NS-Aufarbeitung
Braune Schatten über dem Atelier Augarten

Wo im Augarten derzeit an einem neuen kulturellen und gastronomischen Zentrum gebaut wird, hatten schon die Nazis große Pläne.

Grundsteinlegung für ein HJ-Heim im Augarten am 14. März 1939
Grundsteinlegung für das HJ-Heim am 14. März 1939 im Augarten. Im Hintergrund sind die Häuser der Lampigasse erkennbar, die heute noch stehen. Die Eisenkassette versenken die damaligen Nazi-Bürgermeister von Berlin und Wien, Julius Lippert (rechts) und Hermann Neubacher.

Der erste Bagger ist bereits am Werk. Am 16. Juli begann mit dem Abbruch eines Vordachs der Umbau des Atelier Augarten. Die Arbeiten werden voraussichtlich bis Ende 2027 dauern. Danach soll nach den Plänen der Burghauptmannschaft das Gelände am nordöstlichen Eck des Augartens in neuen Glanz erstrahlen. Mit einer Veranstaltungshalle, einem Museum und erweiterter Gastronomie.  

HJ-Heim im Augarten

Bauarbeiten gab es in diesem Teil des barocken Gartens immer wieder. Doch die ersten Pläne für eine Verbauung reichen viel weiter zurück, als allgemein bekannt ist – nämlich bis in die ersten Jahren der NS-Diktatur in Österreich. 

Gleich nach dem Einmarsch im März 1938 begannen die Nazis Heime für die Hitlerjugend zu planen. Dort sollten die „heim ins Reich“ geholten männlichen Jugendlichen politisch indoktriniert und militärisch geschult werden. Im „Altreich“ Deutschland gab es solche Heime bereits, ihre Architektur war von Hitler selbst abgesegnet worden. In der „Ostmark“ sollte das erste Heim in Wien gebaut werden. Und zwar im Augarten, an der Ecke Scherzergasse und Lampigasse. 

Geschenk aus Berlin

Schon in der Planungsphase wurde dieses Hitlerjugend-Heim im Augarten als Symbol für die Vereinigung Österreichs und Deutschlands propagandistisch ausgeschlachtet: Bezahlen sollte den Bau die Reichshauptstadt Berlin als Geschenk an „Deutschlands zweitgrößte Stadt“ Wien. Den Zuschlag für die Planung erhielt der Hamburger Architekt und NSDAP-Mitglied Rudolf Kühnel, der schon zuvor einige HJ-Heime gebaut hatte. 

Screenshot einer Seite aus dem Völkischen Beobachter
Die NSDAP-Parteizeitung „Völkischer Beobachter“ berichtete groß über die Grundsteinlegung im Augarten. Foto: Screenshot / Archiv ÖNB

Am 14. März 1939 wurde mit viel Pomp und Paraden im Augarten die Grundsteinlegung gefeiert. Maurer in historischen Kostümen zogen ein Ziegelmäuerchen hoch, darin wurde eine Eisenkassette mit der Schenkungsurkunde versenkt und mit einem Stein verschlossen. Ein Foto der Zeremonie zeigt die damaligen Bürgermeister von Berlin und Wien, Julius Lippert und Hermann Neubacher, vor der Kassette. Im Hintergrund sind die Augartenmauer und die Häuserzeile der Lampigasse zu erkennen. 

Die Grundsteinlegung war am Tag danach dem „Völkischen Beobachter“ einen Titelbericht mit Foto wert. Es gebe nichts Schöneres, zitiert das Propagandablatt den Berliner Oberbürgermeister, „als der deutschen Jugend ein Heim zu schenken, in dem sie sich für die großen Aufgaben, die ihrer in der Zukunft warten, stählen“ könne. 

Flakturm statt Jugendheim

Im Krieg wurde im Augarten tatsächlich gebaut, aber nicht für die Zukunft der Jugend. Stattdessen entstanden ein riesiger Flakturm und der dazugehörenden Feuerleitturm. Die Monster aus Beton stehen heute noch. Das HJ-Heim blieb ein Projekt auf dem Papier. Was aus dem Grundstein und der darin versenkten Kassette wurde, ist unbekannt.  Vielleicht tauchen sie bei den Umbauarbeiten auf?

