Der Stromkilometer 1923,7: Der ist dort, wo sich das Wasser der Donau langsam anschickt, „Zwischenbrücken“ hinter sich zu lassen. Stadtkundige wissen: am rechten Donauufer ist das zwischen der Pizzeria „Va Bene“ und der Friedenspagode.
Die Donau im Blick
Der Stromkilometer 1923,7 hat seine eigene Adresse: 1020 Wien, Hafenzufahrtsstraße 17. Diese bewohnt ein älterer Herr, einer, der ähnlich und doch viel interessanter aussieht als der Käptn Iglo in der Fernsehwerbung. Der reale Käptn ankert hier seit Jahren mit seinen musealen Schiffen. An diesem Montagnachmittag sitzt er auf seinem Holzbankerl am Kai und hat von dort die Donau im Blick.
Man darf sich gerne zu ihm gesellen und man kann ihn fragen: Zu seinen Schulden für die Bergung des im Frühjahr auf mysteriöse Weise gesunkenen historischen Passagierschiffs „Ana“. Oder über seinen Kampf mit der Wasserstraßen GmbH „viadonau“, die seinen Pachtvertrag nicht verlängern will.
Man kann ihm aber auch andere Fragen stellen - zum Beispiel über sein Leben.

Franz Scheriau, am Beginn der 1950er-Jahre in Leoben an der Mur geboren, hat sein Kapitänspatent in Panama gemacht. „Nicht gekauft, sondern redlich erworben“, wie er betont. Schon sind wir mitten drinnen in seiner schnell dahinfließenden Lebenserzählung, die nicht bis ins Detail nachgeprüft wird, auch, um die teils malerischen Bilder, die im Kopf entstehen, nicht zu zerkratzen.
In der Badewanne auf der Mur
Die obersteirische Kleinstadt Leoben liegt bekanntlich nicht am Meer. Aber an der Mur, wie Franz Scheriau berechtigt einwirft. Dort habe er seine ersten Erfahrungen auf dem Wasser gemacht. Die da waren: Mit einer Badewanne auf (!) dem Wasser kommt man nicht sehr weit, eine Badewanne kann man auch in einem Binnengewässer ziemlich schnell versenken.
Mit 14 weiß er immerhin, dass er nicht Pilot in einem Flugzeug, sondern Kapitän auf einem Schiff werden möchte. Mit vierzehneinhalb weiß er, dass ihm die Donau „zu klein“ ist. Die Fahrt auf einem Schiff der DDSG ans Schwarze Meer sei zwar „ganz nett“ gewesen, aber irgendwie zu kurz.
Vom Schiffsjungen zum Matrosen
Mit noch nicht einmal 15 heuert Franz Scheriau in Bremerhaven bei der Reederei Norddeutsche Hochseefischerei an. Ein Fehler, wie er heute weiß. Man fährt bei seinem ersten Einsatz im Februar 1966 mit dem Fischdampfer bis 30 Meilen vor Grönland, um dort „bei 21 Grad unter Null und Windstärke 6“ die Fische mit der Hand aus dem Meer zu ziehen und zu zerlegen. Mit an Bord: „Raufer und Säufer“.
Nach dem Einlaufen in Bremerhaven sucht der Steirerbua schnellstmöglich das Weite und landet beim Norddeutschen Lloyd. Auf einem Kreuzfahrtschiff mit Hunderten Passagieren und fast ebenso vielen Menschen Besatzung macht er seinen beruflichen Weg vom Schiffsjungen zum Matrosen. Geografisch bewegt er sich dabei drei Jahre lang zwischen New York und der Karibik. Schon schön, allerdings: „Amerikanische Touristen sind noch lästiger als die Fisch’.“
„Öl redet nicht zurück“
Danach folgen weitere drei Jahre, in denen er das besagte Kapitänspatent in Panama erwirbt. Als erster Offizier auf der MS Bremen wird er jedoch auch nicht alt, weil, ganz ehrlich: „Diese Touristen!“ Also, die MS Bremen ist für ihn weit entfernt von einem Fernsehtraumschiff.
Wann genau war das? Er weiß es nicht mehr. Aber wenn die Geschichte so stimmt, dann kauft sich Franz Scheriau dann einen Tanker, mit dem er 12.000 Tonnen Öl transportieren kann. In seiner Erinnerung klingt das so: „Öl ist viel ruhiger als Passagiere, und es redet auch nicht zurück. Es schwappt nur hin und her, wenn du nicht voll beladen bist.“

