Mein Weg in die Leopoldstadt
Nach ihrem Umzug in den 2. Bezirk lernte die Korrespondentin der “Süddeutschen Zeitung” erstmals das jüdische Leben Wiens kennen. Und musste sich damit auch ihrer eigenen Familiengeschichte stellen. Ein Erfahrungsbericht.
Text: Cathrin Kahlweit

Dies ist eine „Ich-Geschichte“. Journalistinnen in klassischen Medien lernen früh, dass Ich-Geschichten nicht erwünscht sind: zu viel Befindlichkeitsjournalismus, zu wenig Distanz zum Thema. Aber hier geht es genau darum: Um Befindlichkeiten und Annäherung, nicht Distanz – und darum, wie sich mein inneres und äußeres Ich an die Leopoldstadt angenähert und biografisch mit ihr verwoben hat.
Bis vor einigen Jahren kannte ich den Bezirk nämlich nur aus London, aus dem Wyndham’s Theatre. Dort hatte ich als Korrespondentin der “Süddeutschen Zeitung” die Premiere von Tom Stoppards Stück “Leopoldstadt” über vier Generationen einer jüdischen Familie in Wien gesehen und rezensiert. Das setzte den Ton für später.
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In London hatte ich unweit des Stadtteils Golders Green gelebt, in dem sich ein Teil der orthodoxen, jüdischen Community angesiedelt hat. Es war meine erste Begegnung als Deutsche, die in der Nachkriegszeit geboren ist, mit einer kulturellen Diversität, die ganz selbstverständlich auch Männer mit Schläfenlocken und tellergroßen Pelzhüten und Frauen mit Perücken und wadenlangen Röcken einschloss. Während des Covid-Lockdowns hatte ich zudem ausgedehnte Wanderungen durch die Metropole gemacht und in Stamford Hill fasziniert beobachtet, wie orthodoxe Juden am Schabbat in ihren Vorgärten gemeinsam beteten, weil die Synagogen geschlossen waren.
In Deutschland verstecken mittlerweile die meisten Juden ihre Kippa unter einer Cap und ihre Ketten mit Judenstern unter einem Schal. Allein 2024 wurden etwa 5.000 antisemitische Straftaten registriert. Das ist doppelt so viel wie vor 20 Jahren. In Österreich meldete die “Antisemitismus-Meldestelle“ der Israelitischen Kultusgemeinde, zumal nach dem Massaker vom 7. Oktober 2023, ebenfalls einen massiven Anstieg der An- und Übergriffe.
20 Synagogen, koschere Supermärkte und Bäckereien
Vor dem Umzug nach Großbritannien hatte ich eine Weile im 8. Bezirk gewohnt. Für die Rückkehr nach Wien liebäugelte ich mit dem 9. Bezirk, strich den 7. Bezirk wegen gehobenen Bobotums aus meiner inneren Liste, befand den 18. und 19. wegen einer Kombination aus Hügellage und fehlenden Fahrradwegen als zu anstrengend und den 3., 4., 5. und 6. als zu benzingrau und autogerecht. Sicher ungerecht, das alles, aber wer an der Lerchenfelder Straße lebt und als einziges Grün im Umfeld zwischen dem handtuchgroßen Tigerpark und der Wiese vor dem “25hours” schwankt, ist Kummer gewöhnt.
Es zog mich hinüber in die Leopoldstadt. Ich landete erst in der Praterstraße, dann am Volkertmarkt, zuletzt am Nestroyplatz. Ich las über die Geschichte der „Mazzesinsel“ und das Ghetto, besuchte das einigermaßen verstaubte Bezirksmuseum mit seinem Themenschwerpunkt zu den 1938 zerstörten Synagogen und den Leopoldstädter Opfern der Shoah. Und freute mich unbändig über die jüdischen Buben, die mit ihren Tretrollern und wehenden Schläfenlocken über die Taborstraße düsten.

