Kurioses im Bezirk
Sieg und Niederlage im Karmeliterviertel

Ihre Namen erzählen von einer bewegten Geschichte: Das Gebäude einer ehemaligen Lederfabrik und ein Gasthaus mit dem besten Gulasch der Stadt.

Franz Tomsits vor seinem Gasthaus zum Sieg
Sein Gasthaus erinnert an eine gewonnene Schlacht gegen Napoleon 1809: Franz Tomsits in der Haidgasse.

Sieg und Niederlage liegen bekanntlich nahe beieinander, nicht nur beim Fußball, sondern auch im Karmeliterviertel. Auf Nummer 9 der Hollandstraße prangt an der Fassade über dem Erdgeschoß die rätselhafte Aufschrift „Niederlage der Lederfabrik“, ein paar Seitengassen weiter kaum fünf Minuten entfernt, befindet sich in der Haidgasse 8 das berühmte Gasthaus „Zum Sieg“ mit entsprechendem Schild über der Tür.

Der Name verstört

Bei der „Niederlage“ schütteln Passanten im Vorbeigehen amüsiert den Kopf und wundern sich, beim Schild mit dem „Sieg“ rümpfen manche, die nicht mit der Geschichte des Hauses vertraut sind, die Nase und sind unangenehm berührt.

Beides ist erklärungsbedürftig. Das Haus in der Hollandstraße war die Wiener Dependance der Lederfabrik Vogl aus Mattighofen im Innviertel in Oberösterreich. Zu ihren besten Zeiten war die 1847 gegründete Lederfabrik die wohl größte in der Donaumonarchie und zählte mehr als Tausend Mitarbeiter. 2013 musste die Fabrik schließen. Heute hat ein Gitarrenbaumeister seine Werkstatt im Hof, straßenseitig ist ein schickes Designgeschäft untergebracht.

Das Haus mit der Innschrift "Niederlage "in der Hollandstraße
Die Fabrik stand in Oberösterreich, die „Niederlage“ war die Wiener Niederlassung. Foto: Christopher Mavrič

Vogl war k.k. Hoflieferant und brauchte Büros und Lagerstätten für seine Produkte in Wien. Die Niederlage war eine Niederlassung. Die Verschiebung der Bedeutung des Wortes von der neutralen Bezeichnung eines Ortes, des Lagers, zum Ergebnis eines Prozesses mit negativem Ausgang, des Unterliegens, ist interessant.

Im Wörterbuch der Gebrüder Grimm

In den Weiten des Grimmschen Wörterbuches sind zur Mitte des 19. Jahrhunderts noch beide Bedeutungen vermerkt: In einem Brief aus der Zeit sendet ein Autor Nachricht über  „das haus, worinn ich meine gewöhnliche niederlage habe“, ein anderer bereut, dass er „seinem lüderlichen vetter die niederlage bei sich erlaubt habe“, wieder ein anderer beschreibt einen übel beleumdeten Ort als eine „niederlage von schlechtem gesindel.“

Eine Krankengeschichte beklagt das Schicksal einer schwer erkrankten, bettlägerigen Frau: „kein mensch trug ihr essen, recht häszlich haben sie sich über ihre niederlage gefreut.“ Zugleich wird aber auch Klopstock zitiert, der von „zweeen groszen niederlagen“ des deutschen Heeres berichtet, und von den Herausgebern angemerkt, dass das Wort nun eher in dieser jüngeren Bedeutung verwendet wird.

Der Übergang der Wortbedeutung führt also von der rein physischen Bedeutung („sich oder etwas niederlegen“), über den militärischen Kontext („die Waffen niederlegen“) zur allgemeinen, pejorativen Semantik des Unterliegens. In der „Niederlage der Lederfabrik“ ist die ursprüngliche Bedeutung des Lagers, in dem Dinge deponiert werden, noch evident.

„Kein Schicki-Micki“

Eine bewegte Geschichte weist auch das Wirtshaus im Haus Haidgasse 8 („Zum Sieg“) auf. Sie reicht weit zurück. Während der zweiten Türkenbelagerung wurde das Haus geschleift, um freie Schusslinie auf die Belagerer zu haben, danach wurde es mehrfach verkauft und wird seit mehreren Jahrzehnten von der Besitzerin Christine Treimer und ihrem Sohn Franz Tomsits als einfaches Beisl („kein Schnickschnack, kein Schicki-Micki“) geführt. Das mögen viele, andere stoßen sich am Namen. Bei einer Abstimmung am Karmelitermarkt bekäme der alte Name („Gasthaus zur goldenen Artischocke“), den das Haus im 18. Jahrhundert trug, wohl eindeutig den Vorzug.

Aber warum eigentlich? Die Geschichte ist voller wunderbarer, bedeutender Siege: Der Sieg über die Hitlerei zum Beispiel, der Sieg der Wissenschaft über den Aberglauben, der Sieg der Französischen Revolution über die Könige („aux armes, citoyëns, formez vos bataillons...“). Und dennoch: Manche empfindsame Naturen haben ein schlechtes Gefühl beim Sieg und beim Siegen, und Gefühle sind heutzutage überaus wichtig (vielleicht wichtiger als je zuvor).

Gemälde vom Sieg der österreichischen Truppen über Napoleon bei Aspern
1809 siegte die österreichische Armee unter Erzherzog Karl über die napoleonischen Truppen bei Aspern. Darin erinnert heute noch der Name des Gasthauses im Karmeliterviertel. Gemälde von Peter Krafft, Archiv Wien Museum

Das Gefühl der Heiterkeit und Freude beim Gewinnen will sich allerdings nicht mehr so recht einstellen. Lieber schon zeigt man Schwäche und Verletzlichkeit und fühlt sich gerade dadurch erstaunlicher Weise den Siegern als moralisch überlegen. Sieger sind ja immer auch Täter, und da ist man doch lieber bei den Opfern.

Dabei hat das Wirtshausschild weder etwas mit dunklen Zeiten im 20. Jahrhundert noch mit Fußball zu tun. „Zum Sieg“ erinnert an den Sieg über die Armee Napoleons in der Schlacht bei Aspern 1809, was die Sache aber nicht wirklich besser macht. Es bleibt ein Dilemma: Niederlagen erleiden, will man nicht, aber so richtig siegen auch nicht mehr.

Gulasch und Gitarren

Aber jeder und jede hat, so denke ich, so seinen, ihren Spielraum. Vielleicht gelingt es Ihnen: Sie tragen ihre alte, nicht mehr bundreine Gitarre, mit der sie allen Leuten und sich selbst auf die Nerven gehen, zum Gitarrenbaumeister in die Hollandstraße und genehmigen sich dann ein Rindsgulasch aus der Küche von Franz Tomsits in der Haidgasse. Es gilt als das beste der Stadt.

Ein Artikel von Ernst Strouhal
Ernst Strouhal
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