„Die Donau ist mein fließender Vorgarten“, meint Christoph Freidhöfer und schenkt uns Kaffee nach. Wir sitzen auf der Terrasse seiner Krandaubel und blicken auf jenen Fluss, der innerhalb Europas zwar die meisten Grenzen bildet beziehungsweise überschreitet, aber nur über verhältnismäßig wenige Brücken überquert werden kann. Auf der anderen Uferseite sehen wir das Gebäude der Pensionsversicherungsanstalt, das gerade renoviert wird.
Die Krandaubel, die wir an diesem bewölkten Vormittag besuchen, liegt fünf Fahrradminuten stromaufwärts von der Reichsbrücke entfernt. An diesem Uferabschnitt der Donauinsel schwimmen in Abständen von wenigen Metern mehrere Krandaubeln hintereinander. Manche sind über Stege erreichbar, manche, so wie diejenige, auf deren Terrasse wir sitzen, über ein Beiboot, das mit einem Seilzug vom Ufer zur Daubel und zurück bewegt werden kann.
Die sanfteste Art zu fischen
Krandaubeln sind schwimmende Fischerhütten, die es in Wien – und tatsächlich nur in Wien – seit 1885 gibt. Das Charakteristische an ihnen ist das Netz, das mittels Seilwinde auf den Gewässergrund gesenkt und wieder hochgezogen wird. Die sanfteste Art, zu fischen, sei das, erklärt uns Christoph. Die Fische würden einfach hinein schwimmen, wobei durch den Schwimmkörper, der die Hüttenkonstruktion trägt, Kehrwasser entstünden, die wiederum die Fließgeschwindigkeit reduzierten: „Das mögen die Fische besonders gern.“
Ursprünglich wurde allerdings nicht vom Wasser, sondern vom Ufer aus gefischt: Die Handdaubeln bestanden aus kleineren Netzen, die an einer Stange, dem so genannten Geigel, befestigt waren. Mit der Zeit wurden die Netze immer größer, wodurch auch mehr Körperkraft gefordert war: Bei dem „Arschgeigel“, das seinen umgangssprachlichen Namen einer Sitzvorrichtung verdankt, die an dem Geigel montiert ist, kam der gesamte Körper als Hebel zum Einsatz.

Mittels Daubeln zu fischen ist eine spezifisch österreichische Art der Netzfischerei. Seit dem 19. Jahrhundert zählt sie nicht mehr zur Berufsfischerei, sondern wurde von städtischen Arbeiter:innen als Nebenerwerb betrieben. Bis heute ist der Verband der österreichischen Arbeiter-Fischerei-Verein für die Vergabe der Krandaubeln zuständig: Er wickelt den Pachtvertrag ab, den die Inhaber:innen mit der „viadonau“, der österreichischen Wasserstraßengesellschaft, abschließen müssen, und vergibt die entsprechenden Fischereilizenzen, die notwendig sind, um eine Krandaubel zu besitzen und zu nutzen.
Vom Netz in den Mund
Dort zu wohnen ist nicht erlaubt, der Aufenthalt, auch über Nacht, hat vor allem der Fischerei zu dienen, wobei damals wie heute die Naherholung eine große Rolle spielt. Christoph genießt, wie er uns an diesem Vormittag erzählt, auf der Krandaubel ebenfalls die Nähe zur Stadt, die allerdings durch rund 100 Meter breites Wasser abgefedert wird. Er genießt auch das Fischen und die Möglichkeit vom Netz in den Mund zu leben, so wie er bereits in seiner früheren Tätigkeit als Landwirt gern vom Stall in den Mund lebte.
Natürlich wollen wir von Christoph wissen, welche Fische er in welchem Ausmaß mit seiner Krandaubel fängt. Zander, vor allem, meint er und wir sind beeindruckt. Ein offenes Geheimnis allerdings sei es, dass es sich dabei strenggenommen um keine Wildfische, sondern um Zuchtfische handelt, die in einem frühen Entwicklungsstadium in der Donau ausgesetzt werden.
Schwere Zeiten für Fische
Die Schifffahrt – allen voran schnelle Schiffe wie der Twin City Liner –, aber auch die dafür notwendigen Flussregulierungen, die Nebenarme trockenlegen und Zuflüsse reduzieren, setzen den Donaufischen zu. Viele Arten leiden auch unter der zunehmenden Wassertemperatur oder sterben aus, da sie, wie die Störe, wegen der Wasserkraftwerke ihre Wanderungen stromaufwärts, die für die Fortpflanzung unabdingbar sind, nicht mehr unternehmen können.
Zu sehen, ob sich Fische im Netz, das auf dem Gewässergrund liegt befinden, sei nicht möglich. Die Sicht von der Hütte aus ins Wasser hinein betrage nicht mehr als einen halben Meter. Dafür gebe es eine allgemeine Faustregel, die besage, dass zwei Seiten eines guten Romans zu lesen ein volles Netz garantiere.
