Taborstraße
Viel Verkehr, schmale Gehsteige, wenig Grün. Der derzeitige Zustand der Taborstraße soll sich nächstes Jahr verändern. Aber wie?
Neue Pläne
Umbau 2027: Chance oder Gefahr für die Taborstraße?
Wenn kommendes Jahr die Straßenbahngleise erneuert werden, soll die Einkaufsstraße insgesamt aufgewertet werden. Während manche Geschäftsleute auf ein attraktives Umfeld hoffen, fürchten andere um ihre Zukunft.

Die Baustelle vor seiner Tür hat noch nicht begonnen, doch die Erinnerungen sind bereits da. „Ich bin da ein gebranntes Kind, wissen Sie”, sagt Ivo Petricevic. Wenn der Betreiber des Herrenmode-Geschäfts „Hutter & Co” über den geplanten Umbau der Taborstraße spricht, erzählt er zuerst mal von den Geschäften, die er verloren hat.

Kundschaft ging verloren

Jahrzehntelang führte seine Familie Herrenmodegeschäfte in Wien. Mit 14 Jahren begann er im Betrieb mitzuarbeiten, später übernahm er das erste Geschäft in Simmering. „Bis zum Baubeginn der U 3 lief es recht gut“, erinnert sich Petricevic. Doch während der fünfjährigen Bauarbeiten seien die Umsätze zurückgegangen. Mit der Eröffnung der U3 seien dann andere Einkaufsmöglichkeiten näher gerückt, 2009 schloss das Geschäft. Ähnlich erging es später seinem Herrenmodegeschäft an der äußeren Mariahilfer Straße: Nach dem Ausbau einer Radverbindung und dem Wegfall von Parkplätzen habe er Kundschaft aus anderen Bezirken und aus Niederösterreich verloren.

Geblieben ist ihm das Geschäft in der Taborstraße. „So wie jetzt ist sie nicht schön, das ist klar”, findet Petricevic: „Wenn ein paar Bäume dazu kommen, dann ist das eh in Ordnung.“ Dennoch bereitet ihm die Zeit der Bauarbeiten Sorgen: „Die Baustellen dauern alle ewig lang“. Er fürchtet, dass sich die Menschen an andere Einkaufsorte gewöhnen und nicht mehr zurückkehren würden. „Dass sich die Leute verlaufen“ - so nennt er das.

Autos blockieren Tram

Die Taborstraße ist nach der Praterstraße die wichtigste Einkaufsstraße der Leopoldstadt. Aber sie hat schon bessere Zeiten gesehen. Die schmalen Gehsteige ohne Bänke und Bäume eignen sich nicht zum Flanieren. Dichter Autoverkehr in hohem Tempo macht für Fußgänger die Querung der Straße zum Hasardspiel. Links abbiegende oder einparkende Autos behindern und blockieren die oft voll besetzen Straßenbahnzüge der Linie 2. Alles in allem kein Vergnügen für alle Verkehrsteilnehmer:innen. Schon gar kein öffentlicher Raum, der zum Verweilen einlädt.

Nun gibt es eine Chance, das zu ändern. Wie an vielen Orten in Wien sind auch in der Taborstraße die Straßenbahngleise kaputt und müssen 2027 getauscht werden. Und wenn schon Baustelle, könnte ja auch gleich der gesamte Straßenraum neu gestaltet werden: Das hofft zumindest der Bezirksvorsteher. Alexander Nikolai von der SPÖ nannte schon im Wahlkampf 2025 den Umbau der Taborstraße als Projekt, das er unbedingt umsetzen wolle.

Ein Infostand zur Umgestaltung der Taborstraße.
Informationsstand der Gebietsbetreuung: Die Bürger:innenbeteiligung laufe „außerordentlich gut“. Foto: Christopher Mavrič

Von Mitte April bis Ende Juli läuft nun eine Online-Umfrage von Bezirksvorstehung und Gebietsbetreuung: Wie soll die Taborstraße in Zukunft aussehen? Was fehlt heute? Was wünschen sich Bürgerinnen und Bürger, was die Geschäftsleute? Die Beteiligung sei außerordentlich gut, sagt Roland Krebs, Leiter der Gebietsbetreuung für den 1., 2. und 20. Bezirk: „Denn dass die Taborstraße so nicht bleiben kann, darauf können sich alle einigen.“

