Nach der Schlacht
Ein verlorener Krieg – und seine Spuren in der Brigittenau

Sachsen und Hannoveraner kämpften im Sommer 1866 an Österreichs Seite gegen Preußen. Bis heute erinnern Straßennamen im 20. Bezirk an dieses Bündnis – und die Katastrophe von Königgrätz.

Laiendarsteller bei einer Nachstellung der Schlacht bei Königgrätz
Österreichische Infanterie marschiert: Jedes Jahr spielen Laiendarsteller in Hradec Králove die Schlacht bei Königgrätz nach. Zum 160. Jahrestag wird der Aufmarsch heuer besonders groß.

Knapp 600 Meter ist der Sachsenplatz vom Hannovermarkt entfernt. Der Weg führt durch das Herz der Brigittenau, durch schmale Gassen, vorbei an grauen Gründerzeithäusern. Wer hier geht, kann sich kaum vorstellen, dass vor 160 Jahren im Auwald die Reste einer geschlagenen Armee lagerten: erschöpfte Soldaten, die vom böhmischen Schlachtfeld gekommen waren.

Machtkampf mit Preußen

Dort, nahe der Stadt Königgrätz (dem heutigen Hradec Králove) hatten nicht nur die Österreicher gegen die preußischen Truppen eine verheerende Niederlage erlitten, sondern auch ihre deutschen Verbündeten. Sachsenplatz, Sachsenpark, Hannovergasse und Hannovermarkt erinnern bis heute an dieses Bündnis, das den Beteiligten so gar kein Glück brachte.

Katastrophal war die Niederlage auch für den damals erst 36-jährigen österreichischen Kaiser Franz Josef. Wären damals schon Beliebtheitswerte ermittelt worden, so hätte der Herrscher wohl gar nicht gut abgeschnitten. Denn mit dem Desaster in Königgrätz wurde Österreich nach knapp einem Jahrtausend gemeinsamer Geschichte aus Deutschland hinausgedrängt. Der Machtkampf mit Preußen um die Vorherrschaft war endgültig verloren.

Unbeliebter Kaiser

Als Franz Josef in jenen Tagen von Schönbrunn in Richtung Hofburg fuhr, blieben Passanten am Straßenrand stehen. Dem Kaiser zuzujubeln gab es keinen Grund, ganz im Gegenteil. Jemand aus der Menge rief laut und deutlich: „Vivat Maximilian!“ Man kann erahnen, wie sich Franz Josef in jenem Moment gefühlt haben muss, denn die Botschaft, die in diesen Worten lag, war klar: Viele wünschten sich seinen jüngeren Bruder Maximilian an die Spitze des Staates, ihn, der immer schon der Beliebtere gewesen war.

Von dieser kleinen Episode berichtete ein Mann, der damals mit dem Kaiser in der Kutsche saß, Friedrich Ferdinand von Beust. Auch sein Leben hatte sich durch die Niederlage von Königgrätz vollkommen verändert, denn Beust war bis dahin der Regierungschef Sachsens gewesen.

Wenige Jahre nach der militärischen Niederlage wurde in Wien ein Platz nach den sächsischen Verbündeten benannt. Foto: Bernhard Odehnal

Sein König, Johann von Sachsen, war Österreichs wichtigster Verbündeter, fürchtete er doch, bei einem Sieg Preußens vollends unter dessen Herrschaft zu geraten. Bei Kriegsausbruch im Juni 1866 floh er gemeinsam mit Beust nach Böhmen, also auf Habsburgisches Territorium.

Flucht aus Sachsen

Über verstopfte Landstraßen bahnten sie sich den Weg in Richtung Süden, überall waren österreichische Militärtransporte unterwegs, Munitionswagen und Truppen, die dem Feind entgegenmarschierten. Am 3. Juli, dem Tag von Königgrätz, erreichte Beust mit seinem König Brünn, wo sie den Zug nach Wien bestiegen. Noch wussten sie nichts über den Ausgang der Schlacht, noch bestand Hoffnung.

