Der Abriss des Schulgebäudes Schwarzingergasse 4 steht unmittelbar bevor. Die Wasserleitung wurde bereits abgetrennt und die Bezirksvorstehung Leopoldstadt informierte auf Facebook über die zukünftige Baustellenzufahrt.
Aber warum wird der 1893 errichtete, dreistöckige Bau im Karmeliterviertel überhaupt abgebrochen?
Sanierung „nicht sinnvoll“
Zwischenbrücken stellte vor eineinhalb Monaten diese Frage der zuständigen Magistratsabteilung 56 (Schulen). „Verschiedene externe Gutachter*innen, darunter Statiker*innen und Bauphysiker*innen, haben das Gebäude Vorort überprüft“, lautete die Antwort: Deren Gutachten sowie ein Ingenieursbefund hätten einhellig „einen schlechten Gebäudezustand” festgestellt, lautete die Antwort: Die Sanierung sei „nach wirtschaftlicher Prüfung als nicht sinnvoll“ beurteilt worden.
Zwischenbrücken wollte diese Gutachten und Befund sehen und stellte mittels Informationsfreiheitsgesetz den Antrag auf Veröffentlichung. Am Dienstag, 23. Juni, kam innerhalb der gesetzlich vorgesehenen Frist die Antwort.
Gutachten wurden nicht geschickt
Gleich vorweg: Die Gutachten, auf denen laut MA 56 der Entscheid zum Abriss des Schulgebäudes basiert, hat man uns nicht geschickt. Sie bleiben geheim. Die Magistratsabteilung ließ uns allerdings eine fünfseitige Erklärung zukommen, in denen aus den Gutachten zitiert wird. Eines stammt aus dem Jahr 2006. In diesem wird offenbar lediglich festgestellt, dass einige Stahlträger rosten und die Böden in den Schulgängen nicht mehr aktuellen Belastungsnormen entsprechen.
In einem Ingenieursbefund von 2018 wurden selbst diese Probleme relativiert: Die Tragfähigkeit der Böden sei gegeben. Auch sonst ist in der Zusammenfassung der MA 56 keineswegs von „schlechtem Zustand“ die Rede. Im Gegenteil: Das Gebäude könne „aus technischer Sicht saniert werden“.

Aus Sicht der Stadt Wien ist jedoch der finanzielle Aufwand „nicht zu rechtfertigen“. Die Anforderungen an ein zeitgemäßes Schulgebäude könne „nicht im erforderlichen Umfang umgesetzt werden“. Mit dem Neubau der Schule werde Steuergeld viel zweckmäßiger und sparsamer eingesetzt, schreibt die MA 56.
Der Schönheitsfehler dabei: Es wird in nächster Zeit keinen Neubau geben. Denn die hoch verschuldete Stadt Wien hat dafür kein Geld. Im März verkündete Bildungsstadträtin Bettina Emmerling von den Neos, dass vier geplante Schulneubauten auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Darunter auch die Schwarzingergasse.
Teure Sicherungsmaßnahmen
Warum also der übereilte Abbruch, mit dem nur eine Baulücke geschaffen wird? Ein leeres Schulgebäude würde teure Erhaltungs- und Sicherungsmaßnahmen erfordern, antwortet die Magistratsabteilung. Außerdem seien die Abbrucharbeiten schon ausgeschrieben worden. Würden sie nicht durchgeführt, drohten Schadenersatzansprüche von Firmen, die sich beworben haben.
Der Abriss der Schule war auch Thema in der Bezirksvertretungssitzung am 16. Juni. Dabei wurde ein Antrag der Partei „Links“ mit Mehrheit angenommen, in dem der Erhalt der Schule gefordert wurde. Die Neos stimmten nicht zu. Neos-Bezirksrätin Elisabeth Petracs sprach in der Sitzung von gesundheitsgefährdendem Asbest im Schulgebäude. In der Antwort der MA 56 auf das IFG-Ansuchen wird Asbest jedoch mit keinem Wort erwähnt.

In der Nachbarschaft des Schulgebäudes formiert sich mittlerweile Widerstand gegen den Abbruch. Am deutlichsten formulierte das der Schriftsteller Robert Menasse im Interview mit Zwischenbrücken: Eine Baulücke statt dem Schulgebäude sei „sicher keine Verbesserung des Lebens im Grätzl“, so Menasse: „Das ist nur die Zerstörung eines wienerischen Ensembles in einer netten kleinen Gasse mit alten Pflastersteinen.“






