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Spurensuche

Emil – ein Kind aus der Wiener Bronx

Emil Huk wuchs in der bitterarmen Brigittenau auf, wurde Kommunist, kämpfte gegen Faschismus und NS-Regime. Ernst Strouhal erzählt nun die Geschichte seines Vaters.

Ernst Strouhal, Brigittenauer Lände
Früher hatten die Wohnungen das Klo am Gang, heute werden sie über Airbnb vermietet: Ernst Strouhal in jenem Haus, in dem sein Vater in der Brigittenau aufwuchs.

Hier muss die Wohnung gewesen sein. Oder war sie doch noch einen Halbstock höher? Ernst Strouhal blickt sich unsicher um. Es hat sich doch einiges verändert in dem Zinshaus, seit er hier seine Großmutter besuchte. Die Klos am Gang sind verschwunden. Neue Türen zeigen, dass Wohnungen zusammengelegt wurden. Schlüsselsafes lassen Kurzzeitvermietungen vermuten.

Demonstrationen für Brot und Mehl

Brigittenauer Lände 26, das war die Adresse, an der die Großeltern des Buchautors und Publizisten Ernst Strouhal lebten und an der sein 1911 geborener Vater Emil Huk aufwuchs. Nun hat Strouhal dessen Geschichte niedergeschrieben:

„Emil – auf dem Weg durch das kurze 20. Jahrhundert“ heißt die Biographie, die in diesen Tagen im Czernin-Verlag erscheint. Strouhal schildert das Leben eines Mannes aus der Unterschicht, der früh politische aktiv wurde, Widerstand gegen Faschismus und Nationalsozialismus leistete, enorme Bildung erwarb und über lange Zeit der Gedankenwelt Lenins verbunden war.

Emil Huk war ein Kind der Brigittenau. Vater und Mutter kamen aus dem böhmischen Teil der Monarchie und konnten sich in Wien eine bescheidene Existenz in einem der ärmsten Bezirke der Stadt aufbauen. Emil erlebte als Kind das Elend im Ersten Weltkrieg und die Demonstrationen hungriger Frauen, die Brot und Mehl für ihre Familien verlangten, aber von der Polizei vertrieben wurden.

Jugendbanden am Donaukanal

Die heute für den Autoverkehr breit ausgebaute und extrem laute Brigittenauer Lände war damals eine Straße mit Kopfsteinpflaster und kaum Verkehr. Ungefährlich war sie freilich nicht. Die unterbeschäftigen und ausgehungerten Jugendlichen schlossen sich zu Banden zusammen, schildert Strouhal im Buch, und raubten mitunter ahnungslose Passanten und Spaziergänger aus. Mit den Banden auf der anderen Seite des Donaukanals gab es immer wieder Auseinandersetzungen: Man beschoss sich über das Wasser hinweg mit Steinschleudern.

In die Volksschule ging Emil gleich in der Nähe seiner Wohnung, in der Treustraße Nummer 9. Es gibt ein Foto von ihm im Kreis von Klassenkameraden. Die meisten von ihnen sind barfuß, nur Emil trägt Schuhe.

Emil Huk auf einem Foto, das in der Volksschule in der Brigittenau, Treustraße 9, aufgenommen wurde.
Ein beschädigtes Foto zeigt Emil Huk als Volksschüler (zweiter von rechts). Schuhe waren damals für Brigittenauer Kinder ein Luxus. Foto: privat

Was Emil viel später aus dem ersten Schuljahr erzählte, erinnert an Verhältnisse in heutigen „Brennpunktschulen“. Bloß die Sprachen und Herkunftsländer sind heute andere. So schildert Emil die Verhältnisse in einer Brigittenauer Volksschule 1916: „In der ersten Klasse waren alle Sprachen der Monarchie vertreten, die Schüler waren Großteils aus tschechischen Familien, es gab aber auch polnische Flüchtlinge, die nur Polnisch oder Jiddisch konnten, und ungarische Kinder. Die Kinder aus Wien haben einen wüsten Wiener Dialekt gesprochen, und die Lehrerin hat sich irgendwie in allen Sprachen verständigen müssen. Ich war der Jüngste, aber dort waren schon Buben mit zwölf, dreizehn Jahren. Wo sie hergekommen sind, hat es keine richtige Schulpflicht gegeben, und als sie in die erste Klasse eingetreten sind, waren sie richtige ‚Strawanzer‘ – was die Lehrerin mitgemacht hat, war schrecklich.“

Zweiter Bildungsweg im Roten Wien

Die Schule in der Treustraße 9 heißt heute „Schulzentrum 20“ und hat Fachbereiche für Inklusion, Diversität und Sonderpädagogik. „Jeder unserer Schüler*Innen ist für uns etwas Besonderes und soll entsprechend seiner Voraussetzungen und Bedürfnisse bestmöglich gefördert werden“, verspricht die Homepage der Schule.

