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Gabi Lener, Direktorin der Volksschule Vereinsgasse, Leopoldstadt
„Wenn schon ein Ranking, sollte es statistisch korrekt sein“, sagt Gabi Lener, Direktorin der Ganztagesvolksschule Vereinsgasse.
Umstrittene Schuldaten

„Ein Ranking kann Kinder auch entmutigen“

Die Direktorin der Volksschule Vereinsgasse, Gabi Lener, kritisiert das Ranking der Volksschulen. Die Daten im Bildungskompass seien statistisch wenig aussagekräftig. Sie warnt, dass die Veröffentlichung der Ergebnisse sogar soziale Vorurteile verstärken könnte.

Zum ersten Mal hat das Bildungsministerium in diesem Jahr die Ergebnisse der „individuellen Kompetenzmessung Plus“ veröffentlicht. Der sogenannte „Bildungskompass“ gibt bei den Volksschulen Auskunft, wie Schülerinnen und Schüler in Deutsch und Mathematik abschneiden und zwar im Vergleich mit Schulen im ähnlichen sozialen Umfeld. Die Ergebnisse werden in drei Kategorien dargestellt: Oberes, mittleres und unteres Drittel.

Dass „Zwischenbrücken“ vergangene Woche die Ergebnisse für die Volksschulen in der Leopoldstadt und der Brigittenau in einem Ranking darstellte, wurde von manchen Leserinnen und Lesern als „unseriös“ kritisiert. Am schärfsten in ihrer Ablehnung war die Direktorin der Leopoldstädter Ganztagesvolksschule in der Vereinsgasse, Gabi Lener. Sie kritisierte in einem Kommentar zum Artikel, dass wir unreflektiert und unkommentiert die Daten einer „Pseudo-Information“ übernommen hätten. Wir haben Lener deshalb angeboten, ihre Kritik in einem Interview genauer zu erklären.

Zwischenbrücken: Was stört Sie an einem Ranking der Volksschulen im 2. und 20. Bezirk?

Gabi Lener: Zwei Dinge. Erstens macht ihr ein Ranking aus Daten, die aus mathematisch-statistischer Sicht nicht seriös sind. Zweitens hat dieses Ranking bildungspolitische Konsequenzen, die ihr als kritische Journalistinnen und Journalisten wahrscheinlich gar nicht wollt.

Wir haben die Daten aus dem Bildungskompass des Bildungsministeriums übernommen. Heißt das, dass Sie auch den Bildungskompass für wenig aussagekräftig halten?

Ja. Der Bildungskompass liefert weder Informationen, die für die gezielte Förderung einzelner Kinder wirklich hilfreich wären, noch erlaubt er verlässliche Aussagen über die Qualität einer Schule.

Das heißt, die zugrundeliegenden Tests sind sinnlos?

Die Tests haben zumindest den Sinn, dass Kinder Rückmeldungen über ihre Leistungen bekommen, dass Lehrerinnen und Lehrer erfahren, ob ihr Unterricht die gewünschten Ergebnisse bringt, und die Schulleitung kann daraus Schlüsse für die Schulentwicklung ziehen. Außerdem lässt sich der Lernfortschritt von der dritten zur vierten Klasse beobachten.

Wo ist dann das Problem?

Die Ergebnisse werden zu einem späten Zeitpunkt erhoben und bilden nur das Quantum der bereits erreichten Leistung ab. Wenn ein Kind schlecht liest, weiß ich damit noch lange nicht, warum. Vielleicht fehlt ihm der Wortschatz, vielleicht hat es Schwierigkeiten, Phoneme zu erkennen oder sich Wortbilder einzuprägen. Vielleicht fehlt auch die Motivation, weil das Lesematerial nicht passt. Um gezielt fördern zu können, muss ich wissen, wo das Problem liegt – und zwar früh genug, um etwas daran zu ändern.

Ist es nicht grundsätzlich gut, wenn die Leistungen standardisiert erhoben werden?

Das kann einen positiven Effekt haben. Die entscheidende Frage ist, was man aus den Ergebnissen macht. Wenn ein Kind am Ende der Volksschule erfährt, dass seine Leseleistungen schlecht sind, hilft ihm das allein nicht weiter. Vielleicht ist es ein sehr lernfähiges, diszipliniertes Kind, das später studieren möchte. Dann muss ich mich fragen, wie ich es so fördern kann, dass es dieses Ziel erreicht. Eine schlechte Rückmeldung am Ende der vierten Klasse ist dafür zu spät. Diagnostik muss dazu dienen, rechtzeitig die richtigen Maßnahmen zu setzen.

