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Rotes Wien

Auf den Spuren einer Architektin mit Haltung

Margarete Schütte-Lihotzky plante Küchen, Kindergärten und Gemeindewohnungen. Drei ihrer Bauten stehen in der Brigittenau, Architekturführerin Felicitas Konecny kennt deren Geschichte.

Wandbild mit Margarete Schütte-Lihotzky im 20. Bezirk
Sie plante den Winarsky-Hof mit. Deshalb wurde die Architektin von Schülerinnen der nahen Mittelschule in einem Wandbild verewigt.

Unbarmherzig brennt die Sonne an diesem Samstagmorgen auf den Asphalt der Kreuzung Hellwag- und Pasettistraße. Hier beginnt Felicitas Konecny ihre Architekturführung zu den Bauten von Margarete Schütte-Lihotzky im 20. Bezirk. Eine kleine Gruppe trotzt der Hitze, um ihr zu folgen.

Viele Gemeindebauten

„Wir stehen hier im Kaiserwasser“, eröffnet Konecny ihre Führung und taucht in die nahe U6-Station Dresdnerstraße ab. Vor einem historischen Stadtplan klärt sich das Rätsel: Erst nach der Donauregulierung 1875 wurde die Gegend zu Bauland. „Deshalb gab es hier viele freie Grundstücke für Gemeindebauten“, erklärt Konecny. Auf dem Umgebungsplan zeigt sie den Winarskyhof, wo Margarete Lihotzky – damals noch unverheiratet - einen Bauteil plante. Das ist mehr als hilfreich, denn der riesige Hof erstreckt sich über drei Baublöcke.

Der erste Block verdankt seine bogenförmige Grundgrenze dem Verlauf der ehemaligen Nordbahn – der heutigen S-Bahn-Stammstrecke. Deshalb ist der Innenhof dreieckig und laufen seine zwei anderen Flügel spitz auf die Kreuzung Pasetti- und Hellwagstraße zu. Also wieder hinauf auf die Straße und mitten hinein ins Thema.

Wohnen mit Luft und Sonne

Der kleine, dreieckige Hof bildet gleichermaßen die Vorhut zum imposanten Winarskyhof, der zwischen 1924 und 1925 von Oskar Strnad, Josef Frank, Josef Hoffmann, Oskar Wlach und dem Deutschen Peter Behrens geplant wurde. Auf die Seitenwand des Hauptportals haben Schülerinnen der nahen Mittelschule in der Stromstraße ein Porträt von Margarete Lihotzky gemalt.  „1916 konnte sich niemand vorstellen, dass man eine Frau damit beauftragt, ein Haus zu bauen – nicht einmal ich“, wird sie zitiert.

Acht Jahre später war es aber so weit. Franz Schuster, Karl Dirnhuber und Margarete Lihotzky teilten sich die Planung des kleinen, dreieckigen Hofs auf, den man später nach einem hingerichteten sozialistischen Funktionär „Otto Haas-Hof“ benannte. Auf dem Weg lenkt Felicitas Konecny den Blick auf die Fassade, hinter der noch weit mehr steckt als eine ausgewogene Komposition. „Die kleinen hochliegenden Fenster gehören zu den Klos“, sagt sie. Aus der Sicht der Gründerzeit ein Affront: auf einer repräsentativen Straßenfassade hatte ein Klofenster nichts verloren. Aus der Sicht des „Roten Wien“ ein stolzes Signal. „Es zeigte, dass jede Wohnung ein Klo hatte“, erklärt die Architekturführerin. Ein großer Fortschritt, ebenso wie das elektrische Licht, der eigene Vorraum, der Gasherd in der Wohnküche.

