Robert Menasse in der Schwarzingergasse
„Den Vorzug einer Baulücke kann mir niemand erklären“: Robert Menasse vor der Schule Schwarzingergasse.
Protest im Karmeliterviertel
 „Das ist nur Zerstörung“
Der Schriftsteller Robert Menasse empört sich über den Abriss eines alten Schulgebäudes in der Leopoldstadt. Er sieht darin ein völlig veraltetes Denken der Stadtregierung.

In der Leopoldstädter Schwarzingergasse soll noch in diesem Jahr ein Schulgebäude abgerissen werden. Ursprünglich sollte auf dem Gelände eine neue Volksschule gebaut werden, aber dafür hat die Gemeinde Wien nun kein Geld. Es droht also eine jahrelange Baulücke mitten im Karmeliterviertel. 

Unverständnis in der Nachbarschaft

Der Exklusiv-Bericht auf „Zwischenbrücken“ über die Abrisspläne löste beachtlich viele und zum Teil sehr emotionale Reaktionen aus. In den sozialen Medien aber auch in der Nachbarschaft der Schule herrscht großes Unverständnis, wieso ein scheinbar intaktes Gebäude abgerissen wird, wo sich die Gemeinde Wien doch zu Nachhaltigkeit und ökologischem Handeln verpflichtet habe. 

Vor einigen Tagen meldete sich auch der Schriftsteller Robert Menasse bei Zwischenbrücken. Menasse schreibt in seinen Romanen immer wieder über Politik und über jene Menschen, die sie machen  („Die Hauptstadt“, „Die Welt von morgen“ und zuletzt „Die Lebensentscheidung“). Er lebt im Karmeliterviertel in nächster Nähe des gefährdeten Schulgebäudes und kann die Entscheidung zum Abriss absolut nicht verstehen.   

Zwischenbrücken: In Ihrer Nachbarschaft, in der Schwarzingergasse, soll demnächst ein altes Schulgebäude abgerissen werden. Warum stört Sie das? 

Robert Menasse: Es ist ein Gründerzeitbau in einem Gründerzeit Ensemble. Der hat bis vor ein paar Jahren als Schule funktioniert. Die Leitung der Schule hat das Gebäude natürlich gepflegt und in Ordnung gehalten, keine Schulverwaltung will, dass ein Schulgebäude, das genutzt wird, gleichzeitig verfällt. Deshalb ist es auch jetzt, einige wenige Jahre nach Schließung der Schule, immer noch in gutem Zustand.     

Die Stadt Wien sagt, dass das Schulgebäude nicht mehr den heutigen Anforderungen entspreche. 

Den heutigen Anforderungen an eine moderne Schule, ja, das ist wohl so. Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man adaptiert das Gebäude an die heutigen Anforderungen. Oder man baut eine neue Schule. Aber: Abreißen ohne etwas Neues zu bauen, das ist irrational. Denn das ist der Stand der Dinge: Die Schule soll abgerissen werden, aber es wird keine neue Schule gebaut.  

Angeblich gibt es schon die Genehmigungen für den Abriss. Jede Verzögerung würde nur die Kosten erhöhen. 

Die Kosten, ja. Was kostet der Abriss? Die Stadt Wien hat erklärt, dass sie derzeit kein Geld für einen Neubau der Schule hat. Aber sie hat Geld für einen Abriss. Der Abriss erzeugt also eine Baulücke. Den Vorzug einer Baulücke gegenüber einem existierenden und funktionsfähigen Gebäude kann mir niemand erklären. Man kann ja auch die Frage stellen, ob man hier wirklich eine neue Schule braucht. Der Zweite hat verhältnismäßig viele Schulen, im Gegensatz etwa zu angrenzenden 20. Bezirk. Man könnte also auch an eine andere Nutzung des Gebäudes denken, die für heutige Anforderungen und Bedürfnisse sehr einfach zu adaptieren wäre. 

