Gerlinde Lackner bezieht ihre Hausbesorgerwohnung im Lassallehof an einem Tag, der in die Geschichte eingehen wird: „In der Früh, es war ein Sonntag, hör’ ich halb verschlafen in den Nachrichten, dass die Reichsbrücke eingestürzt ist. Wos, die Reichsbrücke ist eingestürzt? Das ist ja lächerlich, die spinnen ja. Also geh’ ma raus, schauen. Aber um Gottes Willen, war die Lassallestraße voll von Fußgängern! Da gehen mir meine Kinder nicht mit, in dieser Riesenkolonne. Dann sind wir gesessen vor dem Fernseher, um die Reichsbrücke sehen zu können. Und am Nachmittag ist dann der Niki Lauda verunglückt. Das war am 1. August 1976, das war mein erster Arbeitstag.“
Parteibuch und Konto bei der „Z“
Der Lassallehof ist ein 1924 bis 1926 errichteter Gemeindebau im Stuwerviertel, zwischen Lassallestraße, Vorgartenstraße und Ybbsstraße. Benannt ist er nach Ferdinand Lassalle, einem Mitbegründer der deutschen Arbeiterbewegung. Wie aber kam man in den 1970er Jahren zum Job einer Hausbesorgerin?
Der Einstieg folgte laut Frau Lackner einem strengen Muster: „Wir waren natürlich viele angehende Hausbesorgerinnen und haben Vorträge dazu bekommen, was man alles zu machen hatte. Aber zuerst musste man unterschreiben, dass man selbst, oder der Gatte, zur Partei geht. Dann musste man ein Bankkonto bei der Z unterschreiben, da war die Gemeinde stark beteiligt. Dann musste man die Mitgliedschaft von der Gewerkschaft unterschreiben und dann erst hat man den Hausbesorgervertrag unterschrieben. Das war brutal.“ Die „Z“, das war die damals in Wien allgegenwärtige „Zentralsparkasse“, die 1991 zusammen mit der Länderbank zur Bank Austria fusioniert wurde.
Waren die Formalitäten bewältigt, ging es los mit der Hausbesorgertätigkeit. Das bedeutete vor allem eines: ständigen Kontakt mit den im Gemeindebau lebenden Menschen. „Wenn man als Mieter die Wohnung zugewiesen bekommen hat, musste ich die Wohnung herzeigen und natürlich auch erklären, wie die Waschküche funktioniert.“ Pro Wohnung hatte man nur begrenzte Waschtage, der Kalender war immer voll: „Eine Waschküche für 70 Mieter ist eine Herausforderung. Das möcht’ ich nie wieder in meinem Leben machen“, erzählt Gerlinde Lackner.
Gemeindewohnung als Notlösung
Lackner erinnert sich auch an das früher übliche Zinsinkasso: „Einmal im Monat kommen alle Mieter und zahlen den Zins, das hat oft drei, vier Stunden gedauert. Damit haben sich aber auch die Mieter untereinander getroffen, das war eine herrliche Plauderrunde.“ Mittlerweile sei das anders: „Die ziehen heute ein und sind ein, zwei Jahre später wieder weg. Das ist eine Notlösung bis man entweder eine Genossenschaftswohnung hat, oder man zieht ganz weg. Man lernt sich heute nimmer kennen.“
Das Wohnen wurde anonymer: Die Waschküche reserviert man heute über das Internet, den Mietzins zahlt man selten bar und bei Problemen findet man sich in der Telefonwarteschleife des Service-Centers wieder. Und früher? Da läutete man selbstverständlich bei Frau Lackner an, Ruhe gab es kaum: „Krankenstand und Urlaub sind bei Hausbesorgern eine Katastrophe. Weil, wenn man 40 Grad Fieber hat, muss man vorher eine Vertretung auf die Beine stellen und das dem Verwalter melden. Bei Urlaub genau das Gleiche – mehr als eine Woche hab’ ich nicht als Vertretung gefunden. Es geht einfach nicht.“
Hilfe bei kaputter Glühbirne
Für die Mieter:innen war dadurch hingegen immer jemand da: „Eine Mieterin war plötzlich verwitwet, eine ältere Dame. Und die steht vor mir und sagt: Meine Nachttischlampe ist kaputt, was soll ich machen? Es war letztlich nur die Glühbirne zu wechseln, aber das hat sie nicht gekonnt, weil es immer ihr Mann gemacht hat.”

