Seit fast 40 Jahren gehört der Donaukanal für Angelika Haider zum erweiterten Zuhause. Schon während ihres Studiums lernte sie hier auf den Wiesen und Bänken. Auch später, als sie längst als Sozialarbeiterin tätig war, blieb der Kanal für die Leopoldstädterin ein Ort zum Laufen, Abschalten und Verweilen am Abend. „Hier konnte man einfach immer sein und hat immer jemanden getroffen, den man kannte – oder kam leicht mit neuen Menschen ins Gespräch“, erzählt sie.
Immer weniger Grün
Doch diesen Ort erlebt Haider zunehmend im Wandel. „Es gibt immer weniger Bäume und Grün. Stattdessen wird immer mehr zugebaut, und es entstehen elitäre Lokale“, sagt die Anrainerin. Der Charakter des Ortes habe sich verändert: „Die gesamte Stimmung ist eine andere geworden.“ In ihrem erweiterten Zuhause fühlt sie sich zunehmend nicht mehr willkommen.
Dass der Donaukanal, vor allem im innerstädtischen Bereich, in den vergangenen Jahrzehnten einen deutlichen Wandel erlebt hat, ist unübersehbar. Aus der einstigen No-Go-Area ist zunehmend ein Freizeit- und Gastronomie-Hotspot geworden.

Die Entwicklung begann in den 1990er-Jahren, als erste Kultur- und Gastronomieprojekte den Kanal als neuen Aufenthaltsort etablierten. 1995 eröffnete das Flex am Vorkai beim Ringturm. Ein Jahr später folgte bei der Roßauer Lände die Summer Stage. Der Erfolg dieser Projekte zog weitere Angebote an: 2005 öffnete die Strandbar Herrmann an der Einmündung des Wienflusses, wenig später folgte das Badeschiff.
Neue Lokale für neues Publikum
Mit dem Ausbau der Gastronomie wandelte sich auch das Publikum am Kanal. Lokale wie das Motto am Fluss oder saisonale Angebote wie die Tel Aviv Beach, heute Neni am Wasser, machten den Bereich zu einer beliebten Ausgeh- und Freizeitadresse.
Je beliebter der Raum am Wasser wurde, desto stärker wurde der Druck auf die begrenzten Flächen. Zwischen Gastgärten, Veranstaltungsorten und frei zugänglichen Uferbereichen stellt sich zunehmend die Frage, wie viel Kommerz ein öffentlicher Raum verträgt.

Die Stadt Wien versucht, dieser Entwicklung gegenzusteuern. Bereits 2014 wurde mit der „Donaukanal Partitur“ ein Leitbild beschlossen, das eine stärkere Balance zwischen Gastronomie und öffentlichem Raum schaffen sollte. Die unmittelbare Uferkante sollte frei bleiben, nur ein Teil der Flächen für kommerzielle Nutzungen zur Verfügung stehen.
Neue Sonnenterrasse geplant
Im März 2025 präsentierten die Stadträtinnen Ulli Sima und Selma Arapović ein aktualisiertes Gestaltungskonzept für den Donaukanal. Der Fokus liegt nun auf mehr Begrünung und zusätzlichen konsumfreien Bereichen. „Der Donaukanal soll ein Ort für alle sein“, erklärte Sima bei der Präsentation. Künftig sollen mehr Flächen entstehen, an denen Menschen am Wasser verweilen können, ohne ein gastronomisches Angebot nutzen zu müssen. Zuletzt sind Abschnitt Salztor- und Marienbrücke auf etwa auf 300 Meter Länge 1.200 Quadratmeter neue Grünfläche entstanden. Eine neue Sonnenterrasse bei der Aspernbrücke ist aktuell am Entstehen.
Für die Anrainerin Angelika Haider ist das allerdings genug, um das Versprechen eines Donaukanals für alle zu erfüllen. „Viele der Gastro-Angebote richten sich klar an Touristen, die Meeresfrüchte am Donaukanal essen wollen, und nicht an die Anrainer“, betont sie. Die Entwicklungen rund um das Lokal „Otto will Meer“ sind für sie ein Sinnbild dafür.
Zubau ohne Baugenehmigung
Das Restaurant eröffnete im Oktober 2024 im denkmalgeschützten Otto-Wagner-Schützenhaus an der Oberen Donaustraße. Nachdem das Gebäude über Jahre hinweg leer stand, kann man dort seither Thunfischsteak für 32 Euro oder Lachsfilet für 22 Euro verspeisen.
Anfang des Jahres baute das Restaurant einen Außenbereich zu. Dass dafür eine Grünfläche weichen musste, sorgte schon damals für Kritik. Im März protestierten die Grünen Leopoldstadt mit einem Picknick gegen das Projekt. „Es soll Gastronomie am Donaukanal geben, ganz klar, aber nicht zum Preis öffentlicher Flächen“, sagt Grünen Bezirks-Vize Bernhard Seitz zu Zwischenbrücken.
Durch eine Anfrage der Grünenkam nun auch heraus, dass dem Zubau von „Otto will Meer“ noch dazu die Baugenehmigung fehlt. Die MA 37 leitete daraufhin ein Verfahren zur möglichen Erteilung eines Abtragungsauftrags ein. Wenn dieses durchgeht, müsste das Lokal den Bereich wieder zurückbauen.

