Das Ernst-Happel-Stadion im Wiener Prater
Konzertveranstalter lieben es, die Stadt Wien und der ÖFB eher nicht: Das Ernst-Happel-Stadion in der Leopoldstadt
Ballverlust
Happel-Stadion: Vor der Mauer des Schweigens
Abriss, Sanierung oder den Status Quo erhalten: Für die Zukunft von Österreichs größter Arena gibt es viele Ideen. Warum bloß will vor Ort niemand darüber reden?

Die Sonne knallt gnadenlos auf Österreichs größte Arena: das Ernst-Happel-Stadion. Eingebettet in den grünen Prater, gut erreichbar mit der U-Bahn, wirkt es an diesem Mittwochnachmittag fast unscheinbar. In vier Tagen werden hier 60.000 Menschen erwartet. Die deutsche Rockband ‚Böhse Onkelz‘, bekannt für ihren harten Sound und ihre umstrittene Vergangenheit, spielt eines der größten Konzerte des Jahres. Dafür entsteht eine 360-Grad-Bühne, die von allen Seiten einsehbar ist – ein Spektakel.

100.000 Liter Bier für Rockfans

Die größte Hektik scheint heute allerdings bereits vorbei zu sein. Dutzende LKWs mit dänischen Kennzeichen stehen ruhig auf dem riesigen Parkplatz zwischen Stadion und Hauptallee. Einige junge Securities, die sich weiße Westen übergezogen haben, sind auf ihren Klappsesseln eingenickt, andere beobachten gelassen den Aufbau. Ein Gabelstapler mit zwanzig silbernen Bierfässern fährt im Rückwärtsgang an uns vorbei. Insgesamt werde er mehr als 100.000 Liter Bier zu den Gastroeinrichtungen bringen, erzählt der Fahrer. Rockfans sind durstig.

Keine geschwungene Glasfassade. Kein ganzjährig geöffnetes Café mit Blick aufs Spielfeld. Kein Museum, das sportliche Heldengeschichten erzählt. Stattdessen Sichtbeton, breite Treppen und eine Architektur, der man ihre fast hundert Jahre ansieht. Das Happel-Stadion trägt sein Alter offen zur Schau. Seit dem Jahr 2000 gilt es als historisches Denkmal. Es steht unter Schutz aufgrund seiner „geschichtlichen, künstlerischen und sonstigen kulturellen Bedeutung“ - so sieht es jedenfalls das Bundesdenkmalamt.

Noch 40 Jahre „gebrauchstauglich“?

Seit Jahren wird darüber gestritten, ob das Stadion saniert oder abgerissen werden soll. Der „Österreichische Fußball-Bund“ ÖFB fordert einen Neubau, öffentlich unterstützt von Bundeskanzler und Nationaltrainer. Die Stadt Wien setzt auf Sanierung und verweist auf ein Gutachten, das die Arena für weitere vierzig Jahre als ‚gebrauchstauglich‘ einschätzt.

Das Happel-Stadion ist aber auch Konzertarena, Trainingsstätte und Arbeitsplatz. Laut Auskunft der Stadt Wien finanzieren die Konzerte im Sommer rund 80 Prozent des Betriebs. Wie also sieht das Stadion aus der Perspektive jener aus, die hier arbeiten, trainieren oder Veranstaltungen aufbauen? Und warum hört man ihre Stimmen in der Debatte so selten?

Nicht nur Sportvereine sind im Happel-Stadion zu Hause. Auch die viel kritisierte Wiener Einwanderungsbehörde MA 35 hat hier ihr Büro. Foto: Christopher Mavrič

Der Betreiber des Stadions, die Wiener Sportstätten Betriebsgesellschaft, hatte eine Besichtigung bereits im Vorfeld ausgeschlossen. Dafür, so lässt uns die Leiterin telefonisch wissen, würde im Moment die Zeit fehlen. Unsere Hoffnung richtet sich deshalb auf die Konzertveranstalter. Von den großen Anbietern meldet sich nur Jolly Roger, der Veranstalter der Böhsen Onkelz. Doch auch dort bleibt die Tür verschlossen. Ein Blick hinter die Kulissen des Konzertaufbaus? Fehlanzeige. Eine Einschätzung zum Stadion? Ebenfalls nicht. Der Versuch, hinter die Kulissen zu blicken, endet, bevor er überhaupt begonnen hat. Also bleibt nur noch der Weg über jene, die hier arbeiten. Vor dem Stadion, der sommerlichen Hitze zum Trotz.

Ossis mögen keine Presse

Vor einem Stadioneingang sind Dutzende Absperrgitter vorbereitet, noch stehen sie komplett durcheinander. Zwei Männer, tätowiert und schwarz gekleidet, lehnen entspannt daran. Zögerlich bestätigen sie, dass sie zum Produktionsteam gehören und schieben mit ostdeutschem Akzent nach: „Jede Art von Presse ist hier nicht gestattet.“

Trotzdem fragen wir, ob die alte Infrastruktur Probleme bereitet. „Nichts, was nicht lösbar ist“, entgegnen sie und lassen offen, was sie konkret damit meinen. „Ein Stadion ist ein Stadion. Schlussendlich sind sie alle gleich. Ob 50.000 reinpassen oder 100.000.“ Ein kritisches Wort über das Stadion verlieren sie nicht und wenden sich ab. „Das sollte an dieser Stelle auch reichen.“ Wir spazieren weiter.