Architekturführerin Felicitas Konecny zeigt ein weiteres Werk von Schütte-Lihotzky - die KPÖ-Zentrale am Höchstädtplatz. Foto: Isabella Marboe

Dass bei diesem Gemeindebau so viele moderne Architekten – Lihotzky bildete als Frau eine seltene Ausnahme – zum Zug kamen, war dem sozialdemokratischen Bildungspolitiker Otto Neurath zu verdanken, der sich dezidiert dafür stark machte. Lihotzky absolvierte die Meisterklasse von Oskar Strnad an der Kunstgewerbeschule, schon während ihrer Ausbildung hatte sie zwei Preise gewonnen, nahm an Wettbewerben teil, arbeitete mehrere Monate bei Adolf Loos für die Siedlung Friedensstadt und wurde dann im Baubüro des österreichischen Verbandes für Siedlungs- und Kleingartenwesen angestellt. Sie wusste also genau, wie man aus kleinen Wohnungen am meisten Lebensqualität generiert. Otto Neurath schlug sie für die Planung vor.

Erste Aufträge

“Auf diese Weise kam ich, kaum 26 Jahre alt, zu einem Gemeindeauftrag, zusammen mit sieben berühmten Architekten meiner Zeit“, schrieb sie später in ihrem Buch „Warum ich Architektin wurde“. Die Besprechungen fanden in Peter Behrens’ Büro statt, wo „der große Behrens als vollendeter Weltmann mir jedes Mal bei meinem Kommen die Hand küsste.“

Ihre Eltern waren an Tuberkulose, der „Wiener Krankheit“, gestorben, sie selbst 1924 daran erkrankt. Frische Luft in der Wohnung war ihr wichtig, ursprünglich hatte sie Typen geplant, die sich über die gesamte Trakttiefe erstreckten und daher quer durchlüftet werden konnten. Der Gemeinde Wien war das zu teuer, doch sie setzte in jeder Wohnung eine Loggia durch. Letztere wurden in den 1970er-Jahren zu Bädern umgebaut. Als Konecny davon erzählt und das Grüppchen beginnt, den verlorenen Loggien nachzutrauern, geht gerade eine Bewohnerin vorbei. Sie bietet an, ihre Wohnung zu zeigen. Ein seltener Glücksfall.

Die „Frankfurter Küche“

Kurz nach diesem Auftrag – 1926 - folgte Margarete Lihotzky der Einladung des Architekten Ernst May nach Frankfurt. Dort entwarf sie die berühmte Frankfurter Küche und lernte ihren späteren Mann, den Architekten Wilhelm Schütte, kennen. Lebenslang wehrte sie sich dagegen, auf diese Küche reduziert zu werden. Als May sie später einlud, mit seinem Team in der Sowjetunion neue Industriestädte zu planen, machte sie zur Bedingung, keine Küchen zu entwerfen. Damals wurden Möbel und Bauten für Kinder zu ihrem Thema.

1938 ging sie mit ihrem Mann in die Türkei. Dort initiierte Präsident Mustafa Kemal „Atatürk“ kurz vor seinem Tod eine große Alphabetisierungsoffensive. Das Architektenpaar entwarf mehrere Schulen und insbesondere Konzepte für Dorfschultypen.

Botin für den Widerstand

Dann kam der Moment, der ihr Leben für immer verändern sollte. Schütte-Lihotzky stellte sich dem kommunistischen Widerstand gegen die Nazis als Botin zur Verfügung. Sechs Wochen nach ihrer Rückkehr nach Wien flog sie auf. Das NS-Gericht verurteilte sie zum Tod durch das Fallbeil, wandelte das Urteil aber in 15 Jahre Zuchthaus um. Schütte-Lihotzky war die einzig Überlebende ihrer Widerstandsgruppe. Wie sie diese Zeit erlebte, ist ihrem Buch „Erinnerungen aus dem Widerstand“ nachzulesen.

Nächste Station der Führung: Höchststädtplatz 3. Hier errichtete die Kommunistische Partei Mitte der 1950er-Jahre den Globus-Verlag eine der modernsten Druckereien des Landes. Gedruckt wurde hier unter anderem die kommunistische Tageszeitung „Volksstimme“. Den Kopfbau plante Wilhelm Schütte, den Seitentrakt Margarete Schütte-Lihotzky. 1993 musste der Verlag schließen.