Kommen wir zum Ranking. Was ist daran statistisch problematisch?

Der Bildungskompass teilt die Schulergebnisse innerhalb bestimmter Vergleichsgruppen in drei gleich große Drittel: ein unteres, ein mittleres und ein oberes. Aber daraus lässt sich nicht ablesen, wie groß die tatsächlichen Leistungsunterschiede sind. Zum Beispiel: drei Gruppen von Schulen erreichen im Durchschnitt 99, 100 und 101 Punkte. Die eine landet im unteren, die nächste im mittleren und die dritte im oberen Drittel. Tatsächlich liegen zwischen ihnen nur zwei Punkte. Das sagt wenig aus. Umgekehrt können die Unterschiede innerhalb eines Drittels sehr groß sein. Das wird durch diese Darstellung nicht sichtbar.

Sie kritisieren das Ranking an sich, verlangen aber gleichzeitig eine differenziertere Darstellung?

Ich sage: Wenn man schon ein Ranking macht, sollte es zumindest statistisch korrekt sein. Das ist hier aus meiner Sicht nicht der Fall. Aber selbst wenn es korrekt wäre, würde ich es aus bildungspolitischen Gründen ablehnen.

Eltern vergleichen Schulen ohnehin. Sie hören, welche Schule einen guten Ruf hat und welche nicht. Wären standardisierte Kriterien da nicht besser als Gerüchte?

Das Problem ist, dass die sozialen Unterschiede dadurch nicht verschwinden. Eltern wissen auch ohne Bildungskompass, welche Schulen vor allem von Kindern aus der Mittelschicht besucht werden und wo viele Kinder aus ärmeren Familien oder mit einer anderen Erstsprache hingehen.

Bild aus einer Volksschule in der Leopoldstadt zum Thema „Bildungskompass“
Durch ein Ranking der Schulen würden „die sozialen Unterschiede nicht verschwinden“, sagt Direktorin Gabi Lener. Foto: Christopher Mavrič

Könnte die Veröffentlichung der Ergebnisse nicht zumindest Schulen im unteren Drittel dazu motivieren, sich zu verbessern?

Ich sehe die Gefahr, dass das Gegenteil passiert. Kinder und Familien bekommen vermittelt: Ihr geht in eine Schule für arme Kinder, und eure Leistungen sind schlecht. Das kann eine sich selbst erfüllende Prophezeiung werden. Wenn Kinder ohnehin schon glauben, dass ihnen bestimmte Bildungswege nicht offenstehen, werden solche Botschaften sie kaum ermutigen.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Ich habe früher an einer Schule gearbeitet, wo viele Kinder zu Hause Türkisch gesprochen haben. Beim Übergang in eine weiterführende Schule musste ich immer wieder Eltern davon überzeugen, ihre Kinder in eine AHS gehen zu lassen. Manche sagten: Das ist nichts für uns. Und auch Kinder meinten, eine AHS sei „nichts für türkische Kinder“[1]. Darunter waren ausgesprochen kluge Kinder. Wenn man ihnen nun zusätzlich bestätigt, dass sie aus einer Schule mit schlechten Ergebnissen kommen, verstärkt man diese Zweifel.

Das Bildungsministerium veröffentlicht auch, welche Schulen den Chancenbonus erhalten. Damit werden Schulen mit besonderen Herausforderungen sichtbar. Ist das nicht wichtig?

Den Chancenbonus finde ich großartig. Schulen, die besondere Herausforderungen bewältigen müssen, brauchen zusätzliche Ressourcen. Ich finde sogar, dass es davon zu wenig gibt. Aber warum muss öffentlich sichtbar sein, welche Schule diesen Bonus bekommt? So werden Schulen etikettiert, statt dass man zeigt, was sie leisten und wie sie ihre Kinder fördern.

Was meinen Sie damit?

Nehmen wir unsere Schule in der Vereinsgasse und die nahe Volksschule in der Darwingasse: Beide liegen im mittleren Leistungsdrittel innerhalb ihrer jeweiligen sozioökonomischen Vergleichsgruppe, obwohl ihre Voraussetzungen sehr unterschiedlich sind. Wenn Eltern zusätzlich zu bestehenden Vorurteilen gegenüber „Brennpunktschulen“ sehen, dass eine der beiden Schulen den Chancenbonus erhält, kann das ihren Eindruck verstärken, dass dort die armen Kinder sind. Also abgesehen davon, dass die Daten im Bildungskompass mathematischer Mist sind, erreicht man mit der Veröffentlichung des Chancenbonus nur, dass man Eltern aus der Mittelschicht sagt, wo sie ihre Kinder nicht hingeben sollen, wenn sie unter „ihresgleichen“ sein wollen. Das hilft doch niemandem.