In den frühen Morgenstunden des 4. Juli erreichten sie die österreichische Hauptstadt, wo Franz Josef sie am Nordbahnhof erwartete. Beust erinnerte sich: „In später Nachtzeit … kamen wir in Wien an, wo ein tieferschütternder Augenblick unserer harrte. Der Bahnhof hell erleuchtet, reich mit Blumen geschmückt, und auf dem Perron der Kaiser, in strammer militärischer Haltung – aber weiss wie seine Uniform. – Mit der verlorenen Schlacht musste er den König begrüssen!“

Von Königgrätz ins Brigittenauer Grätzl

Kurz nach ihrer Ankunft trafen auch schon die ersten Verwundetentransporte in Wien ein und bald darauf die geschlagenen österreichischen und sächsischen Truppen, die Seite an Seite gekämpft hatten. Letztere schlugen in der Brigittenau ihre Lager auf. Dreißig von ihnen erlagen in Wiener Lazaretten ihren Verwundungen, ihnen wurde später am Zentralfriedhof ein Grabmal gesetzt mit der Inschrift „Sachsens tapferen Soehnen – Das Vaterland 1866“.

Beim 3. Tor am Wiener Zentralfriedhof wird den „tapferen Söhnen Sachsens“ gedacht. Foto: Bernhard Odehnal

In den 1870er Jahren wurden in Wien mehrere Verkehrsflächen nach den ehemaligen Verbündeten benannt: Neben dem Sachsenplatz und dem Sachsenpark in der Brigittenau auch die Sachsengasse in Ober St. Veit (die heutige Testarellogasse).

Allerdings darf man nicht vorschnell alles Sächsische mit Königgrätz in Verbindung bringen: Die Benennung der Dresdner Straße war lediglich eine freundliche Reaktion darauf, dass man kurz zuvor in der sächsischen Hauptstadt eine Wiener Straße geschaffen hatte. Die Leipziger Straße und der Leipziger Platz erinnern zwar sehr wohl an einen Krieg, allerdings an einen weit zurückliegenden: In der Völkerschlacht bei Leipzig war Napoleon 1813 besiegt worden (damals standen die Sachsen als dessen Verbündete übrigens auf der gegnerischen Seite).

Königshaus Hannover greift ein

Auch die Hannovergasse und der nach ihr benannten Hannovermarkt erinnern an den Krieg von 1866, nicht jedoch an die norddeutsche Stadt. Mit dem Gassennamen wird das ehemalige Königshaus Hannover geehrt, das in der Auseinandersetzung mit Preußen ebenfalls Österreich unterstützte.

Der blinde König Georg V. von Hannover war bereits seit Längerem unter enormen politischen Druck durch Preußen geraten, er wusste nur zu gut, dass der aggressive Nachbar sich sein Land einverleiben wollte. Er setzte daher auf Österreich und schickte seine Armee gegen den gemeinsamen Feind ins Feld. Nach einem anfänglichen und überraschenden Sieg bei Langensalza am 26. Juni 1866, waren seine Truppen jedoch erschöpft. Georgs Generäle baten ihn händeringend, zu kapitulieren. Er sträubte sich, denn noch hatte er die Hoffnung, dass die Österreicher und die Sachsen Preußen doch noch schlagen könnten - aber dann kam die Katastrophe von Königgrätz.

Auch der Hannovermarkt erhielt seinen heutigen Namen erst nach 1870. Foto: Christopher Mavrič

Georg schrieb damals an seine Frau, dass „… ich um meine Existenz kämpfe, und mit mir der Kaiser von Österreich, die übrigen Deutschen Monarchen … und dass es vor allem unsere Aufgabe sey, den Kampf gegen den Preußischen Usurpator niemals aufzugeben“. Doch gegen Bismarck kam der König nicht an. Er musste Hannover verlassen, das zwei Monate später – so wie er es befürchtet hatte – von Preußen annektiert wurde.

Hoffen auf den Bündnispartner

Georg war nun, wie er selbst schrieb, ein „länderloser Flüchtling, angewiesen auf die Gastfreundschaft verwandter und befreundeter Fürsten“. Am 24. Juli kam er mit seinem Sohn Ernst August in Wien an, der Stadt Franz Josefs, „… meinem ersten und mächtigsten Verbündeten, um so mehr…, weil… er mir versprochen hat, wenn ich in dem Krieg Unglück hätte und mein Land verlassen müßte, er mich später mit Gottes Hülfe im Triumph in meine Staaten und Hauptstadt zurückführen würde.“

Georg war überzeugt von der Sendung seines Hauses und fest entschlossen, sein Erbe nicht den verhassten Preußen zu überlassen, die er „schuftiges Gesindel“ nannte, „welches weder Treue noch Glauben kennt“. Er rechnete fest mit Franz Josefs Unterstützung – und wurde bitter enttäuscht.

