Auf einmal waren sie da. Saßen auf einem Grashalm, das rund um die alten Lagerhallen wächst. Die schwarzen Flügel mit den roten Streifen leuchteten in den ersten Sonnenstrahlen, die flach über den Asphalt strichen: Zygaena minos oder auch „Bibernell Widderchen“ - eine Schmetterlingsart, die in ganz Österreich als bedroht, in manchen Regionen sogar als aussterbend gilt.
Bedrohte Arten
An diesem Morgen im Frühsommer aber fand Romana Widder-Lunzer die Schmetterlinge auf dem Gelände des Nordwestbahnhofs in der Brigittenau: „Ich hab‘ gleich eine Freundin angerufen: ‚Komm her, da sind ganz viele Widderchen!‘“ Es gelang ihr, zwei Tiere bei der Paarung zu fotografieren, auf einem Grashalm, die Hinterleibe aneinander gepresst. Romana war begeistert.
Sie hat in den vergangenen Monaten hunderte Fotos auf dem Bahnhofsgelände gemacht. Von Pflanzen, Insekten, Vögeln und Säugetieren, die sonst selten bis nie in der dicht verbauten Stadt auftauchen. Auf das Bild der sich paarenden Bibernell Widderchen ist sie nach wie vor besonders stolz.

Bis vor wenigen Jahren war der Nordwestbahnhof ein riesiger Güter-Umschlagplatz mitten in der Stadt. Ein Großteil des 44 Hektar großen Gebiets war versiegelt, entweder durch Güterhallen oder Betonfahrbahnen für die LKW. Wo sich zwischen den Gleisen zartes Grün zeigte, wurde es sofort mit Unkrautvernichtungsmittel bekämpft.
Der Bahnhof wurde 2021 aufgelassen, und in ein paar Jahren soll hier ein neuer Stadtteil mit Wohnungen für 16.000 Menschen entstehen. Der nördliche Teil des Geländes wurde bereits freigemacht und in eine braune Erdwüste verwandelt. Entlang der Nordwestbahnstraße werden die Abbrucharbeiten im Herbst beginnen.

Wer heute entlang des alten Bahnareals spazieren geht, sieht: aufgelassene Busgaragen, aufgebrochene Betonböden, Autowracks, Gleisschotter, alte Bahnschwellen, Unkraut – eine Gstettn.
Der andere Blick
Romana Widder-Lunzer aber hat einen ganz anderen Blick auf das Gelände: Sie sieht, wie die Brache lebt. Sie sieht Pflanzen, die in den Betonspalten sprießen oder im Gleisschotter wachsen: Echte Ochsenzungen, Königskerzen, Natternköpfe oder das Ruprechtskraut, auch „stinkender Storchschnabel“ genannt.
Sie sieht Insekten auf Blättern und Blüten, die sie hier nie vermutet hätte. Die vom Aussterben bedrohte Italienische Schönschrecke. Einen zweifleckigen Zipfelkäfer. Verschiedene Wildbienenarten. Oder den „Luzernenbock“, einen Käfer, der seine Eier unter anderem zwischen die Wurzeln der Luzernen legt. Denn auch diese Kleesorte hat hier zwischen Beton und Schotter einen Lebensraum gefunden.

Unter Tags arbeitet Romana in ihrem Keramikstudio in der Taborstraße. Aber als passionierte Frühaufsteherin ist sie seit mehr als einem Jahr fast täglich zu Sonnenaufgang mit Kamera und Makro-Objektiv auf dem Gelände des Nordwestbahnhof unterwegs.
Beeindruckende Vielfalt
Auslöser war die Teilnahme an einem Workshop der Künstlerin Gabriele Sturm auf dem Gelände. Seither dokumentiert Romana, wie sich die Natur in kürzester Zeit jenen Raum zurückholt, den ihr der Mensch vor Jahrzehnten genommen hat. Ihre Fotos zeigen eine beeindruckende Vielfalt von Insekten und Pflanzen.

