Wallensteinstraße: Das lange Warten auf den Umbau
Seit Jahren wird über die Umgestaltung dieser wichtigen Straße in der Brigittenau diskutiert. Nun wurde der Baustart erneut verschoben. Was läuft da schief? Und warum wird das Ergebnis der Bürgerbefragung verheimlicht?

Text: Naz Küçüktekin
Es ist ein kurzer Moment des Chaos. Ein Zug der Linie 33 fährt in die Haltestelle ein, die sich in der Mitte der Fahrbahn befindet. Menschen steigen aus und drängen an den stehenden Autos an der Fahrbahn vorbei. Die Fahrer müssen ausharren, bis alles wieder weitergeht. Alle Beteiligten scheinen voneinander genervt zu sein. Hier, an der Wallensteinstraße, kommt es alle paar Minuten dazu.
Regina kommt gerade von ihrem Friseurbesuch. Mit ihrem Fahrrad wird sie sich gleich genau in dieses Chaos begeben. Jahrelang hat sie in der Gegend gewohnt, doch seit zwei Jahren ist Margareten ihr Zuhause. “Aber ich komme eben noch zum Friseur hierher oder zum Bouldern”, sagt sie. Mindestens einmal in der Woche führt ihr Alltag sie an die Wallensteinstraße. “Wenn es geht, versuche ich sie aber eigentlich zu vermeiden”, gesteht die Passantin. Denn gefährlich sei es schon, so ganz ohne eigene Fahrradspur, vor allem das “Dooring”. “Das ist, wenn parkende Autos ihre Türen öffnen, während man vorbeifährt”, erklärt sie. Ein Problem, das eigentlich schon längst hatte gelöst sein sollen
Das „Portal zum Nordwestbahnhof“, nannte die seit Juli 2023 amtierende Bezirksvorsteherin Christine Dubravac-Widholm in der Bezirkszeitung die neue Wallensteinstraße. Wo immer möglich, sollte ein Baum gepflanzt werden. Auch vom schrittweisen Umbau der Straße war damals die Rede. Damals – das war Ende 2023, kurz bevor der angekündigte Bürgerbeteiligungsprozess startete.
Die Bürgerbefragung wurde tatsächlich durchgeführt. Das Ergebnis hätte im April 2024 präsentiert werden sollen. Doch das geschah nicht. Bis heute nicht. Und der Umbau, dessen erster Abschnitt eigentlich 2024 hätte beginnen sollen, ist auch für 2025 vom Tisch. Stattdessen wurde ein Teil der Treustraße – einer Seitenstraße der Wallensteinstraße – in eine Fußgängerzone verwandelt.
Wie passt das alles zusammen?
“Viel versprochen, wenig eingehalten”
Ein wenig Aufklärung liefert Barbara Pickel. Laut der stellvertretenden Bezirksvorsteherin (Grüne) hätte die Umgestaltung der Wallensteinstraße rasch erfolgen sollen, da es eine Förderung des „Klimaaktiv“-Programms des Klimaministeriums gab. „Deshalb haben sie innerhalb von drei Wochen eine Befragung aus dem Boden gestampft“, erinnert sie sich.
Vom 3. bis 10. April 2024 konnten Anwohnerinnen und Anwohner ihre Vorschläge und Wünsche zur Neugestaltung der Wallensteinstraße einbringen. Die Stimmen wurden von allen Bezirksparteien gemeinsam ausgezählt und ein vorläufiges Ergebnis erstellt: Die Mehrheit der 900 teilnehmenden Bürgerinnen und Bürger sprachen sich vor allem für mehr Begrünung (745 Stimmen), breitere Gehsteige (558 Stimmen) und Radwege (503 Stimmen) aus. In einem nächsten Schritt hätten die Ergebnisse zusammengeführt, von Experten und Expertinnen geprüft und öffentlich vorgestellt werden sollen. Hätten.
