Als Jugendliche schenkte Dilara Gündüz den Geschichten ihres Großvaters wenig Aufmerksamkeit. Er erzählte vom Ankommen in Österreich, von den ersten Jahren in Wien, von der Arbeit. „Ich war eher genervt“, sagt die 30-Jährige heute. „Es war halt mein Großvater, der erzählt hat.“ Als sie 17 Jahre alt war, starb er. Nach seinem Tod begann Gündüz, diese Erinnerungen anders zu betrachten.
Kein eigenes Bett
Ihr Großvater kam 1971 aus der türkischen Provinz Ankara nach Österreich, zunächst allein. „Eine Sache, die er oft erzählt hat, war, dass er anfangs nicht mal ein eigenes Bett hatte“, erinnert sich Gündüz. „Er teilte es sich mit jemand anderem und sie wechselten sich je nach Arbeitsschicht beim Schlafen ab.“
Später zog die Familie nach. Gündüz bezeichnet sich selbst als dritte Gastarbeitergeneration. Die Geschichte ihrer Familie habe sie aber erst spät in einen größeren Zusammenhang eingeordnet.
Während ihres Soziologiestudiums begann sie, sich mit Arbeitsmigration und der Geschichte der Gastarbeiter:innen in Österreich zu beschäftigen. Dabei spürte sie auch erstmals viel Reue, den Großvater nicht mehr gefragt zu haben. Daraus entstand die Idee, Gespräche mit jenen zu führen, die noch selbst erzählen können. Und die Idee wurde für Gündüz zu einer Mission: „Ich will die Geschichten von Personen, die noch leben, festhalten. Damit sie nicht verloren gehen.“
20 Portraits in Wort und Bild
2024 setzte sie das Vorhaben um. Zum 60. Jahrestag des Anwerbeabkommens zwischen Österreich und der Türkei, welcher die Rahmenbedingungen für die Arbeitsmigration bildetet, entstand die Ausstellung Es kamen Menschen an. Gündüz porträtierte dafür 20 ehemalige Gastarbeiter:innen und führte ausführliche Gespräche mit ihnen.
In den Gesprächen ging es um körperlich harte Arbeit, gesundheitliche Folgen, jahrelange Trennungen von Familien. Manche Männer und Frauen hatten während des Interviews Tränen in den Augen, sagt Dilara Gündüz. Die Situationen seien auch für sie belastend und sehr emotional gewesen: „Oft habe ich nach den Gesprächen geweint.“
Niemand hat sich interessiert
Eine Begegnung ist ihr besonders in Erinnerung geblieben. Die Ehefrau eines Interviewpartners hatte angekündigt, ihr Mann werde wahrscheinlich wenig sagen. Dann sprach er fast das gesamte Treffen lang. „Seine Augen haben geleuchtet“, sagt Gündüz. „Ich glaube schon, dass es etwas mit einem macht, wenn sich jemand dafür interessiert, was du erlebt hast.“
Ein zentrales Anliegen der Ausstellung sei, den Blick auf individuelle Biografien zu lenken. „Mich stört, dass immer im Kollektiven über sie gesprochen wird“, sagt Gündüz. „Einzelne Personen haben unterschiedliche Gründe gehabt, nach Österreich zu kommen. Unterschiedliche Träume und unterschiedliche Schmerzen.“ Der Titel Es kamen Menschen ansei deshalb gewählt. Er bezieht sich auf ein Zitat des Schweizer Schriftstellers Max Frisch aus den 1960er Jahren : „Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen”. Diesen Satz wiederum verarbeitete 1984 der türkische Rockmusiker Cem Karaca zu seinem auf Deutsch gesungenen Lied „Es kamen Menschen an“.
Die fehlende Präsenz dieser Geschichte im öffentlichen Bewusstsein sieht Gündüz auch als Bildungsproblem. „Für mich hat das im Geschichtsunterricht gefehlt“, sagt sie. „Ich finde es sehr wichtig zu wissen, wer das Land nach dem Zweiten Weltkrieg mitaufgebaut hat.“ Dass Arbeitsmigration politisch gewollt war und Menschen gezielt angeworben wurden, komme kaum vor.
Ausstellung in Favoriten
Dass die Ausstellung nun von 2. bis 18. Juni an der Pädagogischen Hochschule in Wien Favoriten gezeigt wird, findet sie deshalb passend. Dort werden angehende Lehrer:innen ausgebildet. „Ich glaube, da ist es gut, wenn Lehrerinnen ein bisschen ein Feingefühl dafür haben, was die Schüler:innen vielleicht beschäftigt.“ Im Sommer wandert die Ausstellung dann in die Hauptbibliothek beim Urban-Loritz-Platz.
Dilara Gündüz gibt selbst Workshops an Schulen, in denen sie über Gastarbeit, Identität und Zugehörigkeit spricht. Vor allem Jugendliche mit familiärer Migrationsgeschichte reagierten stark auf das Thema. Gleichzeitig gehe es ihr nicht nur um diese Gruppe. Auch Jugendliche ohne direkten Bezug sollten verstehen, welche Erfahrungen andere in ihrer Klasse mitbringen.
Aufgewachsen im 20. Bezirk
Die Arbeit an der Ausstellung hat für sie auch den Blick auf den eigenen Bezirk verändert. Gündüz ist in Brigittenau aufgewachsen, ihre Familie lebt seit Jahrzehnten im 20. Bezirk. „Ich bin durch und durch Brigittenauerin“, sagt sie. Wenn sie heute ältere Menschen im Grätzel sieht, denke sie oft an die Geschichten, die hinter diesen Biografien stehen.
„Es kamen Menschen an“. Ausstellung in der Pädagogischen Hochschule Wien, Haus 1, 10. Bezirk, Ettenreichgasse 45a. Weitere Infos hier.