Denn die Brache lebt! Und mehr als das: Auf dem Nordwestbahnhof leben Tiere und Pflanzen „in einer noch nie dagewesenen Zusammensetzung“, schreibt der Biologe David Bröderbauer in seinem vor kurzem erschienenen Brachenatlas „Acker, Baulücke, Deponie“.
„Bäume aus Asien wachsen neben Kräutern aus Nordamerika und Südafrika, genauso wie neben heimischen Arten...“ Ohne diese „Neubürger“ wäre das brachgefallene Gelände ärmer, so Bröderbauer, „hätte die Bodenerosion leichteres Spiel, gäbe es weniger Blütennektar für Insekten.“

Diese überraschende Vielfalt soll auch jenen Menschen gezeigt werden, die nicht stundenlang über Gleisschotter streunen wollen. Menschen, die bloß eine Runde „Urban Cross Golf“ spielen oder ein Konzert des Wiener Kultursommers besuchen.
Für sie haben die Ausstellungsmacher von „Tracing Spaces“ auf dem ganzen Gelände kleine Tafeln mit den Fotos von Romana aufgestellt. Und zwar ziemlich genau an jenen Stellen, an denen die Fotografin die Tiere und Pflanzen gefunden hat. Weitere Fotos hängen in einer Schautafel an der Wand der alten Busgarage.

Die Fotos zeigen eine Welt, die so nicht mehr lange existieren wird. Der Lebensraum, den sich Bibernell Widderchen, Holzbiene und Co. eben erst mühsam erobert haben, ist schon wieder dem Untergang geweiht.
Bald kommen die Bagger
Spätestens im Herbst werden die Bagger auffahren, die alten Busgaragen und die Tankstelle abbrechen, den Asphalt wegreißen und eine Erdwüste schaffen, wie heute schon im nördlichen Teil des Nordwestbahnhofs. So wird das Gelände dann jahrelang bleiben, denn der Bau von Wohnhäusern wird hier erst etwa 2030 beginnen.

Sind die Häuser und Schulen erst einmal gebaut, soll der neue Stadtteil eine „Grüne Mitte“ bekommen. Bei der „Freien Mitte“ am nahen Nordbahnhof wurde dafür ein Stück Industriebrache sich selbst überlassen, bis sie langsam von der Natur überwuchert wurde. Am Nordwestbahnhof hingegen passiert das Gegenteil: Die Brache wird zuerst zerstört. Anschließend soll der Grünstreifen in der Mitte des neuen Stadtteils ganz neu gestaltet und bepflanzt werden.
Durchgeplante Freiflächen
Vermutlich werden sich einige Pflanzen auch in dieser von Landschaftsarchitekten durchgeplanten Freifläche wieder ansiedeln. Oder sie werden vom Menschen dort eingesetzt. Aber kommen auch jene Insekten zurück, die jetzt vertrieben werden? Werden Igel, Buntspecht hier ein neues Zuhause finden? Oder die Fuchsfamilie, die derzeit in dem kleinen Wäldchen nahe der Hellwagstraße lebt?

Romana Widder-Lunzer sieht jetzt eine letzte Chance „von der Brache etwas zu erhalten. Zum Beispiel könnte das Platzerl rund um die alte Tankstelle und das Museum Nordwestbahnhof erhalten werden.“ Denn rundherum „wird ohnehin alles weggerissen“.
Einige Tierarten seien auch schon geflohen. „Viele Bäume und Sträucher sind dieses Jahr entfernt worden“, sagt Romana: „Wahrscheinlich sind deshalb heuer viel weniger Vögel zu sehen.“

Gleichzeitig entsteht in der Brache immer noch neues Leben. Erst unlängst entdeckte Romana im Schotterbett der längst abgetragenen Gleise eine Italienische Schönschrecke.
In Mitteleuropa gilt diese Heuschreckenart als sehr selten und bedroht. Am Gelände des Nordwestbahnhofs in der Brigittenau fühlt sich das Tier aber offenbar so sicher und wohl, dass es in einen Steinhaufen hinein seine Eier legte.








