Wien zerstört sein industrielles Erbe
Kommentar von Bernhard Odehnal

Die Wiege der österreichischen Sozialdemokratie steht im Süden Wiens. Besser gesagt: Dort stand sie einmal. Nämlich in den Ziegelwerken am Fuß des Wienerbergs, wo sich der Arzt Victor Adler einschlich und danach die furchtbare Lage der Ziegelarbeiter beschrieb. Was wiederum zur Gründung der Arbeiterpartei führte. Die Ziegelwerke gibt es nicht mehr. Heute stehen dort Gemeindebauten und aus den Lehmgruben wurde ein Erholungspark.
Nichts erinnert mehr an die Industrie, nichts an das Elend der Arbeiterinnen und Arbeitern. Anfang der 1980er Jahre ließ die Wiener SPÖ sämtliche Gebäude abreißen, die Ziegelöfen und die Wohnhäuser der Arbeiter. Die Erinnerung an die eigene Geburt wurde von den Sozialdemokraten ausgelöscht. Nur die ehemalige Kantine blieb stehen.
Viele andere Industriekomplexe in der Stadt wurden ebenso ausradiert. Die Lokomotivfabrik in Floridsdorf etwa. Oder die Brauerei in Liesing. Riesige Areale mit architektonisch und kulturhistorisch wertvollen Gebäuden wichen trostlosen Parkplätzen und Supermärkten. Von den traditionsreichen Pauker-Werken in Floridsdorf sollte inmitten eines neues Bürokomplexes als Erinnerung wenigstens ein Stück Ziegelwand stehen bleiben. Doch auch sie verschwand. Offenbar stand sie jemandem im Weg.
Wien ist stolz auf sein historisches Zentrum mit den gotischen Kirchen und den barocken Häuserzeilen. Doch für das industrielle Zeitalter scheint man sich zu genieren.
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Auch in Wien werden alte Industriehallen erhalten und umgebaut. Aber der Drang zur Zerstörung ist immer noch groß
Andere europäische Städte geben schon länger mehr Acht auf ihr industrielles Erbe. Alte Industriehallen werden in neue Gewerbegebiete, in kommunale Zentren oder Wohnanlagen umgebaut. Wie etwa eine riesige Zementfabrik in Barcelona. Oder die Sulzer-Werke im Schweizer Winterthur. Es gibt solche Beispiele auch in Wien: Die Ankerbrotfabrik in Favoriten, zum Beispiel. Oder die Marx-Hallen. Aber der Drang zur Zerstörung ist immer noch zu groß.
Auf dem Gelände des ehemaligen Nordbahnhofs blieb ein Wasserturm aus den Anfängen des Bahnbaus erhalten. Aber die Kohlerutschen wurden zugeschüttet, die Bauten ringsum abgerissen. Der Wohnbau hatte Vorrang. Kein Museum, keine Ausstellung, keine Gedenktafel erinnert daran, dass hier tausende Menschen für kargen Lohn Kohle von Waggons schaufelten und die ganze Stadt mit Heizmaterial versorgten.
Nun wird auch das Areal des Nordwestbahnhofs verschwinden. Zwei alte Lagerhallen sollen erhalten bleiben, doch ihre Nutzung ist ungewiss. In der riesigen Bahnhofshalle betraten in der Monarchie böhmische Bauern und mährische Dienstmädchen zum ersten Mal den Boden der Hauptstadt. Später wurde hier die weltweit erste künstliche Skipiste gebaut und ein paar Jahre danach traten hier Göring und Hitler auf. Die Halle gibt es schon lange nicht mehr. Der Bahnhof hätte aber eine Dokumentation seiner bedeutenden und teilweise sehr düsteren Geschichte verdient. Bis jetzt gibt es dazu keine Pläne.
Bei der Entwicklung des Nordwestbahnhofs zum Wohnviertel legen die ÖBB und die Stadt Wien Wert auf qualitätvolles Bauen und viel Grünraum. Kaum jedoch auf den Erhalt historischer Bauten. Dabei wäre das Nordwestbahngelände die letzte Chance für die Stadt, dem industriellen Erbe einen gebührenden Stellenwert zu geben. Die Freimachung des Geländes hat erst begonnen. Noch ist es nicht zu spät!
Bernhard Odehnal lernte Journalismus bei der Stadtzeitung „Falter“ und war danach als Korrespondent und Reporter für österreichische und Schweizer Medien tätig. 2025 kehrt er mit der Gründung von „Zwischenbrücken“ in den Lokaljournalismus zurück. Er lebt in der Leopoldstadt.