„Ein Fenster zum Fluss“
Von dieser Faustregel, die uns fasziniert – wir beschließen, mit jeweils einem unserer Romane bei nächster Gelegenheit die Probe aufs Exempel zu machen –, erzählt uns auch Natascha Muhic, die Mitinhaberin der Krandaubel, die wir an diesem Vormittag besuchen. Natascha ist die Geschäftspartnerin von Christoph, gemeinsam haben sie den Vinylographen entwickelt und gebaut, mit dem Schallplatten direkt und live aufgenommen werden können.
Mit Francesca Centonze hat Natascha einen Dokumentarfilm gedreht, in dem es um die Krandaubeln und um ihre zeitgenössischen Benutzer:innen geht. Auszüge aus „Ein Fenster zum Fluss“ sind bis 30. August in der aktuellen Ausstellung über die Donauinsel im Wien Museum zu sehen und bis 18. August in der alten Tankstelle am Nordwestbahnhof.

Zu ihrer Krandaubel sind Natascha und Christoph über ein Inserat auf „willhaben.at“ gekommen, wobei, wie Christoph erzählt, Natascha zunächst die treibende Kraft war. Mit Natascha sprechen wir ein paar Tage nach unserem Vormittag auf der Donau, sie ist gerade in Kroatien und wir telefonieren mit ihr und ihrem Freund Simon, der ebenfalls ein „Daubler“ ist. „Die Beschäftigung mit dem Fluss und die Inspiration durch das Wasser hören nie auf“, meint Natascha am Ende unseres Gesprächs.
Schwimmende Almhütten
Wie intensiv ihre Beschäftigung mit der Donau beziehungsweise den Krandaubeln bislang gewesen ist, sehen wir schon ein paar Tage zuvor. Unser Gespräch mit Christoph auf der Terrasse wird von einem Regenschauer unterbrochen. Wir verziehen uns ins Innere der Daubel.
An den Wänden über dem Sofa hängen Postkarten, auf denen verschiedene Krandaubeln abgebildet sind. Bei diesen Postkarten handelt es sich um Ton-Bild-Postkarten mit einer abspielbaren Schallplattenrille, verrät uns Christoph. Natascha und er haben sich im Rahmen eines shift-Projekts, einer mittlerweile eingestellten Förderschiene der Basis Kultur Wien für interdisziplinäre und ortsbezogene Kunst, unter anderem mit den verschiedenen Bauweisen der Wiener Krandaubeln beschäftigt.
Variationen des Donauwalzers
Die Maße von zehn mal drei Metern sind vorgegeben, wie der Aufbau allerdings architektonisch gestaltet wird, bleibt den Inhaber:innen selbst überlassen. Dementsprechend unterschiedlich sehen die Krandaubeln auch aus: Die Bandbreite reicht von schwimmenden Almhütten bis hin zu Fincas oder Ranches. Für diese Typologien hätten sie sich damals sehr interessiert, meint Christoph. Befreundete Musiker:innen haben im Rahmen dieses Projekts zeitgenössische Donauwalzer-Variationen komponiert, die schließlich mittels Vinylographen auf die Postkarten von den verschiedenen Krandaubeln graviert worden sind.
In einem größeren Team haben Natascha und Christoph für dieses Projekt ihre Krandaubel in ein Museum verwandelt. Dieser Öffnung für ein an Geschichte und Typologien der Krandaubeln interessiertes Publikum ging allerdings ein Eklat voraus: Das „erste Wiener Krandaubelmuseum“, wie es ursprünglich heißen sollte, wurde nach einem Zeitungsbericht behördlich untersagt: Die Krandaubeln seien ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt, ein Museum sei „zweckentfremdend“.
Lernen, den Fluss zu lesen
Lang und mühsam seien die Verhandlungen gewesen, erzählt Christoph und lächelt: Mit der zuständigen Magistratsabteilung hätten sie sich schließlich darauf geeignet, dass ein temporäres „Event“ – im Gegensatz zu einer „dauerhaften Institution“ – zulässig sei. Aus dem „Krandaubelmuseum“ wurde kurzerhand ein „Krandaubel Opening“. Die klingenden Postkarten sind heute ebenso noch zu sehen wie die Informationstafeln zur Geschichte der Daubelfischerei.
Sich direkt auf der Donau aufzuhalten mache, das schildern Christoph und Natascha gleichermaßen, den berühmten Ausspruch, man steige niemals zwei Mal in denselben Fluss, auf sehr sinnliche Weise konkret: Mit der Zeit lerne man den Fluss zu lesen, seine verschiedenen Klänge, die mit den jeweiligen Witterungs- und Strömungsverhältnissen variieren, wahrzunehmen und auf einen Blick zu erkennen, wie es gerade um die Wasserqualität bestellt ist.
Das behördlich untersagte Museum ist in einer permanenten Öffnung gemündet, hin zum Fluss, hin zum Strom, der 1929 Kilometer weiter ins Schwarze Meer mündet.
Ausstellung im Wien Museum: „Die Donauinsel - 21 Kilometer Freiraum“, mit Ausschnitten aus dem Film „Ein Fenster zum Fluss“, bis 30. August.
Finissage und Abschiedsfest im Museum Nordwestbahnhof: Natascha Muhic & Vinylograph: „Krandaubel-Tonbildpostkarten und Film“. 18. August, 18 bis 22 Uhr, Museumstankstelle, 1200, Nordwestbahnstraße 16.