Ich ging auf Führungen durch die Relikte jüdischer Kultur, die in der NS-Zeit zerstört worden war, und auf Touren durch die Welt, in der sich jüdisches Leben wieder angesiedelt hatte: Auf engstem Raum gibt es in meinem Umfeld Dutzende koschere Delis und jüdische Supermärkte, koschere Pizzerien und jüdische Buchhandlunge neben schicken Promi-Bars und türkischen Halal-Supermärkten.
Man kann in der Leopoldstadt in einer Bäckerei traditionelles Challah, jüdisches Zupfbrot, kaufen und in einem koscheren Imbiss Schawarma essen kann. Es gibt etwa 20 Synagogen, ein Dutzend jüdische Schulen und jüdische Sportvereine. Jungen mit Schläfenlocken fahren auf Fahrrädern von der Schule heim, orthodoxe Väter mit Kinderwagen im Augarten, fein gekleidete Großfamilien auf dem Weg zum Tempel.
In Deutschland aus dem Straßenbild verschwunden
All das ist Alltag, sofern man die Polizisten vor den Synagogen und die Mauern um die Schulen, die Sicherheitskameras in den Restaurants und Hassbotschaften an Hauswänden zum Alltag dazurechnet. Aus Angst vor Angriffen waren in den ersten Monaten nach dem Hamas-Massaker vor anderthalb Jahren viele Restaurants und Shops geschlossen oder verbarrikadiert.
Mittlerweile ist es wieder ruhiger geworden. Viele Läden sind jedoch mangels Kundschaft, die sich nicht auf die Straße traute, eingegangen, andere machen nur zögerlich wieder auf. Die neue Normalität nach dem 7. Oktober 2023 ist eine andere, eine noch fragilere geworden.
Aber es ist meine Begegnung mit einer jüdische Normalität, die, in Teilen zumindest, immerhin sicht- und erlebbar ist. In Deutschland sind Chassiden aus dem Straßenbild weitgehend verschwunden. Jüdische Einrichtungen, mehr noch als in Österreich, machen sich möglichst unsichtbar.

Ich gehöre zur ersten Nachkriegsgeneration, mein Vater war, als Kind, von seinen Eltern in eine „Nationalpolitische Lehranstalt“, eine Eliteschule der Nazis, geschickt und als 17jähriger noch zur letzten Reserve eingezogen worden. In seinen Erinnerungen, die ich erst nach seinem Tod vor zwölf Jahren gelesen habe, schildert er, wie er Berlin mit wenig mehr als einem Gewehr verteidigt und sich bis zur Kapitulation tagelang vor lauter Angst in einem Straßengraben versteckte. Er sei das gewesen, was man heute “komplett brainwashed“ nennt. Und er las später alles, was es über die Verbrechen der Nazis und den Holocaust zu lesen gab. Sein politisches Engagement zielte auf Versöhnung und Verständigung. Seine Scham trug er mit sich wie einen schweren Rucksack, den er zeitlebens nicht ablegte.
An manchen Tagen fühle ich mich wie eine Zuschauerin an einem Leben, das meine Vorfahren zu vernichten versuchten.
Auch deshalb habe ich mich, wie viele aus meiner Generation, mit Erleichterung oder vielleicht sogar mit stiller Genugtuung darüber gefreut, dass jüdisches Leben in den Ländern der Täter, in Deutschland und ja, auch in Österreich, immerhin wieder möglich ist. Und fühle mich doch an manchen Tagen bei meinen Spaziergängen wie eine Vergangenheitsbewältigungstouristin. Wie die Zuschauerin an einem Leben, das meine Vorfahren zu zerstören und zu vernichten versuchten und in dem ich nichts zu suchen habe. Wie eine Kitschnudel, die neue, schöne Selbstverständlichkeiten sucht, wo keine sind, und wie eine Geschichtsklitterin, die über Risse und Krater, Hass und Angst hinwegschaut. Die Leopoldstadt ist wie eine tägliche Begegnung mit meiner Nationalität und meiner Familiengeschichte. Mühsam. Aber unausweichlich.