Viel zu breite Straße

Auch Stefan Nikl wünscht sich eine konsequente Entschleunigung des Autoverkehrs in der Taborstraße. Wenn er seinen Sohn in den Kindergarten bringt, müssen die beiden die Taborstraße queren – an einer Stelle ohne Ampel oder Schutzweg. Das sei immer wieder herausfordernd: „Die Straße hat hier einen Querschnitt von rund 20 Metern, die Fahrspuren sind sehr breit und fördern aus meiner Sicht teilweise höhere Geschwindigkeiten.“ Er wünscht sich eine konsequente Entschleunigung des Verkehrs und mehr Sicherheit für Fußgängerinnen und Fußgänger.

Nikl ist Goldschmied. Er führt ein Geschäft und eine Werkstätte in der Taborstraße zwischen Lessinggasse und Am Tabor, und er ist Obmann des „Einkaufstraßenvereins Taborstraße – Karmeliterviertel“. Im Frühjahr 2025 führte Nikls Verein eine eigene Online-Umfrage zur Zukunft der Taborstraße durch. Rund 750 Personen nahmen daran teil.

Besonders häufig genannt wurden der Wunsch nach Verkehrsberuhigung, mehr Aufenthaltsqualität und zusätzlichen schattigen Zonen. Gleichzeitig zeigte sich, dass Erreichbarkeit ein wichtiges Thema bleibt – unter anderem durch den Wunsch nach ausreichend Parkmöglichkeiten. Ein durchgehender Radweg wurde von vielen Befragten kritisch gesehen. Fazit der Umfrage: „Die Taborstraße hat aus Sicht der Bevölkerung erheblichen Verbesserungsbedarf. Der Wunsch nach Qualität ist omnipräsent.“

Der Goldschmied Stefan NIkl vor seinem Geschäft in der Taborstraße, Leopoldstadt
„Man muss auch mutig sein“: Stefan Nikl führte mit dem Einkaufsstraßenverein eine eigene Umfrage durch. Foto: Christopher Mavrič

Wunsch nach Verbesserung und gleichzeitig große Angst vor Veränderung: Diese widersprüchlichen Gefühle sind bei vielen Geschäftsleuten spürbar. Die Straße selbst werde durch den Umbau vielleicht schöner, sagt Ivo Petricevic. Doch nach fast fünf Jahrzehnten im Einzelhandel habe er gelernt, dass eine geänderte Gestaltung des öffentlichen Raums oft wirtschaftliche Folgen habe. „Die Frequenz lässt leider stark nach“, fürchtet Petricevic. Ein großer Teil der Kundschaft von „Hutter & Co.“ sei älter und komme mit dem Auto. Wer nicht mehr bequem in die Einkaufsstraße gelange, fahre stattdessen in Einkaufszentren: „Und dann stirbt alles hier.“

Wünsche und Ängste

Ein paar Geschäfte weiter, im „Living Corner“, verkauft Sabine Prieschl seit 20 Jahren Wohnaccessoires und Geschenkartikel. Auch sie blickt mit Skepsis auf den Umbau, spricht gar von einer „Katastrophe“ und der Frage, wie viele Geschäfte den Umbau wohl überleben werden. „Meine Kunden jammern jetzt schon wegen der Parkplatzsituation“, sagt sie. Dass keine Stellplätze wegfallen, wäre deshalb ihr größter Wunsch. Außerdem fehle ein Fußgängerübergang: „Das wäre auch ganz wichtig.“ Regelmäßig müsse sie älteren Menschen über die Straße helfen, weil der nächste Zebrastreifen zu weit entfernt sei.

Mit diesem Widerspruch aus Wünschen und Ängsten ist auch die Gebietsbetreuung immer wieder konfrontiert. Sie hat an fünf Tagen während der Umfrageperiode Informationsstände an neuralgischen Punkten der Taborstraße aufgestellt. Unter einem Zeltdach können Passanten ihre Wünsche auf Zettel schreiben und auf eine Folie kleben. Die Wünsche sind wenig überraschend: „Mehr Bäume“ steht da, „mehr Begegnungszonen“ oder auch „sichere Querungen“. Wenn es um Autoparkplätze geht, gehen die Meinungen auseinander. Manche wollen „viel weniger“, andere „mehr“.