„Piepmeyer und Schaafsköpfe“

Zu groß wurde der preußische Druck auf Franz Josef: Nicht nur wurde Österreich gezwungen, aus dem Deutschen Bund auszutreten und 20 Millionen Taler Kriegsentschädigung zu zahlen, es musste sich auch aller weiteren Einmischung in deutsche Angelegenheiten enthalten. Das hieß im Klartext: Wenn Franz Josef nach der Niederlage von Königgrätz nicht gleich einen neuen Krieg gegen Preußen führen wollte, musste er aufhören, weiterhin als Schutzmacht Hannovers aufzutreten.

Georg war verständlicherweise wütend. In einem vertraulichen Brief schrieb er über die Berater Franz Josefs: „… eine größere Sammlung von Piepmeyern und Schaafsköpfen, wie hier in Wien vereinigt sind, dürfte kaum wo anders zu finden seyn.“ Einen „faulen Frieden“ nannte er es, dem sein Land nun geopfert wurde. Franz Josef vermerkte am 28. Juli übrigens nüchtern (und vielleicht sogar ein wenig erleichtert): „Was die Preußen im übrigen Deutschland machen und was sie stehlen werden, weiß ich nicht, geht uns auch weiter nichts an.“

Politische Karriere in Wien

König Georg sah Hannover nie wieder, er starb 1878 in Paris. König Johann von Sachsen hingegen konnte in seine Heimat zurückkehren, nachdem er notgedrungen die Vorherrschaft Preußens in Deutschland anerkannt hatte. Auf diese Weise blieb sein Land – im Gegensatz zu Hannover - zumindest formell als souveränes Territorium erhalten.

Friedrich Ferdinand von Beust blieb in Wien, denn Bismarck weigerte sich, seinen politischen Gegenspieler weiterhin als sächsisches Regierungsmitglied zu tolerieren. Kaiser Franz Josef hingegen fühlte sich seinem treuen Parteigänger verpflichtet, machte ihn noch im Herbst 1866 zum österreichischen Außenminister und kurz darauf sogar zum Ministerpräsidenten.

Gemälde von der Schlacht bei Königgrätz, 1866
Die Schlacht bei Königgrätz 1866 in einer zeitgenössischen Lithographie von Heinrich Gerhart.

Von den erwähnten Verkehrsflächen abgesehen, lebt die Erinnerung an Königgrätz auch in anderer Form weiter. Alljährlich (und heuer in besonders großem Stil) gedenkt man bei Hradec Králove der Schlacht mit Reenactments, Feldmesse, Fahnenweihe und Militärmusik. Auch im Sprachgebrauch finden sich Reminiszenzen an die Niederlage von 1866.

Die Piefkes treten auf

Das Brüderpaar Johann Gottfried und Rudolf Piefke – beide Kapellmeister in der preußischen Armee – sorgten mit ihrem zackigen Auftreten bei der Siegesparade im niederösterreichischen Gänserndorf verständlicherweise für wenig Sympathien unter den einheimischen Schaulustigen. Als abfällige Bezeichnung für Norddeutsche im Allgemeinen und Preußen im Besonderen ist ihr Name bis heute gebräuchlich.

Auch das geflügelte Wort „So schnell schießen die Preußen nicht“ wird gern mit Königgrätz in Verbindung gebracht: Die österreichischen Militärbehörden – so die Legende – wussten zwar, dass die fortschrittlichen preußischen Zündnadelgewehre eine viel höhere Feuerrate hatten als die altmodischen österreichischen Perkussionsgewehre, gaben sich jedoch der Hoffnung hin, dass alles schon nicht so schlimm sein werde.

Preußen schießen doch nicht schnell

So bekannt diese Geschichte ist, so ist sie doch falsch. Der Ausdruck stammt (höchstwahrscheinlich) bereits aus dem 18. Jahrhundert, als preußische Militärgerichte vergleichsweise milde Strafen über erwischte Deserteure verhängten, diese also nicht sofort erschießen ließen, sondern nur schwer verprügeln. Das ist allerdings nicht als Akt der Humanität misszuverstehen, sondern entsprang nüchterner Vernunft: Soldaten waren schließlich teuer. Nachdem man sie wieder aufgepäppelt hatte, konnte man sie abermals ins Feld schicken.

Ein Artikel von Georg Hamann
Georg Hamann
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