Der Bildhauer Gustinus Ambrosi in seinem Atelier im Augarten 1972
Gustinus Ambrosi in seinem Atelier im Augarten 1972. Unter den Nazis wurde der gehörlose Bildhauer von Hitlers Lieblingsarchitekten Alber Speer protegiert. Foto: APA-Images/brandstaetter images/Votava

Dass das Areal in dieser Ecke des Augartens bereits zu Bauland umgewidmet worden war, gab freilich der Zweiten Republik die Möglichkeit, einem Staatskünstler ein sehr großzügiges Geschenk zu machen. Der Bildhauer Gustinus Ambrosi modellierte Büsten von Republikgründer Karl Renner, von Leopold Figl, Julius Raab, Adolf Schärf und anderen Politgrößen der Nachkriegszeit. Zum Dank schenkte ihm die Österreichische Regierung an jener Stelle, wo das HJ-Heim stehen sollte, ein eigenes Atelier samt angeschlossenem Wohnhaus und eigenem Museum. 1957 konnte der taube Künstler einziehen. 

Dass Ambrosi in der Zwischenkriegszeit den Faschisten in Österreich und Italien nahe stand, dass er Büsten von Mussolini ebenso wie von Engelbert Dolfuß modelliert hatte, dass er sich danach um eine NSDAP-Mitgliedschaft bemüht hatte und von Hitlers Architekten Albert Speer protegiert worden war - das alles spielte im Österreich der Nachkriegszeit keine Rolle mehr. Ambrosi starb angesehen und hoch dekoriert 1975 in Wien. Er ist immer noch Ehrenbürger der Stadt Graz. 

Architekt im Dienste der NSDAP

Ambrosis Atelier plus Wohnung plus Museum wurde im italienischen Landhausstil von einem Architekten geplant, der ebenfalls eine braune Vergangenheit hatte. Der 1908 in Wien geborene Georg Lippert trat 1938 der NSDAP bei und wurde dafür mit Aufträgen des Regimes belohnt. Laut Eintrag im Architektenlexikon wirkte er mit seinem Partner an der Planung zahlreicher Werksiedlungen und Industrieanlagen mit. Auftraggeber war die paramilitärische Bautruppe „Organisation Todt“, die unter der Kontrolle von Albert Speer stand. Außerdem plante Lippert Raststätten für die Reichsautobahn von Salzburg nach Wien, die aber - so wie das HJ-Heim im Augarten - nie über das Planungsstadium hinaus kam. 

Auch Lippert musste nach dem Krieg keine negativen Konsequenzen fürchten. Im Wien der Nachkriegszeit stieg er zu einem der wichtigsten und stilprägenden Architekten auf. Seine Bürohäuser entstanden häufig dort, wo historische Palais oder Prunkbauten abgerissen wurden. Etwa das „IBM-Haus“ an Stelle des Dianabades am Donaukanal. 

Umbauarbeiten am Atelier Augarten
Der Umbau des Atelier Augarten hat begonnen. Zuerst wurde das erst vor 25 Jahren errichtete Vordach wieder entfernt. Foto: Bernhard Odehnal

Lipperts Atelier Augarten steht heute unter Denkmalschutz. Beim derzeitigen Umbau werden die Umbauten aus dem Jahr 2000 des Architektenbüros Zottl/Buda wieder entfernt.

Das ehemalige Wohnhaus von Gustinus Ambrosi wird für Gastronomie und als Eingangsbereich genutzt. Das ehemalige Ambrosi-Museum wird für temporäre Ausstellungen adaptiert. Ob die braune Vergangenheit des Bildhauers, des Architekten und des Ortes dort thematisiert werden, ist bis jetzt nicht bekannt.  

Ein Artikel von Bernhard Odehnal
Bernhard Odehnal
Mehr über Bernhard
Herausgeber und Gründer
Kontakt