressionistische Architektur variiert das Dreick in besonderer Weise.
Eine dreieckige Form hat das Durchgangstor in der Denisgasse, dreieckig sind die zahlreichen Erker, dreieckig sind die Geschäftsportale und die Sonnenfenster des Kindergartens im Hof. Bezeichnenderweise planten den heute denkmalgeschützten Bau auch drei Architekten: Wilhelm Rumler, Anton Valentin und Viktor Reiter.
Kommunistischer Widerstandskämpfer
1926 wurde der Hof fertiggestellt. Seinen heutigen Namen erhielt er jedoch erst 1949. Damals regierte die Kommunistische Partei Österreichs KPÖ in Wien mit. Es war vermutlich der damalige kommunistische Kulturstadtrat Viktor Matejka, der die Benennung des Hofs nach einem kommunistischen Widerstandskämpfer durchsetzte. Oskar Grossmann war KPÖ-Funktionär und Journalist, der im Untergrund Flugblätter und Artikel gegen die Nazis verfasste. Er starb 1944 in Gestapo-Haft.
Katharina Erich und Bernhard Bachmann kamen vor längerem auf die Idee zu einer Hundert-Jahr-Feier. Gemeinsam mit ihm plante sie ein Fest, das die Hausgemeinschaft stärken, ihren Stolz auf das Gebäude befeuern und den Hof zur Nachbarschaft öffnen sollte. Und vielleicht, so der heimliche Wunsch, könnte dadurch auch die Sanierung beschleunigt werden.

Denn zur Zeit ist die Fassade des Grossmannhofs gar nicht zu sehen. Das Gebäude sieht aus wie eine Installation der Verpackungskünstler Christo und Jeanne-Claude. Die Verhüllung ist allerdings kein Kunstwerk, sondern das Staubschutznetz eines Baustellengerüsts, das den Hof umgibt. So, als wäre er verletzt. Und das ist auch nicht ganz falsch. Seit Jahren wird der Grossmannhof generalsaniert. Jede Stiege soll einen Lift bekommen, und in das Dach sollen zusätzliche Wohnungen gebaut werden. Auch in jenen Teil des Dachstuhls, der nun abgebrannt ist.
Aufzüge und Dachausbauten
Schon lange vor dem Brand war der Hof also eine große Baustelle. Holzstege erschließen die einzelnen Stiegen, im Hof werden gerade die Aufzugsschächte errichtet, auch innen wird das Haus gerade verarztet, Installationsrohre sind freigelegt, Schächte isoliert, Stufen und Boden voller Staub. Wo das Gebäude nicht vom Brand betroffen war, würden die Arbeiten planmäßig fortgesetzt, „auch die Errichtung der Aufzugstürme“, versichert Marianne Lackner, Pressesprecherin von Wiener Wohnen.
Wehrhaft und abweisend – so sieht das Gittertor mit seinem spitzen, zackigen Muster aus. Doch das ist der Hof ganz und gar nicht. Das Tor ist nämlich unverschlossen. Es lädt ein, hineinzugehen und nachzufragen: Wer sind die Menschen, die hier in 82 Wohnungen auf sieben Stiegen leben? Und wie geht es ihnen heute?
Besuch bei Bewohnerinnen
Ein Besuch bei Eva D. auf Stiege 7: Die zarte Frau mit tätowierten Armen öffnet ihre Türe nur einen Spalt, lässt sich dann aber auf einen Plausch mit der Journalistin ein. Der Spiegel in ihrem Vorraum ist eine Sonne, die Wand rot gestrichen, sie trägt ein gelbes T-Shirt und eine orange Hose. Seit 2008 lebt sie hier. „Ich kenn ja den Bau, mir taugt es. Die Leute sind hilfsbereit, wir nehmen gegenseitig unsere Packerl.“ 315 Euro zahlt sie für ihre rund 37 m², und sie ist froh, dass die Fenster endlich gedämmt sind.
Beim Brand war Eva D. nicht daheim. Jetzt ist sie gestresst, kürzlich hat sie ihren Hund verloren, der 80-jährige Vater ist dement, sie muss ihn an diesem Tag noch besuchen, sich um die Sozialhilfe kümmern. Ihr linkes, notdürftig bandagiertes Bein braucht dringend einen Arzt und der Lebensgefährte nervt sowieso. Er hat sich bei ihr einquartiert, zieht immer über die Häuser und will ständig Geld von ihr, das sie selbst nicht hat. Den zehn neuen Wohnungen am Dach sieht sie mit Skepsis entgegen. „Da werden Gesellschaften aufeinander prallen“, fürchtet sie.
Erinnerung an den Brand
Auch Cindy S. wohnt mit ihren zwei Söhnen auf Stiege 7. Im vierten Stock. „Ich setze große Hoffnung auf den Aufzug“, sagt sie. Seit der Mieterhöhung im April zahlt sie für ihre 71 Quadratmeter 640 Euro. Als es brannte, war sie gerade bei einer Netflix-Serie eingedöst. „Ich dachte, es liefe noch die Werbung. Und dann hörte ich ein komisches Geräusch,“ erinnert sie sich. „Jeder beschwert sich über das Haus gegenüber, aber die Leute haben geschrien und Lärm gemacht. Auch die Asylanten. Da kann man gar nichts sagen.“ Für sie hat sich viel verändert. „Mir geht das komische Geräusch nicht aus dem Kopf.“ Auch ihre zwei Kater seien seither vollkommen verschreckt.
Henry wohnt zwar nur auf 31 Quadratmeter. Es fühle sich nach viel mehr an, sagt der Student. Die Wohnung hat nämlich einen dreieckigen Erker – und Fischgrätparkett. Da musste er über die verlangte Ablöse gar nicht weiter nachdenken. „Das überzeugte mich sehr. Ich hab mich relativ schnell verliebt“, sagt er. Durch sein Erkerfenster kommt viel Sonne, sichtlich fühlen sich auch Pflanzen dort wohl, das Wohnzimmer ist geräumig und - Erkerfenster sei Dank – auch sehr hell. Als er einzog, zahlte er 350 €, jetzt sind es 450€, warm.