Der Lokalbetreiber, die Litus Group, erklärte auf Anfrage, mit den Behörden im Austausch zu stehen und behördliche Vorgaben erfüllen zu wollen. Zu dem laufenden Verfahren wollte sich das Unternehmen nicht näher äußern.
„Litus“ ist eine Wiener Unternehmensgruppe, die nach eigener Beschreibung im Bereich „Erlebenisgastronomie und Entertainment“ tätig ist. Am Donaukanal ist die Gruppe im Übrigen keine Unbekannte. Neben „Otto will Meer“ betreibt sie auch etwa die Blumenwiese am Donaukanal sowie die Augenweide auf der Donaustraße. Dass ein Unternehmen gleich mehrere Flächen am Donaukanal betreiben kann, stößt Karin Guttmann etwas sauer auf: „In der Vergangenheit hieß es noch, man kann nur ein Lokal betreiben.“
Unfaire Verträge?
Guttmann betreibt seit 16 Jahren die Hafenkneipe und arbeitete davor beim einstigen Donaukanal-Kultlokal Adria. „Bei der letzten Neuausschreibung bekamen zudem alle Pachtverträge für zehn Jahre, bis auf eben diese Gastrogruppe, die hat Pachtverträge für 20 Jahre bekommen“, klagt sie. Dass sei aufgrund der hohen Investitomem, die die Litus Grupp getätig hat, zwar vielleicht verständlich, aber dennoch unfair, findet Guttmann.
Zuständig für die Flächen am Donaukanal ist die Donauhochwasserschutz-Konkurrenz (DHK), bestehend aus einem Gremium aus Bund, Stadt Wien und Land Niederösterreich. Wie die Flächen für Gastronomie vergeben werden, regle ein Auswahlverfahren, so erklärt es die DHK auf Anfrage Betreiber:innen müssen dafür Nutzungskonzepte einreichen. Neben wirtschaftlichen Kriterien würden dabei auch Aspekte wie Nachhaltigkeit und die Einbindung in das Gesamtkonzept des Donaukanals berücksichtigt. Die Verträge werden laut DHK befristet vergeben. Eine Begrenzung, wie viele Lokale ein einzelner Betreiber führen darf, gebe es grundsätzlich nicht.

Gleichzeitig betont die DHK, dass bei der Entwicklung des Donaukanals auch konsumfreie Bereiche berücksichtigt werden. Gastronomisch genutzte Flächen sollen sich mit frei zugänglichen Erholungsbereichen abwechseln. Ziel sei es, den Kanal als Naherholungsraum für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen zu erhalten und einer übermäßigen Kommerzialisierung entgegenzuwirken.
Mehr Platz in der Brigittenau
Letzteres sieht Karin Guttmann von der Hafenkneipe gelassen. „Ja, es hat sich gastronomisch einiges getan. Aber eigentlich nur im Bereich der Innenstadt. In Richtung Brigittenau gibt es noch immer genug Grün und Freiflächen“, sagt sie.
In Richtung des 20. Bezirk weicht auch die Anrainerin Angelika Haider zunehmend immer mehr aus, wenn sie im Grünen entspannen will. Denn offenbar gebe es „fast Bezirksgrenzen, was Gastro-Zonen und konsumfreie Flächen angeht“, sagt Haider: „Das ist schon spannend.“








