Am 29. August ist es wieder so weit: Gegen 17 Uhr werden 300 Menschen bei der Strandbar Herrmann in den Donaukanal steigen und sich mit der Strömung hinunter bis zur Rotundenbrücke treiben lassen. Die „Schwimmparade“ findet dieses Jahr zum dritten Mal statt, größer und festlicher als in den Jahren zuvor. Damit möchte der Veranstalter, der Schwimmverein Donaukanal, den mitten durch Wien fließenden Kanal zum Bestandteil der Freizeit und des Sports in der Stadt machen – „so wie früher üblich“.
Fünf Badeschiffe im Kanal
„Wie früher üblich“? Tatsächlich war es für Wiener und Wienerinnen bis vor rund 90 Jahren selbstverständlich, im Donaukanal baden zu gehen. Zwischen Nußdorf und Erdberg lagen mehrere städtische Strombäder im Wasser.
Diese Bäder waren rund 60 Meter lange, am Ufer fest verankerte Flöße. Am Rand hatten diese Flöße hölzerne Umkleidekabinen und in der Mitte zwei Becken, jeweils rund 15 Meter lang. Männer und Frauen mussten damals noch getrennt baden. Durch die Becken floss der Kanal. Allerdings strömte das Wasser dabei durch Gitterkörbe, die Müll und größere Gegenstände wie Äste abfingen.

Die ersten zwei Strombäder wurden 1904 eröffnet, nachdem die Kanalisation in Wien deutlich verbessert worden war und die Abwässer nicht mehr in den Kanal geleitet wurden. Ein Badefloß lag beim Döblinger Ufer nahe der Nußdorfer Schleuse, das zweite bei der Rotundenbrücke. Später kamen drei weitere hinzu: bei der Augartenbrücke, bei der Stadionbrücke und bei der Eisenbahnbrücke der heutigen S-Bahn.
Schwimmen in der Mittagspause
Das Floß an der Rotundenbrücke wurde 2021 stromaufwärts gezogen und zwischen der Schwedenbrücke (die damals noch Ferdinandsbrücke hieß) und der Aspernbrücke verankert. Dort wurde es um einen Vorplatz auf der Kaimauer erweitert - zu einem „Strom-, Sonnen- und Luftbad“. Da es nahe dem Stadtzentrum lag, sei es an heißen Tagen besonders während der Mittagspause der Büros zwischen 12 und 14 Uhr frequentiert worden, heißt es im Begleittext eines Fotos des bekannten Sportfotografen Lothar Rübelt aus den 1920er Jahren.

Auch auf noch älteren Fotos sieht man lange Menschenschlangen vor den Kassen der Strombäder anstehen. Schwimmen waren offenbar ein sehr beliebtes Freizeitvergnügen. Durch die zahlreichen Bäder entlang der Alten Donau und des Donaukanals sowie die neuen Freibäder „hatte Wien am Ende der 1920er-Jahre international den Ruf als ‚Stadt der Bäder‘“, erklärt ein Artikel über die Strombäder auf der Webseite des Wien Museums. Sogar Eisbaden war offenbar damals schon en vogue: Ein Strombad blieb während des Winters geöffnet.
Freibäder statt Badeschiffe
Während der Kämpfe um Wien in den letzten Kriegstagen 1945 wurden nicht nur die Brücken, sondern auch alle Strombäder im Donaukanal zerstört. Damit riss die Geschichte des Kanalbadens abrupt ab. In der Nachkriegszeit wurden zwar in der Stadt neue Freibäder wie jenes am Laaerberg gebaut. Im Kanalwasser zu schwimmen, galt im Wien bis weit nach der Jahrtausendwende hingegen als verpönt.
Die Tradition der Strombäder geriet damit in Vergessenheit. Sie wurde erst 2006 mit dem Badeschiff bei der Urania wieder aufgenommen. Allerdings badet man in dem umgebauten Frachtkahn nicht im Kanalwasser, sondern in einem Pool.
Badeplattform ohne Genehmigung
Dieses Jahr gab es einen neuen Anlauf: Ein Stadtplaner und ein Architekt entwarfen für die Klima-Biennale ein Mini-Strombad. Ihr Projekt namens „Strøm“ wurde zwar von der Wirtschaftsagentur Wien gefördert, konnte aber nie ins Wasser gelassen werden; Die zuständigen Magistratsabteilungen verweigerten die Genehmigung. Jetzt liegt die gelbe Plattform in einer aufgelassenen Busgarage im Nordwestbahnhof im Trockenen. Das Becken misst allerdings nur rund 5 x 2 Meter – und wäre zum Schwimmen ohnehin viel zu klein.