Gefahr bei neu gebauter Kreuzung

Neben den Wunschzetteln hängt ein weiteres Plakat mit einer Zeichnung der Taborstraße. Darauf kann man rote und grüne Punkte kleben. Grün für: „Hier halte ich mich gerne auf“. Rot für „Hier gefällt’s mir nicht“. Nahe am Schwedenplatz bekommt die Straße noch etliche grüne Punkte. Doch je mehr sie sich vom Zentrum entfernt, desto mehr rote Punkte kommen hinzu. Tiefrot ist die erst im vergangenen Jahr umgebaute Kreuzung mit der Nordbahnstraße. Links abbiegende Autos gefährden hier auf dem Schutzweg querende Fußgänger:innen und Radfahrer:innen. Das Problem ist der Bezirksvorstehung und den zuständigen Magistratsabteilungen bekannt. Eine Lösung ist nicht in Sicht.

Armen Yaralyan hätte vor seinem Geschäft am liebsten gleich eine Fußgängerzone. „Das wäre das beste hier“, ist der gebürtige Armenier überzeugt. Yaralyan führt gemeinsam mit seiner Frau Elena Dovgopol das „Schuh- und Schlüsselservice“ an der Ecke Taborstraße und Heinestraße. Aber während er am liebsten alle Autos aus der Straße verbannen würde, widerspricht seine Frau Elena: 90 Prozent ihrer Kunden kämen mit dem Auto. „Die verlieren wir, wenn hier die Parkplätze wegfallen!“

Das Geschäft Schuh- und Schlüsselservice in der Taborstraße
Er will eine Fußgängerzone, sie die Parkplätze behalten. Armen Yaralyan und Elena Dovgopol vom „Schuh- und Schlüsselservice“. Foto: Christopher Mavrič

Ideen für die Taborstraße neu werden nicht nur an den Infoständen lanciert. Die Grünen schlugen bereits im vergangenen Wahlkampf eine Begegnungszone zwischen Donaukanal und Karmeliterplatz vor. Die Radlobby lässt in ihrer Facebook-Gruppe über zwei Varianten abstimmen: Zwei Einrichtungsradwege plus Begrünung. Oder ein Zweirichtungsradweg ohne Bäume. Bei den Informationsständen der Gebietsbetreuung sieht die Mehrheit allerdings Radwege generell skeptisch. Lieber solle der Radverkehr durch parallele Gassen geführt werden. Auch in der Umfrage des Einkaufstraßenvereins von 2025 wird ein Radweg in der Taborstraße mehrheitlich abgelehnt.

Kein Kind will ins Geschäft

Zwischen Hemden, Sakkos und Anzügen zählt Ivo Petricevic bei „Hutter & Co“ seine letzten Berufsjahre. Bald will er in Pension gehen. Seine drei Kinder studieren, „keines will ins väterliche Geschäft gehen“, sagt er. Die Zukunft sieht er eher pessimistisch: Viele der kleinen Fachgeschäfte, die die Einkaufsstraßen früher geprägt hätten, seien längst verschwunden: „Ich bin mittlerweile das einzige Herrenmodegeschäft hier. Es gab Zeiten, da waren es fünf”.

Goldschmied Stefan Nikl hofft hingegen auf einen Aufschwung durch den Umbau. Für Nikl war die Taborstraße in den vergangenen Jahrzehnten „oft benachteiligt: Während Praterstern und Praterstraße bereits mehrfach umgestaltet wurden und dort viel investiert wurde, ist entlang der Taborstraße vergleichsweise wenig passiert.“ Jetzt entstehe durch den Austausch der Tramwayschienen die Chance auf etwas Neues.

Vorbild Thaliastraße

Als positives Beispiel nennt Nikl die „klimafit“ umgestaltete Thaliastraße: Begrünung, Wasserelemente und Aufenthaltsbereiche könnten auch für die Taborstraße spannende Ansätze sein. Selbst wenn dafür einzelne Parkplätze entfallen. Einzelne Abschnitte der Taborstraße würden sich künftig sogar als Begegnungszone eignen: „Man muss auch mutig sein”, sagt der Goldschmied: „Ein attraktives Umfeld stärkt langfristig die Einkaufsstraße.“

Zur Umfrage: https://www.gbstern.at/mitte/zukunft-taborstrasse/

Einkaufsstraßenverein Taborstraße und Karmeliterviertel: https://www.shopinsel02.at

Ein Artikel von Naz Küçüktekin
Naz Küçüktekin
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