Wir fordern doch mehr Transparenz vom Staat. Warum sollte man dann solche Informationen nicht veröffentlichen?

Transparenz ist wichtig. Aber die entscheidende Frage ist, wem eine Information nützt und welche Wirkung sie hat. Mich würde viel mehr interessieren, was eine Schule konkret unternimmt, um Kinder zu fördern, etwa beim Lesen. Man könnte Schulen dazu qualitativ befragen und ihre Arbeit sichtbar machen. Die bloße Einteilung in drei Gruppen sagt darüber nichts aus.

Sollen Eltern die Volksschule für ihre Kinder selbst auswählen können?

Meiner Meinung nach sollte die Schulplatzzuteilung anders organisiert werden. Wir haben eine Grätzl-Einschreibung vorgeschlagen: Eltern melden ihre Kinder für ein Wohngebiet an, nicht für eine bestimmte Schule. Anschließend werden die Kinder nach sozialen Kriterien auf die Schulen verteilt, damit sich die Zusammensetzung stärker ausgleicht. Die Stadt Wien hat diesen Vorschlag abgelehnt, unter anderem mit dem Argument, dass dann zu viele Eltern unzufrieden wären. Aber auch mit dem derzeitigen System sind viele unzufrieden.

Würden Eltern dann nicht verstärkt auf Privatschulen ausweichen?

Das kann man nicht völlig verhindern. Aber es gibt nicht so viele Privatschulen, und man muss sie sich leisten können.

Können sich Eltern den Schulplatz für ihr Kind jetzt aussuchen?

Das wird ihnen suggeriert, stimmt aber oft nicht. Ausschlaggebend für die Platzvergabe an begehrten Standorten ist die Wohnortnähe. Was bringt den Eltern also ein Ranking, wenn ihr Kind dann an der gewünschten Schule ohnehin vielleicht keinen Platz bekommt?

Gabi Lener, Direktorin der Volksschule Vereinsgasse in der Leopoldstadt
Eine gute Schule sorge für kritische und selbstbewusste Kinder, sagt Gabi Lener. Foto: Christopher Mavrič

Was macht für Sie eine gute Schule aus?

Natürlich müssen Kinder lesen, schreiben und rechnen lernen. Sie sollen gut für weiterführenden Schulen vorbereitet sein. Aber mindestens ebenso wichtig ist mir, dass sie kritisch und selbstbewusst werden. Dass sie sich trauen, ihre Meinung zu sagen und dafür einzustehen. Beim Lernen halte ich es außerdem für wichtig, dass Kinder ihre Kräfte einteilen können. Ich finde es nicht sinnvoll, ihnen ständig einzureden, sie müssten unbedingt lauter Einser haben. Es ist doch gut, wenn ein Kind weiß, dass es nicht überall Höchstleistungen erbringen muss, um weiterzukommen – und daneben Zeit für Dinge hat, die ihm Freude machen und seine Persönlichkeit stärken.

Woran sollten sich Eltern orientieren, wenn ihr Kind bald in die Volksschule kommt?

Derzeit orientieren sich viele an der sozialen Zusammensetzung einer Schule. Eltern suchen eine Schule, in der Kinder aus einem ähnlichen Milieu sind wie sie selbst. Dabei könnte man die Vielfalt auch als Ressource begreifen. Wenn Kinder mit unterschiedlichen Sprachen und Erfahrungen gemeinsam lernen, kann sie das weltoffener machen.

Die Vereinsgasse gilt im Bezirk als Bobo-Schule. Wie gehen Sie mit diesem Image um?

Lener: Tatsächlich sind wir in der sozioökonomischen Kategorie „ausgewogen“. Ich versuche aber nicht, das Image zu verändern. Mir ist wichtiger, die Ressourcen, die wir haben, möglichst gut für die Kinder einzusetzen, die sie brauchen. Eine gute soziale und sprachliche Durchmischung stellt für alle Kinder günstige Lernbedingungen dar.

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    Ein Artikel von Bernhard Odehnal
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