Welche Sprachen sprechen die Kinder zuhause? „Serbisch”, sagt ein Mädchen, „russisch“ ein Bub. Andere antworten mit: Farsi, Arabisch, Französisch, Deutsch. Es ist das typische Sprachgemisch einer Wiener Volksschule. Mit einem kleinen, feinen Unterschied. Hier, in der 2 b der Europaschule in der Vorgartenstraße nennen die Kinder ihre Familiensprachen auf italienisch: „Serbo, russo, farsi, arabo, francese, tedesco...”.
Vier Sprachen zuhause und in der Schule
SIB ist die Abkürzung für das Programm, das die „Europaschule“ in der Vorgartenstraße 95 einzigartig macht: „Scuola Elementare Italiana Bilingue“. Von den drei Klassen in jedem Jahrgang gibt es je eine, in der eine Stunde pro Tag italienisch gesprochen wird. Die Kinder in diesen Klassen wechseln also zwischen drei, häufig sogar vier Sprachen: Die Familiensprache zuhause und mit den Freunden, Deutsch, Englisch und Italienisch in der Schule.
Ist das nicht eine Überforderung für 6- bis 10-jährige? „Wenn alle Pädagoginnen und Pädagogen an einem Strang ziehen, dann funktioniert es“, antwortet Schuldirektorin Elke Zach. Das mache die Europaschule „zu etwas Besonderem: Weil die Mehrsprachigkeit bei uns gelebt wird“.

Dass gerade Italienisch zum Schwerpunkt in dieser Ganztagsvolkssschule wurde, geht auf die Initiative einer früheren Direktorin zurück. Anfang dieses Jahrtausends war die Hoffnung auf ein vereintes Europa noch deutlich stärker als heute. Die EU förderte in den Schulen ihrer Mitgliedsländer verschiedenste Sprachprogramme. Jeder EU-Bürger, jede Bürgerin sollte in mehreren Sprachen kommunizieren können, war die Idee.
Fest zum 25. Geburtstag
In der Volksschule Stubenbastei wurde damals Französisch integrativ unterrichtet. Nach diesem Vorbild wollte in der Brigittenauer Volksschule die italophile Direktorin Ilse Henner eigene Italienisch-Klassen. Und das setzte sie 2001 durch. Das 25-jährige Jubiläum der SIB-Klassen wird diese Woche an der Schule mit einem Fest gefeiert, inklusive Kinderchor und italienischen Liedern.
Dabei wird in den Italienisch-Klassen eigentlich nicht Italienisch unterrichtet. Zumindest nicht als klassisches Unterrichtsfach, wie etwa Englisch. Es ist „ein bilingualer Unterricht“, erklärt die Lehrerin Anna Ruggiero: „Wir machen Sport, Musik oder Kunst und sprechen dabei italienisch. Die Kinder hören zu und sie lernen zu verstehen.“
Im Studium habe sie gelernt, dass jeder Mensch mehrsprachig sei, sagt Ruggiero: „Du hörst das und denkst: Na gut, ist halt eine Theorie. Aber in der Klasse merkst du schnell: Es funktioniert. Sie hören zu, sie wiederholen die Wörter. Und fertig.“
Italienisch als Prestigesprache
Ruggiero hat für ihren Unterricht einen eigenen Raum zur Verfügung. Im Wandschrank stehen italienische Kinderbücher, an der Decke hängen an einer Schnur in alphabetischer Reihenfolge Tierzeichnungen mit den italienischen Namen. Anatra für Ente, Balena für Wal und so weiter.
Einige Kinder der SIB-Klassen haben italienische Eltern: „Es gibt im 20. Bezirk eine große italienische Community“, erklärt Ruggiero: „Die Brigittenau ist halt einer der wenigen Bezirke, in dem Mieten noch leistbar für Familien sind.“ Aber auch immer mehr Eltern aus den Balkanländern seien interessiert an einer mehrsprachigen Ausbildung ihrer Kinder. Für viele Kroaten und Albaner gilt Italienisch als Prestigesprache. Und von Kindern, die zuhause Rumänisch sprechen, ist die Lehrerin immer wieder überrascht, „wie schnell und problemlos sie Italienisch lernen. Das ist unglaublich.“

Wohnortnähe ist für die Aufnahme in die Italienisch-Klassen nicht wichtig. Manche Kinder kommen aus anderen Bezirken. Aber es gibt eine Art Aufnahmetest. In einem Gespräch prüft Anna Ruggiero, ob das Kind offen für neue Sprachen ist und ob es einen mehrsprachigen Unterricht schaffen wird. Das Interesse an der Einschreibung in der SIB-Klasse ist groß, dennoch würde Direktorin Elke Zach gerne „noch mehr an die Öffentlichkeit bringen, dass es dieses tolle Angebot gibt“.
Chancenbonus für die Europaschule
Die Europaschule in der Vorgartenstraße ist eine von insgesamt 31 Schulen in der Leopoldstadt und der Brigittenau, die mit besonderen Herausforderungen konfrontiert sind. Deshalb bekommt sie ab Herbst den neuen „Chancenbonus“ – also zusätzliches Geld für pädagogisches Personal. „Das ist ein Jackpot für uns“, freut sich die Direktorin.
An einem schwülen Junitag hallt durch die geöffneten Fenster ein italienisches Kinderlied auf die Vorgartenstraße. „Per fare un tavolo ci vuole un fiore“ – Um einen Tisch zu machen, braucht man eine Blume. Anna Ruggiero singt mit den Kindern nicht nur, um italienisch zu lernen. Musik dient oft auch „als Brücke zu anderen Sprachen der Kinder“.
Happy auf Arabisch
Ruggiero erzählt, wie die 1 b unlängst auf Italienisch das Lied „Se sei felice...“ sang. Das war den Kindern eher bekannt mit dem englischen Text: „If you‘re happy and you know it clap your hands“. „Dann suchten wir den Liedtext in anderen Sprachen“, erzählt die Lehrerin: „Als wir das Lied auf Arabisch vorspielten, blühten die drei arabischen Kinder in der Klasse auf, die sonst sehr still sind. Sie brachten uns den Text bei, zeigten uns Bewegungen dazu, und alle waren sofort begeistert.“ Und dann sang die ganze Klasse eine Woche lang ‚If you’re happy‘ auf Arabisch.
Zum Zuhören - per l'ascolto