Die dicken Aufträge habe er auf den Reeder-Bällen in London an Land beziehungsweise auf sein Schiff gezogen: „Mein Glück war, dass ich damals eine sehr schöne Frau gehabt habe.“ Bei einem Twist mit Jackie Onassis habe der Tanker-Besitzer im Scherz zur weltbekannten Ehefrau des millionenschweren griechischen Reeders gesagt: „Bald überhole ich euch.“
Was sich knapp nicht ausgehen sollte: „Als Einziger habe ich Kuba mit Öl beliefert und damit das Embargo der USA gebrochen, was vielleicht nicht so gut war.“ Mögen amerikanische Kreuzfahrer anstrengend sein, gegen die Leute vom US-Geheimdienst sind sie harmlos. Der Obersteirer geht mit seinem Öltanker in der Karibik – so wie seinerzeit mit der Badewanne auf der Mur – baden.
Erst Neuseeland, dann Uganda
Mit dem Rest vom Fest kauft sich Franz Scheriau eine Yacht und will damit um die Welt segeln. Bis Neuseeland kommt er, wo ihn „die Freundlichkeit der Leute und die Schönheit der Natur“ ein Jahr lang nicht loslassen. Danach hat er vorerst genug vom Seeweg: „Wenn du immer nur die Ufer siehst, möchtest du irgendwann das Land dahinter kennenlernen.“
Der Kapitän mutiert zum Landreisenden, er möchte Afrika von Ägypten bis Südafrika durchqueren. In Uganda bleibt er länger, für drei Jahre. „Diktator Idi Amin war schon vertrieben. Und als einer von ganz wenigen Europäern im Land bekam ich schnell gute Kontakte in alle Ministerien.“ Bis man ihm Kollaboration mit der Untergrundbewegung vorwirft, was zur Folge hat, „dass man mich aus dem Land wirft“.

Seine Eltern in Leoben bitten ihn in diesem Moment, heimzukommen. Doch ein Kapitän wie Franz Scheriau braucht auf Dauer die Schifffahrt. So kommt es, dass er historische Schiffe kauft, nach Wien überstellt und zu restaurieren beginnt. Ursprünglich möchte er arbeitslosen Jugendlichen mit den vielfältigen Arbeiten auf seinen Schiffen neue Perspektiven bieten. Doch es findet sich niemand in Wien, der seine Idee unterstützen will.
Hauptgemeldet auf dem Schiff
Am Ende ist er weiterhin der einzige Mensch in Wien, der auf einem Schiff hauptgemeldet ist. „Aufgrund einer Unachtsamkeit des Magistrats“, lächelt er. Und ganz am Ende droht ihm, dass er sich mit seinen alten Schiffen, mit seiner Fähre, die hinüber zur Donauinsel fährt, und mit seinem Schiffsmuseum wie schon mit der Badewanne und dem Tanker nicht über Wasser halten kann. Es fehlt ihm an allen Ecken und Enden Geld, um sein schwimmendes Museum weitherhin zu betreiben.
So verlangt die Stadt Wien die Räumung des Areals, da er keine Haftpflichtversicherung für seine Schiffe abgeschlossen hat und daher der Pachtvertrag nicht verlängert werden kann. Zudem ist der Pachtvertrag für die Fähr- und Anlegestelle auf der Donauinsel per 30. Juni ausgelaufen. Die zuständige Wasserstraßenbehörde „viadonau" zwingt ihn damit de facto, den Fährbetrieb einzustellen.

Schön ist es, dass sich Menschen in Wien zusammengetan haben, um ihn zu unterstützen. Doch das Geld, das bisher durch private Spendenaktionen lukriert wurde, reicht laut Scheriau nicht aus, um allen finanziellen Forderungen nachzukommen.
Kalter Fluss und warme Hand
„Wäu dei Söö flussaufwärds foad“, singt Ernst Molden in seinem Song „Schleppa“ über den Abschied vom Leben auf der Donau. „Weil deine Seele flussaufwärts fährt, bald wird man sie nicht mehr sehen.“ Auch Franz Scheriau träumt vom Flussaufwärts-Fahren, und von einem Lebensabend mit seiner Frau Roswitha auf einem Hausboot, irgendwo in Frankreich, Holland oder Deutschland.
Teil seines Traumes ist auch, dass jemand seine Schiffe und sein Museum kauft und diese am Leben erhält, als ein historisches Vermächtnis. „Dea Fluss is koid, dei Haund so woam - der Fluss ist kalt, deine Hand so warm“, das Holz brennt laut Ernst Molden nur noch eine Stunde.
Auch am rechten Donauufer ist es kühl geworden. Auf die Frage, ob er ein gutes Leben gehabt hat, antwortet der Käptn: „Viel besser wär’s nicht gegangen. Auch wenn entbehrungsreiche Jahre dabei waren: es hat eigentlich gepasst.“
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