Die Schule Schwarzingergasse in der Leopoldstadt
„Ein wienerisches Ensemble in einer netten kleinen Gasse mit altern Pflastersteinen“: Robert Menasse über die Schwarzingergasse. Foto: Christopher Mavrič

Argumentiert wird mit der Gefahr von Vandalismus, stünde die Schule noch länger leer. 

Seit 2024 ist das Schulgebäude geschlossen. Es gab seither keinen einzigen Fall von Vandalismus. Warum sollte der jetzt urplötzlich beginnen? Der Abriss ist Vandalismus. Die Vandalen sind diejenigen, die solche irrationalen Entscheidungen treffen. Woran die Stadt erinnert werden muss: Es setzt sich immer mehr die Erkenntnis durch, dass die Erhaltung von Bausubstanz, wo sie möglich ist,  im Sinne gebotener Nachhaltigkeit viel vernünftiger als ein Neubau ist. Das ist in Architektenkreisen schon längst Standard und das spricht sich auch in der Öffentlichkeit herum. Die SPÖ singt gerne: Mit uns zieht die neue Zeit! Aber Substanz zerstören und durch nichts zu ersetzen? Das ist die neue Zeit? Das Nichts? 

Müsste man nicht fairerweise sagen, dass das für den Abriss verantwortliche Ressort von den Neos geführt wird?

Das muss doch die Stadtregierung beschlossen haben, da ist die SPÖ der große und die Neos sind der kleine Partner. Warum soll ich mich da über die Neos ärgern? Im Gegenteil: Was soll ich mir da denken, wenn die SPÖ einen solchen Unsinn beschließt, und dann den Kritikern sagt: Regt euch bei den NEOS auf! 

Aber könnte es nicht sein, dass ein neues Schulgebäude das gesamte Grätzl bereichert und belebt? 

Es gibt ja keinen Plan für ein neues Schulgebäude. Im Gegenteil. Es gibt nur die Information: Wir haben kein Geld für einen Neubau. Aber wir haben Geld für einen Abriss? Das ist höchstens eine Belebung für die Ratten in der Schutthalde der Baulücke! Aber sicher keine Verbesserung des Lebens im Grätzl. Das ist nur die Zerstörung eines wienerischen Ensembles in einer netten kleinen Gasse mit alten Pflastersteinen.

Schule Schwarzingergasse
„Substanz zerstören und durch nichts zu ersetzen? Das ist die neue Zeit?“ Ein Klassenzimmer der Schule Schwarzingergasse. Foto: privat

Was würden Sie der Gemeinde raten? 

Sie könnte zum Beispiel über eine andere Nutzung nachdenken. Ich habe ja schon gesagt: muss es eine Schule sein? Man könnte in den großen, lichtdurchfluteten ehemaligen Klassenzimmern Künstlerateliers einrichten, oder Coworking-Spaces für Kreative und Start-Ups. Man könnte auch, wie mir Architekten versichern, mit verhältnismäßig wenig Aufwand Startwohnungen unterbringen, was überhaupt ein Desiderat wäre. Ich kann nur wiederholen: Wenn es möglich ist, Substanz zu erhalten und für neuen Nutzen zu adaptieren, dann soll man das einem Neubau vorziehen. Wenn es nicht möglich ist, soll man neu bauen. Aber abreißen, einen Bauzaun aufstellen und abwarten – das ist vollkommen unverständlich. Das befördert nur Gerüchte in unserem Grätzl. 

Was sind das für Gerüchte? 

Wenn es in ein paar Jahren noch immer kein Geld für einen Schulneubau gibt, dann wird man der Baugrund verkaufen, und man wird argumentieren: das wäre wenigstens eine Einnahme, statt der notwendigen Ausgaben, für die kein Geld da ist. Und das wäre dann eine Goldgrube für Spekulanten. Wer in der Stadt hätte Interesse an diesem Gegenteil von städtischem Gemeinnutz? Aber solche Vermutungen würde die Stadt Wien sicherlich energisch zurückweisen. 

Ein Artikel von Bernhard Odehnal
Bernhard Odehnal
Mehr über Bernhard
Herausgeber und Gründer
Kontakt