Im ehemaligen Speisesaal des Globus-Verlags fand in den 1990er Jahren die „Nette Leit Show“ statt. Der Saal ist teilweise denkmalgeschützt, steht heute aber leer. Foto: Christopher Mavrič

Zwischen 1994 und 1996 kredenzte Hermes Phettberg ehemaligen Speisesaal des Globus-Verlags, den Schütte-Lihotzky geplant hatte, seinen Gästen „Eierlikör oder Frucade?“ Kurt Palm, der Erfinder der „Netten Leit Show“, gab dem Aufführungsraum zu Ehren der Architektin den Namen „Schütte-Lihotzky-Saal“. Die damals 97-jährige Architektin besuchte eine der ersten Shows auch noch persönlich und wurde vom Publikum mit tosendem Applaus begrüßt.

Die Fassade und ein Stiegenhaus des Saals stehen unter Denkmalschutz, doch das Gebäude ist versperrt. Durch staubige Scheiben lässt sich seine Schönheit nur schemenhaft erahnen. Das Haus ist leer, der vordere Trakt wird nun zu Wohnungen umgebaut.

Kindergarten am Kapaunplatz

Die letzte Station der Tour ist zugleich ihr Höhepunkt: im monumentalen Hof am Friedrich-Engels-Platz plante Schütte-Lihotzky 1950 am Kapaunplatz einen viergruppigen Kindergarten. Das sympathische, eingeschossige Gebäude mit den flachen Walmdächern hat einen menschlichen Maßstab und ist so übersichtlich organisiert, dass man sich sofort zurechtfindet.

Luft, Licht und Sonne spielen auch hier eine große Rolle. Die unteren Fensterkanten sind niedrig, dass Kinder gut hinausschauen können, der H-förmige Grundriss teilt jeder Gruppe ganz beiläufig ihren eigenen Freiraum mit eigener Sandkiste zu. Vom Eingang auf der Rückseite gelangt man direkt in die Halle und weiter in den großen, zentralen Spielsaal. Gedeckte Terrassen ermöglichen es den Kindern, auch bei Regen draußen zu sitzen. Der große Garten ist mit Bäumen, Blumenbeeten, Spielhügel und einem „Badegarten“ mit Planschbecken sehr vielseitig gestaltet.

Luftbild des Gemeindebaus am Friedrich-Engels-Platz 1935. In der Mitte des Hofs baute Schütte-Lihotzky einen Kindergarten. Foto: Archiv Österreichische Nationalbibliothek

Schütte-Lihotzky setzte sich intensiv mit der Montessori-Pädagogik auseinander, alle Möbel plante sie sehr kindgerecht, jedes einzelne sollte Gemeinschaft und Rückzug erleben können. Daher öffnet sich der großzügige Gemeinschaftsraum einerseits über Fenstertüren zu Terrasse und Garten, bildet aber andererseits Nischen für Kinder aus, die eine Zeitlang für sich sein möchten.

Vögel und Fische

Um das Zugehörigkeitsgefühl der Kinder zu stärken, ordnete sie jeder Gruppe eine Farbe und eine Verantwortlichkeit zu. Die blaue Fischgruppe war für ein Aquarium zuständig, die grüne Vogelgruppe für die Volière, die beiden Blumengruppen für die Beete mit den gelben Sonnen- und roten Mohnblumen. So erfuhren die Kinder spielerisch, was es bedeutet, etwas anvertraut zu bekommen – und konnten die Folgen des eigenen Handelns unmittelbar erleben.

Heute sind lebende Tiere in Kindergärten nicht mehr erlaubt. Schade.

Leider bekam Schütte-Lihotzky, die bis zu ihrem Tod im Jänner 2000 der Kommunistischen Partei KPÖ angehörte, im Österreich der Nachkriegszeit kaum Aufträge. Was sie plante aber wird bis heute geliebt, glücklich genutzt und besichtigt. Auch an diesem Samstag weckt die Gruppe die Neugier eines Gemeindebaubewohners. Er fragt, ob er sich anschließen könne. Doch die Führung ist zu Ende. Vielleicht das nächste Mal.

Felicitas Konecny:
https://www.guiding-architects.net/de/destinationen/wien?section=people

Margarete Schütte-Lihotzky-Zentrum:
https://www.schuette-lihotzky.at/de

Ein Artikel von Isabella Marboe
Isabella Marboe
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