„Uns wurde viel versprochen, aber nichts eingehalten“, beklagt Otto Mittermannsgruber. Der Brigittenauer ist Teil der „20erinnen“, einer Bürgerinitiative, die sich seit 2021 für die Umgestaltung der Wallensteinstraße stark macht. Besonders ärgert ihn, dass “obwohl Partizipation mehrfach versprochen wurde, sind weder die Bürgerinitiative noch Anrainer:innen eingebunden werden.“
“Das eine war wohl, dass das, was bei der Befragung herausgekommen ist, nicht zu ihren Konzepten für die Wallensteinstraße passte. Und das andere, dass sie es einfach einmal liegen lassen wollten, um es nicht zum Wahlkampfthema zu machen“, vermutet die Grüne Barbara Pickel den Grund für den Vorgang.

Das erste Mal, dass so etwas passiert, wäre es nicht. Im Jahr 2020 plante die rot-grüne Stadtregierung Wiens ein verkehrsberuhigtes „Supergrätzl“ im Volkertviertel und führte dazu eine Anrainerbefragung sowie Machbarkeitsstudie durch. Nach der Wien-Wahl 2020 und dem Wechsel zu einer SPÖ-geführten Bezirksvorstehung wurde das Projekt jedoch nicht weiterverfolgt. Ein Journalist des „Grätz-Blattl“ forderte daraufhin die Herausgabe der entsprechenden Studie, stieß jedoch auf Widerstand. Nach einem langwierigen Rechtsstreit entschied das Verwaltungsgericht jedoch zugunsten des Journalisten, woraufhin die Stadt die Studie schließlich fast zwei Jahre später veröffentlichte. Die Ergebnisse zeigten, dass sich die Mehrheit der Anwohner weniger Verkehr, mehr Grünflächen und Freiräume wünschte – Ziele, die das geplante Supergrätzl verfolgt hätte.
Ob die Ergebnisse der Bürgerbefragung zur Wallensteinstraße noch offiziell vorgestellt werden sollen, und wie es überhaupt mit der Umgestaltung weitergehen soll, lässt die Bezirksvorstehung noch offen. “Wir nehmen die Ideen und Anregungen der Bürgerinnen und Bürger sehr ernst. Bei der Befragung haben uns weit mehr Vorschläge erreicht als wir ursprünglich angenommen haben. Daher war es notwendig, die Auswertung extern durchführen zu lassen“, teilt der Sprecher der Bezirksvorsteherin mit. Warum genau es bei der Auswertung zur Verzögerung kam, will er allerdings nicht ausführen. „Die Wallensteinstraße ist für den Bezirk zu wichtig – insbesondere in Hinblick auf die Portalwirkung zum Nordwestbahnhof – als dass sie aufgrund von Verzögerungen die nicht in unserem Bereich liegen, zum billigen Wahlkampfthema werden sollte“, so der Sprecher von Christine Dubravac-Widholm.

Das ursprünglich für die Wallensteinstraße vorgesehene Budget wurde durch eine Sondersitzung im Bezirksrat im Sommer 2024 jedenfalls umgewidmet und stattdessen in die Umgestaltung eines kurzen Teils der Treustraße gesteckt.
Den Bau der 95 Meter langen Fußgängerzone sieht Mittmannsgruber als „Trostpflaster“ für verweigerte Wünsche im Zentralraum der Brigittenau, wo Bürger:innen schon seit Jahren eine Verkehrsberuhigung fordern. „Die Treustraße wirkt vollkommen verwaist, vielleicht weil es in dem umgebauten Abschnitt nur wenige Wohnhäuser und kein einziges Geschäft gibt“, kritisiert er. Barbara Pickel begrüßt die Umgestaltung zwar prinzipiell, sieht sie aber in kein größeres Verkehrskonzept eingebettet. „Es ist halt so unmotiviert in den Bezirk hineingesetzt“, sagt sie. Für die Wallensteinstraße erhoffen sich beide mehr.
Es wäre schon schön, sagt auch Regina, wenn es hier endlich getrennte Radwege gäbe und ein bisschen mehr Grün. Sie kennt das Viertel gut, ihre Tante hat immer hier gewohnt. Seit ihrer Kindheit kommt sie regelmäßig her. “Ich mag das Grätzl sehr gern“, sagt sie: „Ich wollte auch nicht wegziehen, aber ich habe direkt auf der Klosterneuburger Straße gewohnt, und der Straßenlärm war auf Dauer einfach nicht mehr auszuhalten.”
