Als „geschichtsträchtig, geräumig und genial gelegen“ wird im Internet ein Apartmenthaus in der Wallensteinstraße 9 im 20. Bezirk beworben. Und „geschichtsträchtig“ ist das gelb strahlende Gründerzeithaus aus dem 19. Jahrhundert in der Tat.
Hier, nur einen Steinwurf entfernt von Donaukanal und Friedensbrücke, wuchs der später weltberühmte Holocaustforscher Raul Hilberg auf, der 1961 mit The Destruction of the European Jews die erste systematische Analyse des nationalsozialistischen Judenmords vorlegte, die bis heute als Standardwerk gilt.
Vertrieben im Novemberpogrom
Im zweiten Stock des Hauses lebte Hilberg mit seinen Eltern in einer Vierzimmerwohnung, aus der die Familie während des Novemberpogroms 1938 vertrieben wurde. Wenige Monate später verließen die Hilbergs Wien und flüchteten über Frankreich und Kuba zu Verwandten nach New York.
Hilbergs Vater Mechel, 1889 in Galizien geboren, kam laut seinem im Archiv der Israelitischen Kultusgemeinde überlieferten Auswanderungsfragebogen mit 18 Jahren nach Wien. Dort lernte er die sieben Jahre jüngere Gisela Schächter kennen, die ebenfalls aus Galizien in die damalige Hauptstadt der k. und k. Monarchie gekommen war. Die beiden heirateten 1923 und zogen im Jahr darauf in die gemeinsame Wohnung in der Wallensteinstraße 9, in der am 2. Juni 1926 Sohn Raul geboren wurde. Benannt wurde das einzige Kind der Familie nach dem seinerzeit populären Burgschauspieler Raoul Aslan.
Zwischen Augarten und Synagoge
Raul Hilberg erinnert sich in seiner 1994 erschienenen Autobiographie an eine recht unbeschwerte Kindheit in der Brigittenau, die sich im Umkreis von Augarten, Nordwestbahnhof, dem Chajes-Gymnasium in der Staudingergasse und der Synagoge in der Kluckygasse abspielte – auch wenn die Hilbergs nichts besonders religiös waren.
Auf seinem täglichen kurzen Schulweg passierte der junge Hilberg das Haus in der Wallensteinstraße 20, in dem der Schriftsteller Joseph Roth in der Zeit des Ersten Weltkrieges gewohnt hatte und der Menschen wie seinen Eltern mit seinem Essay „Juden auf Wanderschaft“ (1927) ein literarisches Denkmal gesetzt hatte.
Überfall der SA
Doch mit dem 13. März 1938 war „meine Kindheit mit einem Schlag beendet“ schreibt Hilberg in seiner Autobiographie. Im Erdgeschoss des Wohnhauses in der Wallensteinstraße 9 befand sich das Café „Treuhof“, das ein SA-Mann einen Tag nach dem „Anschluss“ überfiel, um die jüdischen Gäste abzuführen und in aller Öffentlichkeit zu demütigen. Vielleicht wurde Hilberg auch Augenzeuge der berüchtigten „Reibepartien“ auf den Straßen seiner Heimatstadt. Gut ein Jahr später, genauer am 2. April 1939, verließ die Familie Wien – für immer.

Raul Hilberg kehrte in der Nachkriegszeit immer wieder einmal in seine Geburtsstadt zurück, zuerst in den späten 1960er Jahren. Er kam aber stets nur für kurze Zeit, um in Archive zu gehen oder wissenschaftliche Konferenzen zu besuchen. Der Stadt gegenüber blieb er lebenslang auf Distanz, auch wenn ihm die Universität Wien zehn Jahre vor seinem Tod im August 2007 noch spät die Ehrendoktorwürde verlieh. „Ich habe hier nur eine alte Adresse und natürlich die verlorene Kindheit“, hatte er schon 1993 in einem Zeitungsinterview nüchtern bilanziert.
Kaum noch Erinnerung
Während in der benachbarten Leopoldstadt das jüdische Leben heute wieder sehr lebendig ist, bleibt es in der Brigittenau eher verborgen. An der Stelle des in der Pogromnacht zerstörten Brigittenauer Tempels in der Kluckygasse errichtete die Gemeinde Wien in den 1950er Jahren ein Wohnhaus. An der schmutzig-braunen Fassade erzählt nur ein kaum noch lesbares Bronzeschild und ein kleines Schwarz-Weiß-Foto von der früheren Synagoge.
An Raul Hilberg erinnert 100 Jahre nach seiner Geburt keine Straße in Wien und nicht einmal eine Gedenktafel an seinem Geburtshaus in der Wallensteinstraße.
Der Artikel erschien zuerst im jährlichen Magazin des VWI.
Stadtspaziergang und Symposion zum 100. Geburtstag von Raul Hilberg: Am 2. Juni veranstaltet das Wiener Wiesenthal-Institut für Holocaust Studien (VWI) von 10 bis 11.30 Uhr einen Spaziergang zu den Orten von Hilbergs Jugend in der Brigittenau. Treffpunkt ist vor dem Haus Wallensteinstraße 9. Anschließend findet ab 13 Uhr ein Symposion in den Räumen des VWI am Rabensteig 3 statt. Unter anderem wird der Autor dieses Artikels sprechen. Nähere Informationen gibt es hier.