Foto: Isabella Marboe
Grundsätzlich finde er es sehr nett im Grossmannhof, sagt Henry. Er fügt aber gleich hinzu, dass „ich nicht so wahnsinnig integriert bin“. Es gäbe schon auch „interessante Begegnungen“ und „Persönlichkeiten, die halt dazu gehören zu diesem Gemeindebau.“ Mit seinem direkten Nachbarn käme er gut aus. Und dann wäre da noch die „sehr süße, alte Dame gegenüber, die quasi kein Deutsch spricht, aber mit Händen und Füßen konnten wir uns doch verständigen.“ Henry arbeitet auch als persönliche Assistenz, in der Brandnacht hatte er Dienst, einige Freunde hätten das Haus in den Medien erkannt und sofort ganz besorgt angerufen. Aber die Wohnung war weder vom Brand noch vom Löschwasser betroffen.
Schaden durch Löschwasser
Ganz im Gegensatz zur Wohnung von Katharina Erich. Dort hat das Löschwasser größeren Schaden angerichtet. Noch immer laufen die Trocknungsgeräte nonstop. Ein Treffen mit Erich ist deshalb nur im nahen Eissalon Leonardelli möglich.
Dort erzählt Erich, wie sie und Bernhard Bachmann mit der Planung des Geburtstagsfestes begannen: Sie gründeten einen Verein, verteilten Flugzettel, informierten, machten viele Feiern im Hof, suchten Kooperationspartner und bemühten sich um Förderungen.

Erich ist auch eine gute Fotografin. Zuerst machte sie sich auf die Pirsch nach schönen baulichen Details, dann baute sie im Hof ein improvisiertes Freiluftstudio mit zwei Stativen auf und machte von Bewohnern und Bewohnerinnen Porträts, die jede und jeden mit einer individuellen Geste charakterisieren. Einige sind in der Publikation „100 Jahre Grossmannhof & 82 Mischkulanzen“ zu sehen.
Straßenfest vor dem Hof
Die Befürchtung, dass der Brand auch das geplante Geburtstagsfest zunichte machen könnte, waren zum Glück unbegründet. Und ohnehin war von Anfang an ein Straßenfest außerhalb des Hofes, an der Ecke Denis- und Pappenheimgasse geplant. Das erweist sich nun als großes Glück. Und auch, dass „uns der Bezirk unterstützt“, sagt Erich.
Unterstützung kommt auch von engagierten Privatpersonen wie dem Schriftsteller Richard Schuberth mit seinem Wissen zu Musik, von Alois Kinast vom Aktionsradius Augarten oder vom Sänger Robert Rotifer, der vor dem Hof auftreten wird. Die Feier beginnt am 1. August um 16:00 Uhr. Bewohnerin Eva D. hat vom Geburtstagsfest schon gehört: „Ich glaub, dass ich komm.“
Veranstaltung: „100 Jahre Grossmannhof“: 1. August 14 bis 22 Uhr, 20. Bezirk, Ecke Denisgasse und Pappenheimgasse. Details hier.