Einer anderen Frau half die Hausbesorgerin sogar noch nach deren Tod beim Übersiedeln. Lackner erzählt: „Es gab eine Altmieterin, die war damals schon an die Hundert, als sie verstorben ist. Ich hab’ höflichkeitshalber den Gatten gefragt, ob ich ihm irgendwas abnehmen kann, nachdem sie gestorben ist. Er hat gesagt: Ja, und zwar ging es nur darum, dass ich mit dem Meldezettel zur Polizei geh’ und seine Frau mit der Sterbeurkunde dort abmelde. Wunderbar: Geh’ ich also am Praterstern zur Polizei. Der junge Beamte schaut und schaut und schaut. Dann steht er auf. Dann geht er nach hinten zu einem älteren Kollegen. Und dann haben sie furchtbar gelacht. Der ältere ist zu mir gekommen und hat gesagt: Die Frau G. ist auf der Reichsbrückenstraße gemeldet, die es nimmer gibt! Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie wieder zur Lassallestraße. Deshalb könne er sie nicht abmelden. Also musste ich in die Trafik gehen, einen Meldezettel nehmen, eine Marke kaufen und sie ummelden. Die tote Frau G. musste übersiedeln! Und dann erst konnte der Beamte sie abmelden.”
Keine Haustiere im Gemeindebau
Gerlinde Lackner hörte Altmietern und Altmieterinnen immer gerne zu, wenn sie von früher erzählten. Die Wohnverhältnisse waren noch andere: Regelmäßig und unangemeldet stand die Hausverwaltung vor der Tür und kontrollierte die Wohnung auf ihre Ordnung, aber auch auf Schimmel oder unerlaubte Gäste: Haustiere waren damals nicht erlaubt. Ein hundertjähriger Hof hat nun einmal viel durchgemacht. Letztendlich auch einen Weltkrieg: „In den Höfen sind irgendwann nach einem Bombenangriff tote Pferde gelegen, und jeder hat ein Messer genommen und sich ein Schnitzel runtergeschnitten – endlich ein Fleisch.“
Die Bomben des Krieges hinterließen aber auch Löcher und Lücken in den Mauern des Hofs. Eine Mieterin hätte ihre Gemeindewohnung nur bekommen, weil ihr Mann ein Handwerker war, wurde Frau Lackner erzählt: „Als sie eingezogen sind, hat’s oben teilweise kein Dach mehr gegeben. Sie sind im Bett gelegen und haben die Sterne gesehen. Die beiden haben viel selber repariert, das hat sich natürlich dann die Gemeinde erspart. Und weil die Stiege in den fünften Stock auch weg gewesen ist, mussten sie alles über eine Hühnerleiter hinauftragen.”

Heute gibt es sogar Aufzüge auf jeder Stiege. Aber Hausbesorger:innen im damaligen Sinne wurden zum Auslaufmodell. Nach Frau Lackners Pensionierung gab es niemanden mehr, der in ihre Fußstapfen trat. An ihre Stelle traten Hausbetreuer:innen, die für mehrere Höfe zuständig sind und nicht allzeit verfügbar sein müssen.
Aktive Mieter:innen
Was macht das mit dem Lassallehof und anderen Gemeindebauten? Kommt der zwischenmenschliche Kontakt zu kurz? Bei manchen Problemen würden heute Mieterinnen oder Mieter selbst aktiv, sagt Frau Lackner und gibt ein Beispiel: „Es ist Jahre her, da hat jemand oben die Glasscheiben eingeschlagen. Einmal im Winter, als es sehr kalt war, hat ein Mieter Luftpolsterfolie hineingegeben und das Fenster wieder zugemacht. Und das hält jetzt seit fünf oder sechs Jahren. Wir haben nichts anderes! Also wenn sie so weiter einsparen, schaut’s nicht gut aus.
Dieser Artikel ist die gekürzte Version eines Interviews, das in voller Länge im Jubiläumsmagazin „Die Lassallin“ erscheint.
Das Magazin mit weiteren Beiträgen und Fotostrecken zum Gemeindebau sowie zur Vergangenheit des Stuwerviertels wird am 10. Oktober beim Hoffest „100 Jahre Lassallehof“ präsentiert und ist danach in der Buchhandlung „Stuwerbuch“ erhältlich.
Hoffest 100 Jahre Lassallehof: Sa, 10. Oktober, von 15 bis 18 Uhr, 2., Lassallestraße 40