Die Leopoldskirche an Stelle der zerstörten Synagoge
1938, bevor die Nazis mit ihrem großen Morden begannen, lebten in der österreichischen Hauptstadt fast 200.000 Juden; es war die drittgrößte Gemeinde in Europa. Ihre Geschichte reicht zurück bis ins 12. Jahrhundert, Ansiedlungen und Vertreibungen, Duldung und Pogrome wechselten sich ab. Ausgerechnet die Leopoldstadt verdankt ihren Namen jenem Kaiser, der 1670 die Juden aus Wien vertreiben ließ. Die Große Synagoge wurde damals zerstört und ihrer Stelle die Leopoldskirche errichtet, die heute noch so heißt.
Erst die Toleranzpolitik des Habsburger Kaisers Joseph II. führte schrittweise zur jüdischen Emanzipation, Assimilation, zu Teilhabe. Ein kurzes Privileg auf schwankendem Boden. Es folgte eine gute, wenn auch historisch gesehen sehr kurze Zeit: Die Leopoldstadt wurde jüdisches Zentrum, es gab jüdische Theater, jüdisches Kabarett, eine ausgedehnte jüdische Infrastruktur an Schulen, Krankenhäusern, Altenheimen, Bethäusern, Talmud-Schulen.
Doch der Judenhass der konservativen Salons und Politik rund um den Antisemiten Karl Lueger führte schnell und fast nahtlos zum Auslöschungsfanatismus der Nazis.
In keiner anderen Stadt, schreibt Klaus Lohrmann in dem Standardwerk “Jüdisches Wien“, nahm der Antisemitismus dermaßen offen sadistische Züge an wie in der Hauptstadt der Ostmark nach dem “Anschluss“. 120.000 Juden konnten sich aus dem großen Ghetto retten, durch Flucht, durch Auswanderung. 65.000 Juden wurden von Hitlers Schergen deportiert und ermordet.
Rituale der Großväter und deren Großväter
Im Krieg hatten in Wien nur ein paar hundert Juden im Untergrund überlebt. Die meisten Neuankömmlinge, die sich wieder in der Leopoldstadt ansiedelten, kamen aus Osteuropa, viele wanderten nach Israel und in die USA weiter, einige kamen zurück. Eine Welle kam mit dem Ungarnaufstand, eine weitere nach dem Zerfall der Sowjetunion.
Ein großer Teil der orthodoxen Juden im 2. Bezirk sind Satmarer. Die Chassiden sind Anhänger – und Nachfahren – ultraorthodoxer Gemeinschaften aus Osteuropa, die von den Nazis weitgehend ausgelöscht wurden und sich nach dem Krieg in Israel und den USA, aber auch in einigen Großstädten Europas wie Antwerpen, London oder Wien neu gegründet haben.
Die Traditionen, die Rituale der Altvorderen weiterzutragen, sich eins zu fühlen mit ihren Großvätern und deren Großvätern, das sei ihre Berufung, sagte mir einer, den ich bei einer Erkundungstour durch das Viertel kennengelernt hatte, und der mir einen Einblick in sein Leben gab. Ich sagte ihm nicht, dass mir das mit Blick auf meine Großväter und deren Großväter schwer falle. Aber ich hätte ihm gern meinen Vater vorgestellt, der dieses Leben nur noch aus Romanen kannte. Es hätte seinen persönlichen Rucksack vielleicht ein ganz klein wenig leichter gemacht.

Cathrin Kahlweit
Cathrin Kahlweit war über viele Jahre Redakteurin und Auslandskorrespondentin der "Süddeutschen Zeitung". Jetzt arbeitet sie als freie Journalistin und Moderatorin in Österreich und Deutschland.