Damals habe es für Emil nur ein Ziel gegeben, erzählt Strouhal: überleben, sich bilden und kämpfen. „Die Brigittenau, das war die Bronx von Wien.“ Doch das Rote Wien bot Möglichkeiten, dem Elend zu entkommen. Und Emil nutzte sie: Er saß tagelang in der Bücherei im Winarskyhof, er besuchte Vorträge in Volkshochschulen, Kultur- und Diskussionsveranstaltungen der Gewerkschaft, Turnvereine. Wien sei damals ein „gigantischer von der SP errichteter Staat im Staat“ gewesen mit einem fantastischen Angebot, so erinnert sich Emil später: „Hunderttausende waren beteiligt.“

Enttäuschung über Sozialdemokratie

Im Jänner 1927 wurden bei einer sozialdemokratischen Kundgebung ein Kind und ein Invalide im burgenländischen Schattendorf von rechten Paramilitärs erschossen. Im Juli wurden die Täter in Wien freigesprochen, worauf empörte Demonstranten den Justizpalast in Brand setzten, 84 Demonstanten wurden durch Polizeischützen getötet. Weil die Führung der SP jedoch passiv blieb, brach Emil wie viele mit der Sozialdemokratie und schloss sich den Kommunisten an.

Wie er im Austrofaschismus im Anhaltelager Wöllersdorf landete und überlebte, wie er danach in der illegalen KPÖ zum Kader aufstieg, im Widerstand aktiv wurde, nach Frankreich und dann in die Schweiz fliehen konnte, dort seine spätere Frau aus einer großbürgerlichen Wiener Familie kennenlernte, wie er zurückkehrte und schließlich mit dem Kommunismus sowjetischer Prägung brach – das soll hier nicht weiter geschildert werden. Das steht alles in diesem sehr lesenswerten Buch.

Emil Huk auf einem Foto aus dem Jahr 1945.
Emil Huk kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs. In der illegalen KPÖ war er zum Kader aufgestiegen. Foto: privat

Er habe das Projekt lange vor sich hergeschoben, erzählt Ernst Strouhal. Zuerst arbeitete er die Geschichte seiner Mutter und deren Familie im Buch „Vier Schwestern“ auf. Das sei „viel einfacher“ gewesen. Denn Emil war zwar ein guter Erzähler und marxistisch geschulter Diskutant. Aber über sich selbst, seine Zweifel und seine Gefühle hat er kaum etwas erzählt. „Das war von dieser Generation nicht zu haben“, sagt Strouhal.

Unbekannter Vater

Der ehemalige Widerstandskämpfer gab in den 1980er Jahren allerdings dem Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands (DÖW) ein langes Interview über sein Leben. Strouhal las das Transkript und hörte das gesamte Gespräch an: „Ich habe seine Stimme, das war erstaunlich und nicht ganz einfach für mich, am Anfang nicht mehr erkannt.“ Er sei während der Recherche Emil natürlich viel näher gekommen, aber gleichzeitig sei ihm Emil auch fremd geworden, sagt Strouhal: „Ich habe ihn nur in einem Ausschnitt seines Lebens gut gekannt.“

Nach dem Krieg zog Emil mit Familie nach Kaisermühlen, in den Goethehof. Emils Mutter blieb aber in der kleinen Wohnung in der Brigittenauer Lände 26. Der kleine Ernst kam dort oft zu Besuch. Die Brigittenau, erzählt Strouhal heute, „das war damals für mich die Großmutter, ein Germknödel mit Mohn am Samstag und fünf Schillinge beim Weggehen, wenn ich, schmalpickt wie ich war, brav aufgegessen hatte. Erst in den letzten Jahren habe ich den Zwanzigsten als lebendigen Bezirk wieder entdeckt. Ich strawanze gern hier herum.“

Ernst Strouhal: „Emil - auf dem Weg durch das kurze 20. Jahrhundert“, Czernin Verlag 2026. Das Buch wird am 15. Oktober um 19 Uhr im Rundpunkt 11 am Gaußplatz 11 präsentiert. Über sein Buch und seinen Vater spricht Ernst Strouhal mit Zwischenbrücken-Herausgeber Bernhard Odehnal

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    Ein Artikel von Bernhard Odehnal
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