„Wir halten uns da raus“, entgegnen zwei Elektriker mit Schutzhelmen auf unseren ersten Gesprächsversuch. „Wir sind ja nur angemietete Arbeiter.“ Die beiden sitzen in einem Golfmobil neben den Stromspeichern der neu montierten Photovoltaikanlage am Stadiondach. Vergangenes Wochenende waren sie noch beim Nova Rock im burgenländischen Nickelsdorf im Einsatz. Ihre Einschätzung zum Happel-Stadion fällt nüchtern aus – zunächst. „1931 hat niemand an die Elektrik von 2026 gedacht“, sagt einer der beiden. Trotzdem funktioniere das Stadion. „Hier ist die Infrastruktur schon vorhanden. Beim Nova Rock hast du eine Wiese, auf die du erst einmal alles hinschaffen musst.“ Das Happel-Stadion sei alt, „aber immer noch zweckmäßig.“ Und mehr noch: „Wir lieben es.“ Dann fahren sie mit ihrem Golfmobil davon.

Einst die „modernste Sportanlage Europas“

1931 wurde das Stadion, damals noch als Prater-Stadion, eröffnet. Laut Bundesdenkmalamt galt es als „modernste Sportanlage Europas“ und soll dem Olympiastadion in Berlin als Vorbild gedient haben. Die zeitgenössische Presse bezeichnete es als „Riesengebäude des Massensports“, das nach den Idealen des Roten Wiens die Bevölkerung zum Sport bringen sollte. Lange Zeit hieß die Arena schlicht „Praterstadion“. Ein Jahr nach dem Tod des schon zu Lebzeiten legendären Fußballspielers und -trainers bekam die Anlage 1993 den Namen „Ernst-Happel-Stadion“,

Historisches Fotos vom Bau des Praterstadions aus dem Archiv des Wien Museums
Ein „Riesengebäude des Massensports“ errichtete das rote Wien im Jahr 1930. Foto: Archiv Wien Museum

Geblieben sind von dieser Idee Sporteinrichtungen wie Turnsaal und Gymnastikraum, die sich direkt unter den Tribünen befinden. Die werden seit rund 15 Jahren von einem kleinen Verein, Union Aktiv Brigittenau, genutzt. Rund 1.000 Mitglieder trainieren dort regelmäßig. Zum ersten Mal scheint sich für uns doch eine Tür ins Innere zu öffnen. Der Verein sagt sofort zu. Eine Besichtigung sei kein Problem, auch Fotos könnten wir machen.

Vereine sagen ab

Wenige Tage später folgt jedoch die Absage. Die Begründung fällt vorsichtig aus. Man wolle nichts Falsches sagen und niemandem auf den Schlips treten. „Die Sportanlage im Herzen des Wiener Praters ist für unsere Vereine von unschätzbarem Wert“, erklärt uns die Wiener Sportunion schriftlich. „Gerade in Wien sind Sportflächen leider nach wie vor Mangelware.“

Bleibt schließlich noch der im Stadion beheimatete Laufverein, der LCC Wien. Seit Jahren verfügt er über ein Vereinslokal, Umkleiden und Duschen. Auf der Vereinshomepage heißt es sogar, dass Mitglieder „auf der Laufbahn im E. Happel Stadion trainieren und damit eine wohl einzigartige Atmosphäre genießen können.“

Laufverein ohne Laufbahn

Am Telefon bestätigt die Klubpräsidentin, dass der Verein hier zuhause ist. Die Infrastruktur? Funktioniere. Und wie wird die Laufbahn genutzt? Die überraschende Antwort: Gar nicht. Denn darauf habe der Verein schon länger keinen Zugang mehr. Seit wann genau das so ist? Das könne auch sie nicht sagen. Für ein Besichtigung des Stadions oder weitere Auskünfte wären wir beim Magistrat besser aufgehoben, so die abschließenden Worte der Präsidentin. Unsere letzte Tür fällt zu.

Aufgang zu den Tribünen im Ernst-Happel-Stadion
Wegen seiner „geschichtlichen, künstlerischen und kulturellen Bedeutung“ steht das Stadion seit dem Jahr 2000 unter Denkmalschutz. Foto: Christopher Mavrič

Zwei Wochen Recherche haben uns zwar nicht ins Innere des Stadions geführt. Sie haben aber gezeigt, wie zurückhaltend die wenig bekannten Nutzer des Stadions sind. Veranstalter, Vereine oder auch die Stadionbetreiber – kaum jemand will sich zum Stadion öffentlich äußern. Möglicherweise aus Sorge, die begehrten Plätze im Inneren zu verlieren. Oder, aus Veranstaltersicht, den Zugang zum größten Veranstaltungsort in Österreich zu riskieren.

Kein Geld für einen Neubau

An der politischen Debatte hat sich unterdessen nichts geändert. Offen bleibt vor allem die Finanzierungsfrage. Für einen Neubau, so schreibt uns die Stadt Wien, gibt es derzeit weder eine gesicherte Finanzierung noch ein konkretes Nutzungskonzept. Der ÖFB hat auf unsere Anfrage nicht geantwortet. Beton ist geduldig.

Und so bleibt das Happel-Stadion vorerst das, was es seit Jahrzehnten ist: Denkmal, Konzertarena, Sportstätte und Arbeitsplatz – eine Multifunktionsarena mit Patina. Genutzt wird es fast täglich. Gesprochen wird darüber aber erstaunlich wenig.

Ein Artikel von Sebastian Haller
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