Siehe auch: Kommentar zur Wallensteinstraße
Naz Küçüktekin hat journalistische Erfahrungen unter anderem bei Kurier, Profil und Biber gesammelt. Sie lebt in der Brigittenau hat mehrere Preise gewonnen, unter anderem den Wiener Journalismus-Gesundheitspreis.
„Portal zum Nordwestbahnhof“ kann vieles heißen.
Man munkelt ja auch, dass es sogar noch ein drittes Gleisbett geben soll, und ein „Hochbeet“ für die Bim. Also insgesamt noch mehr Verkehrsfläche, denn logischerweise würde das dann alle anderen Verkehrsteilnehmer noch weiter an den Rand drängen und dann wäre kein Platz mehr für breite Gehsteige, Bäume und Grün.
Das würde alles auf Kosten der Anwohner gehen, die auf weitere Jahrzehnte mit einer toten, grauen Durchzugsstraße leben müssten. Schlimmer noch, mit einem „Bim-Hochbeet“ könnte man als Radler nicht mal mehr links oder rechts abbiegen.
Und die Politik kann sich feige hinter den Wiener Linien verstecken. Da könne man halt nichts machen, die Dreifach-Bim wird gebraucht für den Nordwestbahnhof, Pech gehabt, liebe Anwohner. Aja, und mehr PKW-Verkehr bekommt ihr kostenlos dazu, weil wir bauen 6.000 neue Stellplätze im NWBH und die müssen ja alle raus und rein über die Wallenstein. Aber ihr seids nur Arbeiter und Migranten ohne Autos, also gebt’s bitte Ruhe, der neue Bobo-NWBH geht jetzt mal vor.
Und schaut, hier bauen wir noch eine 20m lange Nebenstraße zur Fußgängerzone um, was wollt ihr eigentlich?
Man kann nur hoffen, dass die erneuerte Brigittenauer SPÖ uns Anwohner nicht vergisst und die Wallensteinstraße endlich eine grünes, fußgängerfreundliches Zentrum des Bezirks wird. Auch Arbeiter und Migranten haben ein Recht auf Lebensqualität!
100% Zustimmung
Seit 45 Jahren bin ich Brigittenauerin – auf meiner Strassenseite ist Brigittenau, auf der gegenüberliegenden Leopoldstadt. Ich würde nie wegziehen. Ich erleben mit, wie immer mehr Grünflächen verschwinden. Schauen wir nur auf den Gaußplatz! da blühten früher Rosensträuchen und Jasmin – ich wünschte, wir könnten die Wallensteinstrasse einfach aufreißen und ein offenes Blumenfeld draus machen. Für Fußgänger, RadlfahrerInnen und Strassenbahnen.
Warum können wir nicht etwas Neues ausprobieren?
verbleibe mit hoffnungsvollen Grüßen
Konstanze Breitebner
Für mich sind die Begründungen der Brigittenauer SPÖ-Bezirksvorstehung alles Ausreden, um den BrigittenauerInnen, die unter der offensichtlichen Handlungsunfähigkeit der Bezirksvorsteherin leiden, nicht die wahren Gründe, die vermutlich in der Uneinigkeit auch der wienerstädtischen Sozialdemokratie zu suchen sind, für die Verzögerungen bei der Wallensteinstraße mitteilen zu müssen. So hat die selbstauferlegte Lähmung der Bezirksvorsteherin Dubravac-Widholm, etwas beim Thema „Mistplatz Dresdner Straße“ weiterzubringen, sicher auch nichts mit dem aktuellen Wahlkampf zu tun:
„Die einzigen Möglichkeiten liegen also im 2. Bezirk und da kann und will ich mich nicht einmischen, bis auf einen Punkt: Wir brauchen dringend einen Mistplatz auf der Insel!“ (Bezirkszeitung 25.7.2023)
Vielleicht täte es der Brigittenauer SPÖ auch bezüglich Wählerstimmen gut, zur Abwechslung mal etwas mehr Transparenz a la Schweden walten zu lassen. Denn wenn WählerInnen die wahren Gründe für Verzögerungen erfahren (dürfen), wächst Verständnis, Vertrauen, Glaubwürdigkeit und sinkt Politikverdrossenheit.
Vollkommen richtig, leider